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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 882 Dt. BWchS WvchMhktft Är. 53 Und hier wurde Gewalt geübt an diesem Geiste. Aber er wollte kämpfen, kämpfen für seine Schule, für seine Kinder, für seine Gemeinde, die keinem Gewissenszwang unterworfen werden sollte. Er holte seinen schwarzen Rock aus dem Kasten, setzte den Zylinder auf, den er seit seinem fünfzigjährigen Lehrerjubiläum nicht mehr getragen, heftete die Verdienstmedaille an dfe Brust, die ihm der Kaiser damals verliehen, und fuhr zum Bischof. Der Kirchenfürst entstammte einem alten Adelsgeschlechte. Er war ein liebenswürdiger, leutseliger Herr mit weltmännischen Umgangsformen. Der alte Oberlehrer wurde freundlich aufgenommen. Mit mildem Lächeln hörte ihn der Bischof an, als er ihm ausehrandersetzte, daß die reinen Seelen seiner Kinder bisher von keinem Hauchje religiösen Vorurteils getrübt wurden, daß der häßliche Kampf, der draußen tobt, nicht in sein Schiulzimmer gedrungen sei, daß aber durch die Anbringung religiöser Symbole dieser Gottesfriede gestört, daß in den kindlichen Gemütern nun leicht der Zank über Fragen geweckt werden könnte, welchle in der Parabel von den drei Ringen so herrlühj gelöst erscheine. Der Bischof nickte zustimmend, versicherte, daß ihm jeder Glaubenshaß ferne liege, daß er von seiner ersprießlichen Lehrtätigkeit gehört habe und ihn überaus hochj'chätze und entließ ihn huldvoll mit den Worten: Er wolle sehen, was sich tun ließe. Froher Hoffnung voll kehrte Kornfeld in seine Gemeinde zurück. Er verfaßte einen Rekurs an die höchste Instanz und rechnete auf den Einfluß des Bischofs. Ein halbes Jahr verging in ungetrübter Ruhe. Da traf ihn wie ein DonnersMag die Nachricht, daß der Rekurs abgewiesen und das Symbol ünverweilt anzubringen sei. Der Bürgermeister überbrachte ihm mit Tränen in den Augen den Auftrag. Der alte Kornfeld sagte kein Wort, mit zitternder Hand nahm er das Blatt entgegen und legte es dann stumm auf den Tische Dann erhob er sich, und als er stand, sah Reb Salme mit Erstaunen, daß aus dem aufrechten, stolzen Mann plötzlich ein gebrochener Greis geworden war. Kornfeld langte nach Hut und Rock und mit schleppendem Schritte, tief gebeugt, verließ er das Schulhaus. — Er hat es .nicht wieder betrieten. Noch am selben Tage erhielt der Obmann des Ortsschjulrates die Anzeige, daß David Kornfeld sein Amt niederlege und in Pension gehe. „Mag die Hand eines anderen vollziehen, was die meine zu tun versagt", hieß es in dem Schreiben. Und er schloß mit den Worten in der Sprache der heiligen Schrift: „Eh' ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte!" — Den alten Kornfeld hat man niemals mehr lachen gesehen. Noch schleppt er den müden Fuß durch die Gassen der 2udenstadt, aber mit jedem Tage wird er gebrechlicher, tiefe Furchen haben sich in sein Antlitz gegraben und der erloschene Blick haftet am Boden. — Mo r av us. Literatur. Seltene Juddica auf dem Büchermärkte. Ein soeben erschienener Katalog des bekannten Antiquaiiates Gilhoferu. Ranschburg in Wien, I., Bognergasse 2, betitelt „Flugblätter, Flugschriften, Einblattdrucke, Newe Zeitungen, Relationen, Gelegenheitsschriften, 15. bis 19. Jahrtausend11, enthält eine Fülle von seltenen, auf die Geschichte der Juden bezüglichen Schriften, auf die wir unsere Leset in der Reihenfolge des Kataloges aufmerksam machen wollen. Nr. 17 ist ein vor einigen Jahren von Gilhofer u. Ranschburg veranstalteter Faksimiledruck eines von ihnen aufgefundenen Unikums aus dem Jahre 1492, das die bekannte Sternberger („Sterneberch“, Mecklenburg) Hostienaffaire behandelt. Nr. 25, ein Gutachten zweier' italienischer Juristen über die Errichtung von Pfandleihanstalten (1498) streift die Rolle der Juden am Darlehensgeschäfte („super mutuo Judaico“) Nr. 28, 29. 31 und 32 sind sehr wichtige und seltene Beiträge zur Geschichte des sogenannten Kölner Judenbücherstreites (Pfefferkorn, Reuchlin etc.). Hauptsächlich gilt dies von Nr; 29, der Schrift Pfeff rkorns über die „Judenbeichte“, von dem bisher kein Exemplar im Handel nachweisbar war. Die aus zwölf Blättern bestehende Flugschrift enthält vier blattgrosse Holzschnitte, die für die ikonographische Darstellung des jüdischen Festtagszeremoniells am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts von grösstem Intel esse sind. Das Büchlein stammt ans dem Jahre 1508. Nr. 196 ist ehe Constitutio des Papstes Paul III. aus dem Jahre 1555 in Angelegenheit der jüdischen Konvertiten. Nr. 416 (aus dem Jahre 1593) enthält eine päpstliche Bulle gegen die Juden, ihr genauer Wortlaut („contra