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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-01-05 · 1 (5.1.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 Dr. Bwchs WochErist Seite 3 Hartmann und Werner Sombart, waren und sind Antisemiten. Weil sie uns trotz ihrer titanischen Größe nicht verstanden. Ganz gewiß! Aber sie waren und sind es. . . . Wer den Geist des Judentums, die Juden in ihrer Gesamtheit oder einen Teil derselben wegen seines Judentums theoretisch oder praktisch haßt, verachtet, ihn intellektuell, physisch, moralisch oder gesellschaftlich minderwertig erklärt, ist ein Judenfeind! Das ist, rein logisch genommen, eine fast mathematische Wahrheit. Und von dieser Boraussetzung ausgehend, mußten wir oben die Heroen des Menschengeschlechtes zu unseren Feinden zählen. Aber das Leben ist gottlob keine logische Maschine, der zureichende Grund ist bekanntlich noch kein Real-Grund, Anschauungen zu gewissen Zeiten gesprochen oder niedergeschrieben, Handlungen zu gewissen Zeiten begangen, haben nur . einen relativen, richtiger ephemeren Wert in der Charakteristik der Persönlichkeit und namentlich dort, wo diesen Anschauungen andere, diesen Tatsachen andere gegenüberstehen. Wohin gelangten wir denn sonst?! Würden wir jede einzelne oder kollektive Persönlichkeit nach besonderen Momenten und nicht nach Verlauf des Gesamtprozesses beurteilen? Welche Ungerechtigkeit würde aus einer derartigen Prozedur hervorgehen! Illustrieren wir dies am besten an einem Beispiele. Die größte Zeitung Wiens, die einen Weltruf genießt, von Juden begründet und bis zur Stunde in jüdischen Händen, soll seit 10 Jahren keinen Juden in die Administration ausgenommen haben. Selbstverständlich kann ich das weder beeiden noch beweisen. Aber ein anderer Fall ist vorhanden, der unwiderlegbar ist. Als verantwortlicher Redakteur dieser Zeitung zeichnet seit kurzem ein Mann, „der beim Hilsnerprozeß der leidenschaftliche Berichterstatter des Deutschen Volksblattes war und der den Ritualmord aus einer langen Periode des Schlummers zum Leben erweckt hat" („Union", Seite4, Nr. 355, 24. Dezember 1911). Oberflächlich beurteilt, muß man all diese Handlungen als Ausdrücke eines antisemitischen Prinzips charakterisieren, und doch wäre es falsch, weil diese Tatsachen im Widerspruche mit anderen stehen und wir kein Recht haben, das ganze zu verdammen, weil uns ein Teil mißfällt. Jeder von uns weiß, daß Mommsen den Antisemitismus ä la Treitschke verdammt, daß er an der Spitze der Abwehrbewegung stand und dennoch äußerte er sich bezüglich des jüdischen Krieges gegen Rom sehr abfällig über die Juden — jener Zeit, meint ihr — und sein Urteil dort ist ganz von der antisemitisch-römischen Geschichtsschreiberei beeinflußt. Wer kennt nicht die Liebe eines Franz Delitzsch, des großen Vaters des kleinen Friedrich zu unserem Volke, vielleicht zu seinem eigenen, wie die Fama wissen will! Und in den Werken dieses Mannes finden sich Stellen, die einem Treitschke zur Zierde gereichen könnten. Sollen wir auch über diese Männer den Stab brechen und sie für unsere FUnde erklären? Sollen wir also der ganzen Kulturwelt Fehde ansagen? Das wäre nicht nur unklug, sondern auch ungerecht. Selbst einen Renan kann man nicht schlechtweg zu den Antisemiten zählen. Denn derselbe Mann, der Juden und Judentum in den Kot zerrt, derselbe Mann hebt es gleichzeitig, im selben Atem, in den Himmel. Aus hunderten von Zitaten nur ein einziges: „Trotz seiner enormen Fehler: Härte, Egoismus, Spottsucht, Grausamkeit, Engherzigkeit, Klügelei und Sophismus, war das jüdische Volk doch der Urheber der herrlichsten Bewegung uneigennütziger Begeisterung, von der die Geschichte spricht." („Leben Jesu", S. 68, Ausg. Reclam.) Der- Judenpunkt ist eben die schwache Ssite der stärksten Denker und die klarsten Köpfe geraten dabei in eine heillose Verwirrung. Otto Bauer, k. k. Obergenosse, intellektueller Funktionär der österreichischen Sozialdemokratie, denkt sich die Lösung der osteuropäischen Judenfrage folgend: „Ein großer Teil der osteuropäischen Judenschaft wird seine Heimat verlassen und in West- und Mitteleuropa, in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Südafrika eine neue Heimat suchen müssen, in der er natürlich assimiliert werden wird Heute schon zwingt ja jeder neue Konsumverein, jede neue landwirtschaftliche Genossenschaft viele jüdische Händler und Wucherer zur