Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 8 Nr. 1 Dr. BLochs WochMschrift lesungen bei Gelegenheit immer und immer wieder auf die Bibel als einen Quell erhabener, ewiger Wahrheiten hinweist, mag er selbst im Ausbeuten des Schristworts oft zu kühn, im Symbolisieren der Handlung gar phantasiereich erscheinen. Von Bedeutung ist das Wort, das Lefmann zur Verteidigung und Verherrlichung des Judentums spricht, darum, weil er dem Bekenntnis mit den Lippen das der Tat folgen läßt. Diesem philosophisch geschulten Philologen, in dem die Einflüsse eines Hegel, eines W. v. Humboldt noch heute lebendig sind, ist das Judentum mcht etwa nur eine mit biblischen Redewendungen ausgepichte allgemeine Humanität; dem gelenkten Sprach- und Mythensorscher sind Sabbath- und Speisegesetze nicht etwa Ueberreste finsteren Aberglaubens, sondern heilige, wohlzubefolgende Vorschriften. Und wer jemals dabei anwesend war, wie er in Stunden des Gedenkens das tägliche Gebet mit Inbrunst und Würde vor versammelter Gemeinde vorträgt, der weiß, daß dieser Mann unser ist. So entzog er sich denn auch nicht dem Ruse seiner Glaubensgenossen in Heidelberg, seiner zweiten Heimat, die ihn bald, nachdem er sich hier ansässig gemacht hatte, in den Vorstand ihrer Gemeinde beriefen, dem er alsdann auch viele Jahre angehörte. Auch zahlreichen jüdischen Wohllätigkeitsinstitutionen widmete er Rat und Beistand, so oft man sein begehrte. Zu einem Hervortrcten im weiteren jüdisch-politischen Leben ließ die angestrengte wissenschaftliche Arbeit, die auch noch des Achtzigjährigen ganze Kraft in Anspruch nimmt, Lefmann nicht kommen. Doch hat er seine Stellung zum Judentum oft genug auch in jüdischen Kreisen an vielen Orten und durch zahlreiche Vorträge zum Ausdruck gebracht. Und wer es sich nicht verdrießen laßt, den liebenswürdigen Gelehrten in seinem Studierzimmer zu besuchen, von deffen Wänden neben vielen anderen Folianten uns auch manches Werk der talmudischen Literatur traulich anheimelnd begrüßt, der wird sehen, wie über sprachwisienschastliche Themen, Erinnerungen aus der Glanzzeit der Heidelberger Universität in den Sechziger und Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, geistvolle Bonmots und interessante Reisebeschreibungen hinweg, die Unterhaltung immer wieder sich zu Themen über jüdische Glaubenslehre oder jüdische Weltauffassung lenkt. Und mag der Zuhörer manchmal befremdet sein über ein Wort, manchmal von einer feinsinnigen Bemerkung freudig überrascht, das eine wird ihm gegenwärtig : Prof. Lefmann ist einer der Menschen, deren Religion eine ganz persönliche Note hat. Zu dieser eigenartigen Auffassung des Judentums mag der merkwürdige Werdegang Prof. Salomon Lefmann s nicht zum Geringsten beigetragen haben. Am 25. Dezember 1831 in Telgte, einem westfälischen Dorfe, geboren, wurde er ursprünglich zum Handwerkerstande bestimmt. Da er hierzu jedoch keine Neigung fühlte, wurde er Volksschullehrer. Diesen Beruf übte er mehrere Jahre an verschiedenen Orten, zuletzt in der Nähe von Bonn, aus. Hier lernte ihn durch eimn Zufall der nachmalige verewigte Kaiser Friedrich kennen, der damals in Bonn studierte. Der Prinz intereffierte sich für den jungen Lehrer und veranlaßte ihn zum Universitätsstudium. In verhältnismäßig vorgerücktem Alter absolvierte Lefmann nunmehr das Gymnasium und studierte alsdann in Bonn, Heidelberg und Berlin. Hier schloß er sich bald einem jüdischen wiffenschaftlichen Kreise, in deffen Mittelpunkt Zunz stand, an; ebenso häufig verkehrte er in dem Kreise der Begründer der Völkerpsychologie. In diesen Kreisen lernte er, im Gegensatz zu manchen Anderen seiner Bekannten, erst ein geistiges jüdisches Leben recht kennen und werten und schloß er sich eng ans traditionelle Judentum an. Von dieser Zeit ab sehen wir Lefmann, wo er kani, bei jüdischen Fachgelehrten seine Kenntnis des Judentums erweitern. So sehen wir ihn, als er nach vollendetem Studium zur weiteren wiffenschaftlichen Ausbildung nach Paris ging, an Sabbath-Nachmittagen mit dem erblindeten Salomon Munk den Moreh-Nebuchim des Maimon des lesen, so sehen wir ihn Jahrzehnte spater als Professor in Heidelberg, wo er nun seit 1866 (dem Jahre seiner Habilitation als Privatdozent) lebt, mit einem jüngeren Kollegen sich dem Talmudstudium hingeben. Die wissenschaftliche Bedeutung Prof. Salomon Lefmanns voll zu würdigen, ist hier nicht der Ort. Ein endgültiges Urteil darüber ist auch aus dem Grunde nicht möglich, weil der rüstige Gelehrte seine Tätigkeit auch noch lange nicht aufzugeben gedenkt. Festgegründet ist sein Ruf, besonders durch die Biographien Franz Bopps, des Begründers der exakten systematischen Vergleichung der intoarrmanischen Sprachen, und August Schleichers, des genialen, univen.ll gebildeten