Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite i Dr. Bkochs WochMchM Nr. 1 Eme weisere Vorschrift konnte sie auch nicht machen. Vormünder ihrer Nation waren die Rabbinen allerdings, aber uneigennützige, und darum geehrt und geliebt. Hätte das Papsttum — ich will nicht sagen in gleichem, sondern nur in ähnlichem Geiste gehandelt, so wäre keine Reformation nötig geworden. Weil es in schnöde Geldgier versank, erstickte es zuletzt in seinem eigenen Fette." E. 203. „Wieviel unschuldiges Judenblut ist von unseren Vätern im Mittelalter und selbst noch spater vergaffen worden! Wie verächtlich behandelt sie noch jetzt unser gebildeter und ungebildeter Pöbel, der gleich bereit wäre, über sie loszustllrzen, wenn er das Schwert der Obrigkeit nicht fürchtete! Können wir uns wundern, wenn sie uns hoffen? Das muß anders werden; wir wollen sie behandeln wie Mitbürger, sie müffen dann das gleiche tun." Ich könnte noch viele andere Stellen anführen, in denen Gfrörer für die Emanzipation der Juden eintritt und sie gegen Verunglimpfungen in Schutz nimmt; aber ich denke, das bisher angeführte genügt. Was wir beweisen wollten, ist bewiesen. Wer das uns von der Geschichte zugefügte Unrecht brandmarkt, wer auf die Gelegenheit lauert, „etwas Nachhaltiges für das unglückliche, so lange mißhandelte Volk zu tun" (S. 202), der ist trotz allen Geiferns kein Judenfeind — und ist er es trotzdem — wegen seines Geschimpfes — dann find es alle, auch unsere sogenannten Freunde — auch so mancher westliche Jude — auf den der Osten wie ein rotes Tuch wirkt. vom Zabrmarkr des Lebens. Eme „freiwillige" Steuer, die gezahlt werden mutz. Natürlich ist wieder von Rußland die Rede. In Wilna besteht seit vielen Jahren eine Handelsschule, welche fast ausschließlich von jüdischem Gelde erhalten wird. Die jüdischer Kaufleute von Wilna haben seinerzeit, um die Existenz dieser Handelsschule zu sichern, die Leistung freiwilliger Beiträge auf sich genommen. Als nun im letzten Sommer das Handelsministerium in einem Erlasse verfügte, daß auch in dieser Handelsschule, welche bis dahin jüdische Schüler ohne jede Einschränkung ausgenommen hat, die berüchtigte Prozentnorm eingeführt werden müsse, haben die jüdischen Kaufleute von Wilna in einer großen Versammlung beschlossen, ihre freiwilligen Beiträge insolange zu sistieren, als der Erlaß des Ministers bezüglich der Prozentnorm nicht rückgängig gemacht wird. Da die Handelsschule auf diese Weise in ihrer Existenz gefährdet erschien, wandte sich die Schuldirektion an das Handelsministerium um Direktiven. Und das russische Handelsministerium gab folgende, echt russische Antwort: Die Verweigerung der freiwilligen Veitragsleistung seitens der Juden könnte nur in dem Falle zur Kenntnis genommen werden, wenn die Handelsschule in der Lage wäre, sich aus eigenen Mitteln zu erhalten. Da dies jedoch, wie aus der Vorlage der Direktion ersichtlich ist, nicht der Fall ist, so seien die Juden perpflichtet, die „freiwilligen" Steuern auch weiterhin bei sonstiger Exekution zu zahlen. Eine interesiante Rede des Bürgermeisters Ernesto Nathan in Rom. In einer der letzten Gemeinderatssitzungen hielt, wie uns aus Rom berichtet wird, Bürgermeister Nathan jenen in Tripolis gefallenen italienischen Soldaten einen Nachruf, die, wie er sagte, von ihrer Vaterstadt Rom ausgezogen waren, um für ihr Vaterland zu siegen oder zu sterben. Unter den Namen nannte er auch eine Anzahl jüdischer Soldaten, die auf dem Schlachtfelde gefallen sind. Nathan schloß seine Rede wie folgt: „Der Patrizier sowohl wie der Kaufmann und der Arbeiter, der Katholik sowohl wie diejenigen, die