Auswanderung. Der Rest der Judenschaft, der im Lande zurückbleibeu wird, wird das Ghetto verlassen, sich über das Land verteilen, neue Berufe aufsuchen müssen, um sich zu behaupten. Die veränderten wirtschaftlichen Beziehungen werden auch ihn zu allmäliger Assimilation zwingen. Das vollständige Aufgehen des Judentums in den „Wirtsvölkern" wird also das unvermeidliche Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung sein. Jeder Versuch, die Assimilation künstlich zu hindern und eine der Assimilation feindliche Ideologie in der Judenschaft zu züchten, ist entwickiuugsfeindlich — reaktionär („Der Kamps", Heft 4, 1. Jänner 1912, S. 158—59). Genau nach demselben Rezept wollte Pobiedonoszew unseligen Angedenkens die russische Judenfrage lösen, nur mit dem Unterschiede, daß der Prvkurator des heiligen Synod ehrlich und aufrichtig betonte, daß diese „Lösung" einem dritten Teile der Juden das Leben kosten würde (als Opfer der Uebergangsperiode), während „das Gehirn der Sozialdemokratie" sich über diesen Punkt gründlich ausschweigt; beide aber wollen und sagen dasselbe, beide wollen das vollständige Aufgehen der Juden in den sie umgebenden Nationen, beide hassen das gegenwärtige Judentum als Volk wie als Kultursystem; beide wollen unsere vollständige Vernichtung und beide verkünden nur das offen, was alle „Philosemiten" im stillen Herzenskämmerlein hegen und ersehnen: Verschwinden des Judentums — durch Aufgehen in den Wirtsvölkern. Sollen wir Otto Bauer zu den Antisemiten zählen? Sollen wir alle Präsidenten der Abwehrvereine als Judenfeinde stigmatisieren? Nein. Judenfeind ist meiner Ansicht nach derjenige, der unser Blut verurteilt, der schon die Z^lle, aus der wir stammen, verdammt, der in uns das Schlechte an sich sieht, kurzum: der Rassenantisemit. Hingegen aber ist derjenige, der manche, infolge äußerer Verhältnisse in uns entstandene Eigenschaften bekämpft, insolange er sie selbst als Golusprodukt, — als vorübergehend — die mit dem Aufhören des Druckes auch verschwinden, bezeichnet, noch kein Judenfeind. Ich möchte die Sache in paar Worten zusammenfaffen: Wer die Blutvermischung mit uns nicht scheut, wer uns wegen unserer selbstgewollten Isoliertheit bekämpft, der ist nicht unser Feind, sondern unter Umständen auch Freund und Lehrer (natürlich von seinem Standpunkte aus gesehen). Und damit komme ich zum eigentlichen Thema: War Gsrörer ein Judenfeind? Wollte er unsere zwangsweise oder selbstgewühlte Isoliertheit, wie uns unser großer nationaler Freund Werner Sombart rät? Nein! Und das will ich hier durch Zitate aus einem Werke, das der Autor oben erwähnten Artikels nicht erwähnt hat, beweisen (A. Fr. Gsrörer, Geschichte des Urchristentums, Stuttgart 1838). S. 26. „Es ist ein welthistorisches Volk, zwar in einem geringeren Grade als Römer. Araber, Germanen, aber sie sind es doch durch ihre Religion, ihre Kirche. Jetzt freilich erscheinen die zerstreuten Enkel der einstigen Bewohner des gelobten Landes, entwürdigt, herabgesunken — aber meist durä, unsere Torheit und Härte. Ich habe für sie meine Stimme erhoben iw zweiten Kapitel dieses Buches". S. i8. „Man kann nicht auf den Charakter des jüdischen Volkes eingehen, ohne Seitenblicke auf den jetzigen Zustand desselben zu machen, und welch andere als die des Tadels, der Anklage gegen unsere eigene Grausamkeit? Ich verabscheue jede Gesetzgebung, die sich von den blinden und dummen Leidenschaften des Pöbels hinreißen läßt. Von dieser Art sind aber offenbar die alten Rechtsgebräuche gegen die Juden. Der Gesetzgeber soll nie vergehen, daß er die Menschen zu einem beliebigen Ziele heranbilden, daß er aus ihnen machen kann, was er will, wenn er nur recht will und wohlberechnete Mittel anwendet. Hören wir auf. die Juden als weiße Reger zu behandeln, so werden auch sie uns nicht mehr wie Tyrannen bassen. wie Einfältige betrügen." (Genau Otto Bauers „Händler und Wucherer"!) S. 159. „In der Regel forderten die Rabbinen keinen Lohn für die Verrichtungen, welche einzelne Laien von ihnen ansprachen; selbst später, als eigene Rabbiner für die Gemeinden ausgestellt wurden, begnügten sie sich mit dem kärglichen Einkommen, das ihnen aus der Bezirkskasse zufloß." „Dieser Einrichtung liegt deutlich die Absicht zu Grunde, daß die jüdische Aristokratie nie drückend auf dem Volke lasten, niemals als Blutsaugerin verhaßt werden sollte.

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