Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 Nr. 1 Dr. Blochs auch im Auslande nicht leide und ihre Ehre in jedem Staatsbürger innerhalb und außerhalb seiner Grenzen gewahrt bleibe, aber wenn es sich um Juden handelt, werden nicht nur die größten Zugeständnisse gemacht, sondern oft völliger Verzicht geleistet. Man denke nur an die Aktionen des österreichischen Auswärtigen Amtes, wenn die Rechte jüdischer Staatsbürger in Deutschland, Rumänien und Rußland vollständig mißachtet wurden. Man denke nur an den erbärmlichen Schutz, welchen die Juden fanden, wenn sie sich im Orient als Untertanen einer Großmacht bekannten. Und nun erhebt sich Amerika zu einer historischen, erhabenen Tat und läßt seinen jüdischen Bürgern kein Haar im Auslande krümmen, selbst, um Opfer nicht. Die Union wird ihren Dank davon haben in Opferwilligkeit, in hingebendem Patriotismus, in freudiger Arbeit der Juden für ihr erstes moralisches und politisches Vaterland. Für die große Lehre aber, welche die Union der ganzen Kulturwelt gegeben hat, mögen die amerikanischen Juden die Statue der Freiheit im Hafen von Newyork mit Lorbeer bekränzen. Ier RkchttungszetteL das Kind". Im Regierungsjubiläumsjahre ist die Wohltätigkeitsmünze „Für das Kind" geprägt worden. Der gütige Kaiser selbst hat damals an Stelle prunkvoller Huldigungsveranstaltungen die Schaffung dauernder Wohlfahrtseinrichtungen für das arme und verlassene Kind gewünscht. Seitdem ist diese Münze in Oesterreich gangbar geworden. In eifrigem und lobenswertem Wettbewerbe wurden seither die verschiedenartigsten Methoden erfunden, große Summen „für das Kind" zu sammeln. An allen diesen Aktionen haben sich die Juden mit bewunderungswürdiger Hingabe beteiligt. So oft der Ruf an die Oeffentlichkeit erging, waren die Juden sowohl mit ihrer Arbeit als auch mit ihren Beiträgen die Ersten zur Stelle und lieferten, wie immer bei öffentlichen Wohltätigkeitsakten, den größten Teil des gesammelten Geldes. Sie taten dies nicht nur deshalb, weil die Aktion „Für das Kind" durch den edlen Wunsch des greisen Monarchen ihnen geheiligt erschien, sondern aus „Freude am Wohltun" — gleichfalls ein aus dem Jubiläumsjahre stammendes kaiserliches Wort — und auch deshalb, weil das Kind im Leben des Juden stets eine bevorzugte Rolle gespielt hat. Unzählig sind die Stellen in unserem Schrifttum, welche die Verpflichtung enthalten, dem Kinde und insbesondere dem armen, verlassenen Kinde die größte Fürsorge angedeihen zu lassen. „Behütet die Kinder der Armen, denn aus ihnen wird die Lehre hervorgehen!" ist einer jener zahllosen herrlichen Lehrsätze, welche das Leben des Juden Jahrhunderte hindurch beeinflußten und auch heute noch leiten. Diese instinktive Wertschätzung des Kindes und der dem Juden angeborene Wohltätigkeitssinn waren es, die ihn auch in den letzten Jahren nicht fragen ließen, wer ven Blumentag veranstaltet, von wem die Idee des Bonbontages ausging. Ihm genügte es, den jammernden Aufruf zu lesen, um in die Tasche zu greifen. Und er gab mit vollen Händen, seine Frau schnorrte am Blumentage und seine Tochter bettelte am Bonbonlage und trugen so die vielen Tausende von Kronen zusammen, von denen dann — ja dann — — kein jüdisches Kind und kein jüdischer Armer auch nur einen nennenswerten Betrag erhielt. Dafür aber wurde die jüdische Frau dann in den klerikalen und antisemitischen Blättern verhöhnt, und die jüdische Tochter als diebische Kokotte hingestellt. Das war der Dank. WVMNWNst Unwillkürlich drängt