Philologen, der den Abschluß der ersten Periode der ver.leich-nden Sprachforschung bildete, sowie durch die Uebersetzung der L ililho-Bistara. In weiteren Kreisen ist Lefmanns Name besonders durch seine Geschickte des alten Indiens, die einen Bestandteil von Onck.ns moi umentaler Weltgeschichte bildet, bekannt. So wünschen wir uns denn, noch recht lange und recht oft der allen Heidelbergern wohlb kannten Gestalt mit dem charakteristischen Eelehrtenkopf auf den Hügeln und Bergen um Heidelberg, so wie bisher, zu begegnen; dem nunmehr Achtzigjährigen aber ein an wiffenschaftlrcher Ausbeute noch recht reiches Leben, ihm zum Genuß, seinen Freunden zur Freude, seinen Glaubensgenoffen zum Stolz, der Wissenschaft zum Frommen. Roosevett über den Patzkonflikt. Schon im Anfangsstadium des Konfliktes zwischen den Vereinigten Staaten und Rutzland in der Patzfrage hat Erpräsident Theodor Roosevelt zu dieser Frage einen erzeptionellen Standpunkt eingenommen. Er wollte seinem Namen „Friedenspräsident" gerecht werden und daher ein Mittel ausfindig machen, durch welches die Frage friedlich gelöst werden könnte, ohne in einen offenen Konflikt auszuärten. Deshalb schlug er schon vor Monaten vor, die ganze Streitfrage dem Haager Schiedsgerichte zur Entscheidung vorzulegen. Dieser Vorschlag hat jedoch in Amerika gar keinen Anklang gefunden, da die meisten Parteien der Ansicht sind, daß es sich hier nicht um eine strittige Auffassung der Rechtslage handle, sondern darum, datz Rutzland nicht gewillt ist, den amerikanischen Patz bedingungslos anzuerkennen. Trotzdem nun der Handelsvertrag zwischen Amerika und Rutzland bereits gekündigt ist, veröffentlicht Roosevelt in seinem Outlook abermals einen großen Artikel über die Patzfrage. In diesem Artikel billigt Roosevelt die Kündigung des Handelsvertrages mit Rutzland in vollem Matze, da es sich um die Ehre des freien Amerika handle. Nichtsdestoweniger hätte er im Interesse des Friedens es lieber gesehen, wenn die Auslegung des Vertrages dem Haager Schiedsgericht überlassen worden wäre. — Aus diesem Anlasse sei auch erwähnt, datz das National Eivic Commitee, von welchem seinerzeit die Agitation für die Kündigung des Vertrages ausging, sich in Permanenz erklärt hat und die Absicht hat, sich als eine Organisation zum Schutze der Rechte der amerikanischen Bürger im Auslande zu entwickeln. Welcher Popularität dieses Komitee sich bereits in Amerika erfreut, geht daraus hervor, daß ihm heute bereits 21 Senatoren. 300 Mitglieder der Repräsentantenkammer, die Gouverneure von zwölf Staaten und die Bürgermeister von über hundert großen Städten angehören. Ganz merkwürdig ist es jedoch, datz der eine der beiden jüdischen Senatoren, Senator Guggenheim, das Mitglied einer der reichsten Familien Amerikas, in der ganzen Angelegenheit vollständig untätig blieb. Diese merkwürdige Haltung des jüdischen Senators, dessen Wort auch infolge seines wirtschaftlichen Einflusses stark in die Wagschale fallen wurde, hat sowohl in der jüdischen wie auch in der allgemeinen Presse Amerikas die größte Entrüstung hervorgerufen. Infolge dieser Angriffe hat auch Guggenheim, der vom Staate Colorado in den Senat entsendet wurde, erklärt, datz er nach Ablauf seines Mandates nicht mehr kandidieren werde. Die Patzfrage in Deutschland. Das entschlossene Vorgehen der amerikanischen Regierung hat auch hier bereits anregend gewirkt. In der letzten Sitzung der Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin wurde bekannt gegeben, der Handelsminister habe im Anschluß an die Bestrebungen des Kollegiums auf Gleichstellung der ausländischen jüdischen Reisenden in Rutzland mit denen anderer Konfessionen dem Kollegium milgeteilt, datz durch eine Verfügung des Gouverneurs jüdischen Kaufleuten nichtrussischer Staatsangehörigkeit das zeitweise Wohnen in Kiew, wenn sie sich dort zur Erledigung ihrer Geschäfte aufhalten, in allen Stadtteilen ohne Ausnahme gestattet worden ist. Aus dieser Nachricht geht hervor, datz die russische Regierung das Hauptargument, welches den Bestrebungen der deutschen Interessenten nach Mitteilung unserer Regierung bisher von ihr entgegengestellt worden ist, datz sie nämlich die ausländischen Iuden nicht günstiger behandeln könne als die inländischen, wenigstens zum Teil aufgegeben hat. Die Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin werden daher von neuem bei der Regierung zwecks Gleichstellung der christlichen und jüdischen Handlungsreisenden, die Rutzland besuchen, vorstellig werden mit dem Hinweis dar-? auf, daß die staatsbürgerliche und staatsrechtliche Stellung der russischen Iuden einerseits und der Iuden in Deutschland, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten andererseits überhaupt nicht vergleichbar ist.