von der heimatlichen Regierung aus den engen Gassen des Getto in die Kriegsreihen gerufen wurden, haben für die Freiheit Italiens ihr Leben -gelassen. Mit dem Rufe „Es lebe Italien", hauchten sie ihre edle Seele aus. Ihnen allen, ob reich oder arm, ob Christ oder Jude, wollen wir ein ehrendes Andenken bewahren." Die Rede des Bürgermeisters, die stehend angehört wurde, hat aus^sämlliche Anwesenden einen tiefen Eindruck gemacht. Lord Rothschilds Ehrendoktorat. Vorige Woche wurde an der Cambridger Universität Lord Rothschild tzum Doctor honoris causa promoviert. Der Rektor der Universität Sir John Sandys hielt an Lord Rothschild eine lateinische Ansprache, in welcher er ungefähr folgendes ausführte: „Vor kurzem habe Lord Rothschild glücklich jenes Alter überschritten, welches der Psalmist als die Grenze menschlichen Alleres bezeichnet. Lord Rothschild habe sich erst vor nicht allzu langer Zeit bei der Schaffung des Fonds für das Spital, welches den Namen des Königs trägt, durch seltene Opferwilligkeit ausgezeichnet. Als der älteste Sohn des Kämpfers gegen jüdische Rechtlosigkeit war er zwanzig Iahre hindurch Mitglied des englischen Unterhauses, bis er in Anerkennung seiner öffentlichen Dienste im Iahre 1885 als erster Jude ms Haus der Lords gerufen wurde. Das Haus Rothschild habe sehr viel zur finanziellen Regenerierung Egyptens und zur Entwicklung der zwei großen südamerikanischen Republiken beigetragen. Das Haus Rothschild habe aber auch die Cambridger Universität durch eine munifizente Spende von 10.000 Pfund Sterling gefördert, und überdies habe Lord Rothschild selbst die Abteilungen für Agrikultur, Forstwesen und Physiologie dieser Universität mit großen Spenden bedacht. In Anerkennung dieser seiner Verdienste werde er nun zum Ehrendoktor dieser Universität ernannt. Ein Meyerbeer-Denkmal in Berlin. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht einen Aufruf zur Sammlung von Beiträgen für ein Meyerbeer- Denkmal, welches in Berlin errichtet werden soll. In dem Aufrufe, welcher von den hervorragendsten Vertretern der Kunst unterzeichnet ist, sagt man unter anderem folgendes: „Das Komitee ist davon ausgegangen, daß eine Ehrung Meyerbeers in diesem Sinne allseitig auf Verständnis rechnen darf. Die Freude an dem Schöpfer der „Hugenotten" und des „Propheten" ist trotz aller Wandlungen, die unsere Tonkunst in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, im Volke nicht erloschen: was er als Vorläufer der modernen Tonkunst durch Bereicherung der Mittel und der Technik des musikalischen Dramas geleistet hat, das sichert ihm, ganz abgesehen von seiner eminenten musikalischen Erfindung und Gestaltungskraft, für alle Zeit eine Stellung unter den Großen. Berlin aber hat einen dreifachen Grund, gerade dieses Mannes vor anderen zu gedenken. Einmal ist Meyerbeer der einzige Tondichter von internationalem Wellruhm, der in seinen Mauern zur Welt kam. Schwerer noch als dieses Zufällige der Geburt wiegt der Umstand, daß er geistig in Berliner Boden wurzelte und aus einem spezifisch berlinerischen Milieu hervorgegangen ist. Endlich hat sich Meyerbeer als Generalmusikdirektor nicht geringe Verdienste um das Musikleben der preußischen Residenz erworben und durch seine Werke, die jahrzehntelang die Bühnen beherrschten, sein Andenken mit der Geschichte und der Erinnerung an eine Glanzzeit unserer Oper verknüpft. Eine Heine-Gedenktafel in London. Aus London wird uns berichtet: Die Museal-Kommission des Londoner Gemeinderates hatte in ihrer jüngsten Sitzung über einen Antrag des Mr. R. V. Marston zu beschließen, dahingehend, daß zum Andenken an den