impia scripta et libros Hebraeorum“) liegt in Nr.420 vor, der neben dem Formular eines Passbriefes für die Juden noch die Bulle über ihre Vertreibung aus den Kirchenstaaten „Roma, Avinione et Ancona exceptis“ beigefügt ist. Nr. 549 enthält die Nachricht „Freybeuter plündern etliche Juden au Deutz“ (1600), Nr. 556 und 558 interessante Daten über den Tod und dem Nachlass Mordochai Meiseis in Prag („Historia von dem Reichen Juden in Prag“). Nr. 644—647 und 663 Daten über Judentaufen in Frankfurt a. M. und Leipzig, während Nr. 684 Nachrichten über den Prozess des berüchtigten Konvertiten und k. Kammerdieners Philipp Lang übermittelt. Nr. 730 ist der Originaldruck der Frankfurter Judeuoidnung mit der Abbildung des Judenzeichens (1613). Eine interessante päpstliche Verfügung aus dem Jahre 1635 enthält Nr. 943; es handelt sich um die rituelle Verpflegung der auf Veranlassung von christlichen Gläubigern im Schuldgefängniss befindlichen vermögenslosen Juden. Nr. 1147 ist eine englische Schrift über die Juden aus dem Jahre 1699; Nr. 1337, Predigt anlässlich des Uebertrittes eines gewissen Jakob Markus zum Protestantismus (1783). Nr. 1425 („Rede des Bürgers Hahn in der batavischen Nationalversammlung“) behandelt „die vollkommene Gleichstellung der Juden mit den übrigen Bürgern“ (1796). Nr. 1448 ist eine hebräischfranzösisch-deutsche Fxiedenshymne Elie Le vys, das Vaters Ludovic Haie vys aus dem Jahre 1801, Nr. 1457 ein hebräisch-deutsches „Lobgedicht und Gebeth bey Gelegenheit als die Annahme der erb’icben Kaiser-Würde gefeiert wurde“ (Wien 1804) und Nr. 1497 eine Rede Herz Hombergs zur Friedensfeier (erster Frieden zu Paris). Die letzte auf Juden bezügliche Nummer des Kataloges (1641) ist eine Schrift des „Pincas Kollin, öffentlicher Lehrer an der jüdischen Schule in Prag“ enthaltend eine „Rede an die versammelte Prager Judengemeinde bey Eröffnung des deutschen Schulunterrichtes für die jüdische Jugend“ (1782). Sch, Von der Jüdischen Bühne. Ein junujüdischer Lyriker, Jakob Mestel, der seit einigen Jahren im Ensemble der Jüdischen Bühne mitwirkt, hat eine Komödie verfasst: „Wir schwachen Weiber“. Dieses Stück, welches die Jüdische Bühne in ihr Repertoir aufgenommen hat, wird jetzt unter Leitung des Autors sorgfältig einstudiert und wird in einigen Tagen über die Bretter gehen. — Nach der blossen Lektüre zu urteilen wird die Komödie eine wohlverdiente, theatralische Wirkung erzielen und wir können sie daher unserer intelligenten Jugend wärmstens empfehlen. Das gefährliche Alter tritt für einen Industriezweig dann ein, wenn er nicht in der Lage ist, sich durch Neuheiten zu verjüngen; von diesem Standpunkte muss man den Kalenderverlag der Hofbuchhandlung Moritz Perles in Wien, 1., SeilergasBe 4, einräumen, dass er stets neue Ideen verwirklicht und neuen Bedürfnissen entgegenkommt. So hat er für 1912 seine Ausgaben durch einen humoristischen — oder vielmehr satirischen - Kalender bereichert: den Musketekalender, der von den bewährtesten Autoren und den genialen Zeichnern der Muskete zu einem interessanten Zeitdokument voll unvergleichlichen Humors in Wort und Bild gestaltet wurde. Dann sind auch bei Perles zwei neue Blockkalender erschienen, welchen mau eine bemerkenswerte Originaliät nachrühmen kann: im Schwarzweiss-Tagesblockkalender sind die Ziffern auf dem Tagesblock, im Schwarzweiss-Wochenblockkalender die Tage selbst weiss auf schwarz gedruckt, im Gegensatz zur sonstigen Uebung, da man doch stets schwarz auf weiss druckt. Das ist also etwas für Leute, die den modernen Stil lieben, den sogenannten Wiener Werkstättestil. Neben diesen Novitäten behaupten sich die bekannten Kalender aufs Beste: Der Baukalender, Bienenkalender, Juristenkalender, Medizinalkalender, Landwirtschaftskalender, Pharmazeutischer Kalender, das Haushaltungsnotizbucb, das zum täglichen Einschreiben bestimmt ist, und das buchhalterisch angelegte Haushaltungsbuch, der Universalblockkalender, den man in den meisten Kontoren vorfindet, ferner die Pultmappe, die sich als praktische Schreibunterlage bewährt hat, die Portemonnaiekalender mit Photographie und in geschmackvollem Einband, die Wandkalender, Volkskalender etc. Die k. u. k. Hofbuchhandlung Moritz Perles in Wien, I., Seilergasse 4, sendet jedem Interessenten auf Verlangen gratis ‘und portofrei das ausführliche Kalenderverzeichnis. Schalom Asch, Amerika. Ein Roman. Verlag Neues Leben (Wilhelm Borngräber, Berlin W 30). M. 3, geb. M. 4. Eine Malerei Grau in Grau, aber so wahr, wie eben das jüdische Aüswandererelend trost- und hoffnungslos. ' x.

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