Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. i Seite i-3 Dr. Blochs WochMchrift den oder sich über sie entrüsten. Man kann eigentlich beides zugleich, denn die Lächerlichkeit hebt die Charakterlosigkeit nicht auf, sondern steigert sie sogar. Die komische Wirkung auf der Bühne wird dadurch erzielt, daß ein unmöglicher Gesellschaftskreis, die schlecht getauften Mitglieder der Familie Meyer, mit einem anderen unmöglichen Gesellschaftskreis, den schlecht erzogenen ostelbischen Landjunkern, in Berührung gebracht wird. Zu der Lächerlichkeit sui «eueiis kommt solcherart noch die Possenwirkung drastischer Situationen. Aber nicht vom Stück wollte ich reden, das ja das Problem der Massenlaufen nur flüchtig und oberflächlich fahl, sondern vom Publikum, das allabendlich das kleine Theater füllt. Den zwei einander wesensfremden Gesellschaftskreisen droben auf der Bühne sitzen unten im Parquett drei ineinander fliehende Gesellschaftskreise gegenüber: Juden, Getaufte und Arier. Sie alle lachen aus vollem Halse, obwohl vielleicht jedermann fühlt, daß die Vorgänge dort oben im Reiche des Scheines nur eine Wirklichkeit persiflieren, die zum Weinen ist. Der Neffe, der sich teils aus Liebe, teils aus Strjeberei tauft, der Onkel, der mit der Taufe eigentlich nur einer großstädtischen Modetorheit huldigt, und der alte Geheimrat, der aus öder Titelsucht den Glauben seiner Väter abgeworfen hat, repräsentieren die einzelnen Spielarten der Abfalljuden im Publikum. Weder oben noch unten findet sich einer, bei dem sich von Ueberzeugung reden liehe. Also bitte, da sitzen Juden. Getaufte und Arier. Unter den letzteren natürlich auch mancher Antisemit von Beruf. Ich sah eine in jüngster Zeit stark im Niedergange befindliche christlich-soziale Größe, die sich ganz ausgezeichnet unterhielt. Das ist ja wohl begreiflich. Die Arier, und besonders die antisemitischen, sind ja diejenigen, die der Sache am unbefangensten gegenüberstehen und denen sich die tragische Seite am wenigsten, die lächerliche Seite am stärksten aufdrängt. Dann sind es die Juden, die mehr oder minder guten Juden, die auch noch mit einer gewissen Herzhaftigkeit lachen. Aber in diesem Lachen schwingt schon ein Ton von Verdruß, von Bitterkeit, von Widerwillen mit. Diese Karikaturen von Juden, die dort oben im hellen Rampenlichts aufmarschieren, reizen ja zur Heiterkeit, aber sie sind auch dem Judentum zum Gespülte. Das ahnt und empfindet mancher der Zuhörer, und während er lacht, krampft sich ihm das Herz zusammen darüber, daß ein Gebreste eines Volkes hier zur öffentlichen Erlustigung dient. Am interessantesten aber ist das Lachen der Getauften. Es ist eine Art bellenden, keuchenden, ächzenden Lachens, hinter dem sich Scham und Wut verbergen. Sie 'wiehern am lautesten, weil sie die Stimme in ihrem Innern zu übertönen suchen, die ihnen zuruft, daß sie, ja sie selbst, so dumm, so lächerlich sind, wie die Mitglieder der Familie Meyer und daß diese gesellschaftlich unmöglichen Menschen dort oben ihr eigenes, wohlgetroffenes konterfei sind. Sie wiehern am lautesten, weil sich während der Vorstellung zahllose Blicke auf sie richten, die sich nicht entblöden, ihre eigene Schmach hier zur Schau zu tragen, und weil sie diesen boshaften Blicken beweisen wollen, dah sie sich ja gar nicht getroffen fühlen. Aber sie fühlen sich getroffen! Ich habe sie genau beobachtet und ich sah, wie ihre Lippen zitterten, wie ihre Hände sich ballten und wie auf ihrem Antlitz die Röte der Scham mit der Blässe des Zornes wechselte. Sie haben es empfunden, dah Welt und