Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Bloch’s Jahrgang xxnc Zentraloroan kür die gesamten Interessen des Judentums« —- Wien, 12. Jänner 1912 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. OCj ■ ■■■ '-=0O p Bejitgatrrei» für ßrftrrreidi: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Nnslsnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2nal gespal» lene Petttzeile Heller. C nO -Qo og Q =00 Q N. kr. PoMparksssenamt Slearing-VerN ebr Vir. S10.S76. Redattion und Administration. W itn IX/if Hahugaffe Nr. 15. _ Telefon Nr. 14.847. w oO ■ --On Inhalt: Leitartikel: Kommunale Braunkohlen. — Der neu; Schauplatz des Kampfes um die R'chte der russischen Juden. — Jüdisch B bliotheken uid ihre Mäcene. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Von der Bibl-olhek des Baron David Gm,bürg. Ein Huldlqungsadreffe auf einen Weitenkorn. Schalom Asch in London. Der wü'ttembergische Oberknchenrat über die Leichenverbrennung Ein Lektorat für talmudische W ssenschast an der Leipziger Universität. Au svllung einer alten Synagoge. Die Erhaltung unsere Inged Mr das Judentum. — Korrespondenzen: Der Empfang Dr. Blochs in N;w-Aork. Otff ntliche Plenarsitzung deS Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde am 7. Jänner 1912. Verbandstag der israelitischen R ligionSlehrer. Generalversammlung des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines. Die Gemeindewahlen in Karlsbad. Ein jüdischer Drputierter im türkischen Parlament. Der Besuch de»- englischen Parlamentarier in Rußland. — Vermischtes. — Feuilleton: In der Höhle des Löwen. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Kommunale Braunkohlen. Wenn die letzten Christlich-Sozialen hinausgeflogen sem werden — der Termin dafür sind die nächsten Wahltermine — so werdeu ihre Nachfolger einen wahren Augiasstall zu reinigen haben. Aller Schmutz dieses Stalles stammt von den Krippen her. an denen sich diese Schandpoliti.er auf kosten der Steuerzahler mästen. Wahrlich, die Bürger von Wien bringen eine riesige Geduld auf, wenn sie diese Leute nicht buchstäblich mit dem Besen aus dem Rathaus hinausjagen. Die Christlich-Sozialen sind nur geriebener als die anderen Verbrecher, sonst wären sie schon längst eine sichere Beute des Staatsanwalts. So können sie sich mit großen Orden und schweren Millionen aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, das sie durch fünfzehn Jahre hindurch erbärmlich beschmutzt und besudelt haben, und sie können zum Schluß eine Rede halten wie jener dunkle Ehrenbürger des Witzblattes, welchem man seines Geldes wegen ein Bankett geben mußte und der bei diesem die berühmte Rede hielt: „Fünfzehn Jahre leb' ich jetzt unter euch und nichts könnt ihr mir beweisen." Dank der Regierung, welche den skrupellosen Demagogen geholfen hat, auf kosten der unschuldigen Iuden in die Höhe zu kommen, konnten sich die Retter des kleinen Mannes schamlos bereichern und haben in weiser Voraussicht des völligen Unterganges nur mehr ein einziges Bestreben: Für sich persönlich so viel als möglich in die Vergessenheit mitzutragen. Da ist nun in der Vorwoche wieder ein famoses Stück geleistet worden. Die stark notleidende und mit passiven Anlagen überlastete Gemeinde beschloß, das Zillingdorfer Braunkohlenwerk um 1,300,000 R. anzutaufen. Gemeinderat Frank, der eine kaufmännische Kapazität ist und bei der Budgetdebatte einen sehr beachteten Faktor darstellt, hielt auch bei dieser Gelegenheit eine scharfe Anklagerede und wies nach, daß man bei dem Ankauf einer finanziellen Katastrophe entgegenj gehe. Nicht nur werde man noch zwölf bis achtzehn r Millionen (!) aufwenden müssen, um das Bergwerk er-! giebig zu gestalten, sondern es sei die Fragte, ob diese ' Investitionen überhaupt etwas nützten. Kenner dieser Gewerke hätten eine so schlechte Meinung von den Kohlengruben, daß einer von ihnen diese ewig passiven Schächte mit einem Verlust von drei Millionen Kronen losgeschlagen hätte. Das Werk sei vor einiger Zeit auf dem Markte um 750.000 K. angeboten und zurückgewiesen worden. Die Gemeinde hätte also wenigstens die Pflicht, den Kaufschilling herunterzudrücken und ein Unterangebot zu machen. Das sind Argumente von so zwingender Gewalt, daß sich ihnen niemand verschließen kann, wenn er auch noch so wenig kaufmännisches Ver» ständnis besitzt. Kein Geschäftsmann der Welt, der das Projekt nicht energisch zurückgewiesen hätte. Der Geschäftsmann arbeitet dabei schließlich nur mit eigenem Geld und ist nur sich selber verantwortlich. Wie viel heikler, sorgfältiger und gewissenhafter müßte also jemand vorgehen, der mit öffentlichen Geldern hantiert und der Gemeinschaft der Bürger verantwortlich ist! Ohne jedes Bedenken wurde jedoch die Vorlage durchgepeitscht und der Kauf zum Beschlüsse erhoben ohne auch nur den mindesten, zweifellos erfolgreichen Versuch, eine niedrigere Kaufsumme zu erreichen. Das war selbst für Christlich-Soziale ein so starker Tabak, daß mehr als die Hälfte der Varrierestöcke in der denkwürdigen Sitzung fehlte, in welcher sich die derzeitigen Stadtväter in Kohlengruben endgültig begruben. 62 Gemeinderäte stimmten für den Kauf, 15 dagegen, und 74 Leute von der Majorität fehlten ganz. Durch diese Vogel-Strauß- Politik werden sich die Abwesenden aber nicht retten. Sie hätten gegen den Kauf stimmen müssen, der einen tiefen Griff in die Taschen der Steuerzahler bedeutet. Es ist nicht festgestellt, ob Herr Hatzl auf der Galerie des Gemeinderates der Sitzung beiwohnte und ob er sehr erheitert war von der Abstimmung. Aber wenn es der blinde Zufall wieder fügen sollte, daß gerade zur Zeit des Kohlengeschäftes der Gemeinde Wien wieder einige Mitglieder der antisemitischen Antikorruptionspartei wohlhabend geworden sein sollten, so wird man sich schwerlich wundern. Zwei Tage nach dem Abschluß des schönen Geschäftes wurde der christlichsoziale Parteitag abgehalten und viel