Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Gr. MoMs WochsMM Sette SSM Nr. 53 aufrecht Lahm schritt. Kaum auf den historischen Rohrstock gestützt, in dessen Silberknopf schon der Urgroßvater und nach ihm alle Deszendenten verewigt waren. Er war noch stramm und rüstig, der wackere Oberlehrer der von der Iudengemeinde erhaltenen deutschen Schule. Generation auf Generation hatte er ins ABC und ins Einmaleins eingeführt und liebevoll unterwiesen, mehr als fünfzig Jahre lang, und Generation auf Generation war aus der engen Judengasse hinausgezogen ins Leben und die meisten seiner Schüler waren etwas Tüchtiges geworden. Fragt nur die Muhme Mali dort im Mühlgätzchen, die steinalte Frau mit den hundert Runzeln und Falten im klugen Gesichte, und sie wird euch sagen, daß es keinen besseren Lehrer gibt als den alten Kornfeld. Sie hat drei Söhne: der eine von ihnen ist in Wien Direktor einer großen Bank, der zweite ist an einer deutschen Universität Professor für orientalische Sprachwissenschaft und der dritte ist gar nach Paris gegangen und ein berühmter Schriftsteller geworden. Die Muhme Mali ist wegen ihrer Söhne hochangesehen in der Judenstadt" wie in der Christenstädt, und sie versichert jedermann, daß sie ihr Glück nur ihrem lieben, guten Freunde Kornfeld zu danken habe. Gewiß, jeder ihrer Söhne hatte einen „guten Kopp", aber der „Kopp" allein tut's nicht, es müsse auch was Ordentliches hinein, und dafür habe der brave Oberlehrer gesorgt. Ueber fünfzig Jahre also steht David Kornfeld an der Spitze der deutschen Schule. Als er das Lehramt übernahm, war die Iudengemeinde B. eine der größten und berühmtesten im Lande, denn „von ihr ging aus die Lehre und das Licht". Nicht als ob sie der Sitz einer Jeschiwah gewesen wäre — aber es lebte hier Reb Sender, ein „Lamden" von großem Rufe und ebenso großer Bescheidenheit, ein Privatgelehrter, dessen Meinung in strittigen Fragen oft sogar vom Landesrabbiner eingeholt worden war. Die Gemeinde bestand damals aus mehr als hundert Balbatien, deren geistige Regsamkeit und Rechtschaffenheil ebenso sprichwörtlich war, wie ihr tüchtiger Handelsgeist. Die ganze Gegend war noch deutsches Sprachgebiet, und erst nach und nach wurden zuerst die umliegenden Dörfer und dann die Stadt selbst tschechisiert. Der Stolz der Gemeinde blieb aber ihre deutsche Schule, in welche auch die Bewohner der Christenstadt ihre Kinder schickten, wie denn überhaupt zwischen Juden und Christen seit Menschengedenken das beste Einvernehmen herrschte. Mit der Zeit änderten sich diese idealen Verhältnisse. Jahr um Jahr zog die eine und die andere wohlhabende Judenfamilie fort. Zumeist geschah dies in dem Augenblicke, wo die Kinder in der Volksschule „ausgelernt" hatten und reif für die Mittelschule wurden. Wer die Mittel dazu besaß, übersiedelte .nun in die Kreisstadt oder gar in die Landeshauptstadt, um der harten Notwendigkeit einer Trennung von den Kindern zu entgehen. Auch mit dem Produktenhandel ging's nicht mehr wie früher. Wer nur irgendwie konnte. begann eine Kleinindustrie, und da es dem Orte an einer Wasserkraft fehlte, mußte die Fabrik anderswo errichtet werden. Langsam verwandelte sich die Struktur der Judenstadt. Viele „bessere" Juden erwarben draußen auf dem Marktplatze der Christenstadt Häuser und eröffneten dort Detailgeschäfte, während sich in den alten Judenhäusern ärmere Christen ansiedelten. Man konnte diese Wandlung am besten an der Koscher-Wirtschaft erkennen, die seit undenklichen Zeilen in der „Gasse" von der Familie Steiner betrieben wurde. Im Erdgeschoß dieser Wirtschaft, der „Schank", hatte hier Tag für Tag reges Leben geherrscht und gar an Markttagen war kaum ein Plätzchen übrig. Im Obergeschoß mit seinen von