Bühne hier sich verkehrten. Daß die Komödianten dort oben die Wirklichkeit darstellten und dah sie, die Wirklichkeitsmenschen, die Realisten, nur armselige Komödianten sind, und noch dazu solche, die ihre traurigen Rollen viel schlechter spielen, als die echten Schauspieler ihre lustigen. Am Ausgang des Theaters hielt mich ein alter Bekannter an. Er trägt seit kurzer Zeit einen zweifachen Vornamen. „Ru, wie hat Ihnen das Stück gefallen?" fragte er lauernd. „Ich finde es sehr lustig." antwortete ich mit begreiflicher Zurückhaltung. „Lustig, ja, aber es ist von einer abgeschmackten Lustigkeit oder lustigen Abgeschmacktheit," erwiderte der Mann mit dem doppelten Vornamen, und eine gewisse Gereiztheit kam in Ton und Geberde zum Durchbruch. „Ich bitte Sie, da wird ja die ganze Welt verspottet." „Verzeihen Sie," replizierte ich, „aber Sie werden doch nicht behaupten wollen, dah schon die ganze Welt getauft ist! Ich meine vielmehr, dah die Getauften in unserer Gesellschaft eine neue Kategorie von Halbwelt repräsentieren." Er ging ohne Gruß von dannen. Fl. Fraryi Wohl gestorben 28. XII. in Kattowitz. Ich lege an dein Grab kein Steinchen und keine Blume, weil Grenzpfähle mich daran hindern, aber ich will dir ein paar Worte der Erinnerung weihen, weil du. selbst noch ein Kind, so vielen armen, kranken kleinen Geschöpfen Liebes erwiesest! Als ich vor Jahren unsere Skrofulosen-Kolonie in Grado beaufsichtigte, sah ich in einem Wägelchen eine verkümmerte Kindergestalt, welche die geistvollen Züge eines erwachsenen Menschen trug. Beim Passieren hörte ich meinen Namen rufen, und da ich diese Leidensgestalt nie gesehen, so fragte ich, woher sie mich kenne. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß die sprechenden Augen dieses Kindes färb- und leblos waren. Die kleine Gelähmte hatte meine Stimme erkannt, die sie vor einem Jahrzehnt bei Gelegenheit einer Chanukafeier im Blindeninstitute gehört hatte. Der Menschheit ganzer Jammer fahle mich an, als ich mich diesem kleinen weiblichen Hiob näherte, und von dieser Stunde an verband mich eine innige Freundschaft mit ihr, die ich im Laufe der Zeit als groß angelegte Natur kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Es war ein merkwürdiges Geschöpf voll hoher geistiger Fähigkeiten. Unfähig zu lesen war sie dennoch mit der neuesten Literatur innig vertraut. Am Körper gelähmt, unfähig zu selbständigen Handlungen, schuf sie sich mit Hilfe ihrer Familie einen Wirkungskreis, dessen Wohltaten weit über die Grenzen ihres Städtchens hinausgingen. In diesem kleinen verkümmerten Körper wohnte eine große Seele echten, wahren Menschentums! Dazu eine süße Stimme, die den Zuhörern Tränen entlockte. Aber auch ihr kerniger Humor fand immer ein heileres Publikum. Wenn sie mit ihrer schönen, sonoren Stimme klassische und moderne Dichter interpretierte. so trat selbst in dem muntersten Kreis spielender Kinder lautlose Stille ein. Ihr einziges Vergnügen war, ein Auditorium von Kindern zu haben, das sie in das Reich der Poesie führte. Wie gerne lieh ich ihr unsere Kinderschar, die sie liebevoll umringte, um sich einerseits an ihren Darbietungen zu erfreuen und andererseits von ihr Anleitungen für Gesang und Dialektik entgegenzunehmen. Wie gut aufgehoben waren sie bei der blinden Beschützerin! Sie war für uns die Prämie für braves Verhalten und wurde von uns als höchste Autorität für zu spendendes Lob und Tadel benützt. Und welche Freude hatten die Kinder immer, wenn am Nachmittag das kleine Wägelchen auf unser Heim lossteuerte! Wie das Mädchen aus der Fremde,