sich einem diese traurige Reminiszenz auf, wenn man an die große Aktion denkt, welche jetzt abermals „für das Kind" eingeleilet wurde. Es ist abermals eine glänzende Idee: Eine Besteuerung des Gasthauspublikums durch den Verkauf der sogenannten Rechnungszettel zugunsten des armen, verlassenen Kindes, dessen unendliches Elend uns ja allen bekannt ist und uns so sehr ans Herz geht. Und es ist abermals der jüdische Konsument, um dessen Besteuerung es sich in erster Reihe handelt. Denn es ist eine bekannte Tatsache: der Jude ist kein Trinker,- wenn er ins Gasthaus geht, so geht er nicht, um im Verschlucken von so und so vielen Krügeln Bier einen Rekord zu schlagen, sondern um seine Mahlzeit einzunehmen. Es ist ebenso klar, daß der Rechnungszettel nur für den Speisenkonsumenten und nicht für den Biertrinker in Betracht kommt. Wie sollen wir uns nun zu dieser an sich lobenswerten Wohltätigkeitsaktion für hungernde Schulkinder verhalten? Wir glauben, daß hierüber nach den oben kurz skizzierten Erfahrungen der letzten Jahre kein Zweifel obwalten kann. Kein Jude, der noch irgend etwas auf seine Ehre gibt, wird auch nur einen Finger für diese Aktion rühren, wenn nicht vorher in einer alle Zweifel ausschließenden Form festgestellt wird, daß von den einfließenden Beträgen auch die große Zahl der hungernden, verlassenen jüdischen Schulkinder in entsprechender Weise bedacht wird. Es ist wahrlich schon hoch an der Zeit, daß die Juden sich nicht von jedem flunkernden Worte und von jedem schimmernden Namen anködern lassen, um nachher ihre Wohltaten mit Hohn und Spott quittiert zu sehen. Die zahllosen Aufrufe unserer jüdischen Wohlfahrtsanstalten und Wohltätigkeitsvereine verhallen oft ganz ergebnislos, oder erwecken nur ein sehr schwaches Echo, und da genügt ein Name, genügt ein neues Schlagwort, um unsere Taschen zugänglich zu machen für Zwecke, die wohl zu Beginn der Aktion als interkonfessionell hingestellt werden, die sich aber. Nachdem der Klingelbeutel sich mit jüdischem Gelde gefüllt hatte, plötzlich als antisemitisch demaskieren. Also nicht gegen den Zweck der neuen Wohltätigkeitsaktion richtet sich unsere Mahnung, sondern gegen die Methode. Diese Zeilen wollen eine Warnung sein. Wir wollen gerne „für das Kind" geben, wir würden uns aber eines Verbrechens schuldig machen an unserem eigenen Stamme, wenn wir daran vergessen würden, daß solche Aktionen in Wien immer auszuklingen pflegen in dem Wahlspruch : „Für das Kind .... das nicht jüdisch ist!" sz Antisemitrn-Iahrreite«. Von Dr. I. Sinnreich. Wirklich kein schlechter Gedanke, die Todestage der Judenfeinde zu registrieren*), jedenfalls besser als ihre 50 jährigen Jubiläen. — Es würde den modernen Juden nicht schaden, zu wissen, wie die „führenden Geister" über Juden und Judentum gedacht und denken. Welch langen Gesichter, welche Enttäuschung wenn sie die großen und größten Denker auf den Judenpunkt untersucht. Drr größte Teil der „Auserlesenen" geht dem Judenproblem aus dem Wege und der Rest nimmt gegenüber dem jüdischen Geiste oder den lebendigen Massen des Volkes eine feindselige Haltung ein. Philosemiten im vulgären Sinne waren, Gott sei es geklagt, nur Denker zweiten und dritten Grades. Die Erstklassigen, darunter Shakespeare, Kant, Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Schopenhauer, Renau, Wagner, Bismarck, Napoleon, Marx usw. inklusive Eduard von *) Siehe „Oesterreichische Wochenschrift" Nr. 50, 16. Dez. 1911, „Zum fünfzigsten Todestage eines Judenfeindes".