Rauch und Alter geschwärzten Wänden und seinen wurmstichigen Tischen und Stühlen war eine Art Kasino eingerichtet, wo sich die wohlhabenden Mitglieder der Gemeinde jeden Nachmittag zum „Schwarzen" versammelten. Am Honoratiorentisch präsidierte der Bürgermeister Reb Salme Spitzer mit dem Kultusvorsteher Reb Schime Grünberg. Hier war es auch, wo der Oberlehrer — der einzige, der eine kleine Tageszeitung hielt — den ehrerbietig aufhorchenden Männern die politischen Tagesereignisse und die wechselnden wirtschaftlichen Konjunkturen erläuterte. Aber wie gesagt, auch das alte Wirtshaus war nicht mehr dasselbe. Der Markt hatte seine Bedeutung verloren, dije berühmte Kochkunst der Frau Steiner wurde nicht mehr von zahllosen Marktfahrern nach- Gebühr gewürdigt, mit der zunehmenden Entvölkerung und Verarmung der Judenstadt kam auch die Wirtschaft herunter, der Bürger-, meister ging abends zum „Löwen" in der Christenstädt, und der Kultusvorsteher trank seinen „Schwarzen" zu Hause. Nur an der deutschen Schule änderte sich nichts, und auch David Kornfeld blieb derselbe. Sein Haar war gebleicht, aber sein Auge strahlte noch in jugendlichem Feuer und sein Eifer, zu lehren und zu bilden, hatte sich nicht gemindert. Wohl mußte er sehen, wie von Jahr zu Jahr die Zahl der jüdsichen Schulkinder weniger und jene der christlichen mehr wurde, aber ihm war es gleich, ob er Juden oder Christen die Elemente deutscher Bildung vermittelte. „Im Tempel der Wsisenschaft ist jeder Betende gleich" pflegte er zu sagen. Eines Tages geschah nun etwas, worauf auch der alte Kornfeld nicht gleich einen Reim wußte. Reb Salme Spitzer und der Obmann des Ortsschülrates, Reb Joine Skutetzky, kamen zu ihm in die Schule und wiesen ihm ein Schreiben des Pfarrers in der Chrsitenstadt vor, in welchem der hochwürdige Herr mitteilte, daß mit Rücksicht auf die stetig wachsende Zahl der christlichen Schulkinder er der deutschen Schule in B. ein Symbol des Christenglaubens zum Geschenk mache und bitte, dasselbe im "Schulzimmer anzubringen. Kornfeld stand einen Augenblick fassungslos. Dann schoß ihm purpurne Röte ms Gesicht und mit der geballten Faust schlug er so mächtig auf den Katheder, daß von der Erschütterung die Zimmertür aufsprang. „In unserer Schule," rief er zornbebend „,in unserer Schule, die von uns Juden erhalten wird? Das darf nicht sein, das wird nicht sein! Ich will kein Symbol, kern christliches und kein jüdisches, es soll bleiben, wie es von unserer Urväter Zeit her . gewesen ist!" Die drei Männer begaben sich zum Rabbiner und hier wurde beschlossen, an den Pfarrer ein höfliches Schreiben zu richten, in welchem erklärt werde, daß die Judengemeinde und der Ortsfchulrat nach dem Gesetze allein berechtigt feien, über di!e Schuleinrichjtung zu verfügen, daß zum Schenken zwei gehören, einer, der schenkt, und ein anderer, der das Geschenk annimmt, und daß Gemeinde und Ortsschulrat das Geschient entschieden ablehnen. Der Brief ging ab und die Häupter der Gemeinde mit dem Oberlehrer hielten die Sache für abgetan. Wohl blieb in der Seele David Kornfelds ein Stachel darob zurück, daß fremder Wille an seiner Schule hatte rühren wollen, aber er fühlte sich sicher auf dem Boden des Gesetzes und das Unmögliche konnte doch nicht geschehen. j Es geschah aber doch. Nach zwei Wochen kam ein Dekret des Landesschulrates, daß die Gemeinde das Geschenk anzunehmen und der Oberlehrer das Symbol im Schulzimmer anzubringen habe. David Kornfeld griff sich an den Kopf. Er wußte wohl, was er sollte und durfte. Aber das da, das war wider Recht und Gesetz! Der alte Mann erzitterte. In ihm lebte der Geist Ephraim Lessings und Moses Mendelssohns, der Geist echter und wahrer Toleranz in allen religiösen Dingen.