Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.i Dr. Bloch’s Zentraloroan für die gesamten Interessen des Judentums Wien, 5. JSnncr 1912 Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i. tzahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wie«. OO-» - - -OQ p Bezugspreis für Sesterrrich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Iür's Auslsnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 3nal gespal» I tene Petitzeile ik Heller. G nO ---0 o Q Cr~ ■ ~ü O ** A. kr. Pofifxarkaffrnsrnf . Sleartng-Verkebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien H/i. Hahugaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. <J nO ■ -■ --Oq Inhalt: Leitartikel: Juden als vollgiltige Staatsbürger. — Der Rechnungszettel „Für das Kind". — AntisemNen-Jahrzeiten. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine „freiwillige" Steuer, die gezahlt werden muß. Eine interessante Reoe des Bürgermeisters Ernesto Nathan in Rom. Lord Rothschilds Ehrendoktorat. Ein Meyerbeer-Denkmal in Berlin. Eine Heine-Gedenktafel in London. Ein achtjähriger jüdischer „Verbrecher". — Korrespondenzen: Die 38. Generalversammlung des Israelitischen Tempelvereines. für Mariahilf-Neubau. Die Tendenzen eines Prager Journalistenvereines. Straßendemonstration der Lemberger Chassidim wegen Sabbath-Entweihung. Auf den Gräbern der Hasmonäer. Der ungarische Kultusminister über die jüdischen Schulen. Aus dem letzten Rechenschaftsberichte der ungarischen Regierung. Der Makkabäerpokal in Budapest. Salomon Lefmann. Roosedelt über den Paßkonslikt. Die Paßfrage in Deutschland. Ein russischer Diplomat über die Paßfrage. Kongreß der jüdischen Gemeinden von Griechenland. Der Prozeß eines Missionärs. Spenden zum Andenken an Baron Gustav Rothschild. Die Besetzung des englischen Chief-Rabbinats. Die Rekrutenaushebung in Rußland. Ein Aufruf gegen die Taufepidemie in Rußland. Die Vertretung jüdischer Sekten bei der Krönungsfeier in Indien. Eine wertvolle Schenkung für den „Bezalel". Vom Grabmal Rahels. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Abfallposse. Franzi Wohl. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Duden ul» vollgiltige Staatsbürger. Die Flut der politischen Ereignisse hat eine Tatsache herangebracht, roie sie sich seit der Diaspora überhaupt noch nicht ereignet hat. Juden sind als vollgiltige Mitbürger anerkannt und von der ganzen Macht eines Staates geschützt worden. In der Theorie wurde zwar die Gleichberechtigung schon vielfach ausgesprochen, oft sogar schon mit sensationellen, tönenden Worten. Aber erst der nordamerikanischen Union blieb es Vorbehalten, durch eine epochemachende Tat zu zeigen, daß den jüdischen Staatsbürgern die Gleichberechtigung mit vollem Herzen gegeben wurde. Die Geschichte dieser Vorgänge zeigt in einem grandiosen Bilde den schroffen Gegensatz zwischen zwei riesigen Staaten. Hier das gigantische Zarenreich, das seine eigenen Juden wie Parias knechtet und seinen staatlichen Judenhaß so weit treibt, daß es ausländischen Juden nicht einmal vorübergehenden Aufenthalt im Reiche gestattet. Dort das stolze Amerika, das nicht nur in seinem Gesetze, sondern auch im Gebrauche des gesamten wirtschaftlichen und kultu- .retten Lebens den Juden ungehinderte Mitarbeit gestattet und mit der einstimmigen Kündigung des Handelsvertrages antwortet, als man seinen jüdischen Bürgern den Eintritt in Rußland nicht gestattet. Mit dieser politischen Tat der Gerechtigkeit ist erst die Emanzipation der Juden ganz vollzogen. Sie müssen sich in Amerika wenigstens nicht mit dem Rechte zweiten Ranges begnügen, selbst wenn es den Staat Opfer kostet. Nun sehe man an den Umständen, welche gewaltige Lehre gegen den Antisemitismus im Wesen der beiden Staaten liegt. Rußland hat es für höhere Weisheit gehalten, seinen Juden im Ansiedlungsrayon einen großen Kerker zu bauen und die unteren Schichten dieser Verbannten und Verdammten dem Hungertyphus preiszugeben. Nirgends sind jedoch Wohltätige Folgen dieser großen Errungenschaft zu spüren. Trotz der enormen Schätze des Reiches verhungert der Bauer, ist der Finanzminister zu immer neuen Anleihen gezwungen, steht die Kultur fast noch auf dem Nullpunkt, Revolution und Hungersnot immer vor der Tür, die Korruption ist unerhört, das Räuberwesen schrecklich. Amerika aber strebt mit gewaltigen Schritten zur Spitze der Zivilisation und politischen Macht, in fröhlichem, reichen Leben wird unendlicher Reichtum produziert, Elend in seiner ganzen Härte ist ein unbekannter Begriff, jeder hat nicht nur ein Recht auf Arbeit, sondern auch auf die höchsten Stellen im Staate, wenn nur seine Fähigkeiten dazu reichen. Amerika hat es keinen Augenblick lang zu bedauern gehabt, daß es den Juden die gleichen Rechte gab. wie seinen anderen Bürgern. Es ist ja auch ganz klar, daß ein Volk von solchem Temperament und so hoher Begabung wie das jüdische einen sehr wertvollen Faktor geben muß für die Entwicklung eines jeden Landes. In der Tat begegnet man auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in Amerika nützliche jüdische Kräfte in fleißigster Arbeit, die das Volksvermögen bedeutend vermehren. Entgegen allen antisemitischen Behauptungen haben die Juden ihre besonderen Fähigkeiten niemals mißbraucht. Unter den obersten Vierhundert, den Milliardären von Newyork, befindet sich kaum einer oder der andere Jude, die vielen anderen Trustmagnaten jedoch sind Christen. Es ist auch nicht richtig, daß sich die Juden in Masse auf den Handel werfen, wenn sie nicht dazu gezwungen sind. In Amerika gibt man ihnen die Gelegenheit zu mechanischer Arbeit, und die Masse der Juden sind Arbeiter aller Arten geworden. Wo sie sich also frei entwickeln können, unterscheiden sich die Juden von der anderen Bevölkerung gar nicht oder höchstens zu ihrem Vorteil. Deswegen ist es in Amerika auch niemandem eingefallen, die Juden zurückzusetzen. Man hat allerdings der Einwanderung verarmter Elemente Schwierigkeiten bereitet und hat damit auch die russischen Juden schrecklich getroffen, aber diese Maßregel war berechtigter Egoismus und hat sich auch gegen die italienischen, ruthenischen und kroatischen Paupers gerichtet. Nun aber hat Amerika sich wie ein Löwe erhoben und hat das Wort des deutschen Kaisers zu dem seinen gemacht und in die Tat umgesetzt, daß man keinen einzigen seiner Bürger im Auslande auch nur scheel ansehen dürfe. Eigentlich ist das Augenmerk einer jeden Großmacht darauf gerichtet, daß ihr Ansehen