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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 58 Dr. BLochs Anläßlich einer noch nicht erforschten Mordtat, jdie in Kiew an einem Knaben Justschmsky begangen wurde, beeilen sich diese Menschen, in das Volk das Lügenmärchen vom Gebrauch christlichen Blutes hineinzuwerfen. Es ist ein alterprobtes Verfahren der Barbarei. In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt beschuldigten die heidnischen Priester die Christen, daß sie angeblich zum Abendmahl das Blut und den Leib eines ermordeten heidnischen Kindes brauchten. Damals entstand die düstere und böse Legende. Das erste Blut, das um ihretwillen infolge von parteiischen Urteilen römischer Richter und unter den Stößen einer finsteren Masse von Heiden vergossen wurde — war das Blut von Christen. Und die ersten, die die Legende zurückweisen mußten, waren Väter und Lehrer der christlichen Kirche. „Schämt euch," schrieb der heilige Märtyrer Justin in seinem Appell an den römischen Senat, „schämt euch, solche Verbrechen unschuldigen Menschen, die an ihnen unbeteiligt sind, zuzuschreiben. Laßt doch davon ab! Nehmt doch Vernunft an!" „Wo habt ihr irgendwelche Beweise?" fragt voll Entrüstung Tertullian, ein anderer Kirchenlehrer. — „Es ist ein Gerücht. Aber die Eigentümlichkeiten eines Gerüchtes sind allen bekannt. Ein Gerücht ist immer lügnerisch .... Es lebt nur von der Lüge. . ." Jetzt ist die Lügenhaftigkeit des Gerüchts, welches gegen die ersten Christen eine so schwere Beschuldigung enthielt, klar wie der Tag. Indeß, erzeugt von Haß, aufgegriffen von finsterer Unwissenheit, ist die sinnlose Erdichtung nicht ausgestorben. Die größten Leiden jedoch hat dieses Lügengerücht dem unter den anderen Völkern zerstreuten jüdischen Stamm verursacht. Die dadurch hervorgerufenen Pogrome haben in der düsteren Geschichte des Mittelalters Mutige 'Spuren hinterlassen. Zu «allen Veiten hat es hin und wieder Mordtaten gegeben, deren Zwecke unverständlich waren und die die Behörden in Verlegenheit brachten. An Orten mit dichter jüdischer Bevölkerung pflegte man alle derartigen Verbrechen sofort mit rituellem Vlutgebrauchj zu erklären. Der wachgerufene düstere Aberglaube wirkte dann auf die Bekundungen der Zeugen, nahm den Richtern ihre Ruhe und Objektivität und erzeugte Gerichtsirrtümer und Massacres . . . Oft genug wurde dann die Wahrheit, wenn auch allzu spät, aufgehellt. Die vernünftigeren und gerechteren Menschen wurden dann von Unwillen und Scham ergriffen. Viele Päpste, hervorragende Geistliche und Staatsmänner haben den bösen Aberglauben gebrandmarkt und einfür allemal es den Behörden verboten,, bei den Untersuchungen von Mordtaten konfessionelle Tendenzen zur Geltung zu bringen. In Rußland wurde ein solcher Ukas vom Kaiser Alexander I. am 6. März 1817 veröffentlicht und unter der Herrschaft Nikolaus I. am 18. Januar 1835 wiederholt. Im Jahre 1617 hat der griechische Patriarch Gregor ebenfalls die Legende vom Gebrauch christlichen Blutes durch Juden verdammt,- er nannte sie „ein abscheuerregendes Vorurteil, dem nur nicht glaubensfeste Menschen huldigen könnten". Die Ukase vermodern aber in den Archiven, während der Aberglaube lebendig ist. Und so sind wir wiederum Zeugen der Erscheinung, daß die alte Lüge selbst von der Tribüne der Reichsduma verbreitet wird. Gewiß! Heutzutage wagen sie es nichr, die Beschuldigung gegen alle Anhänger des mosaischen Gesetzes zu erheben und berufen sich daher auf irgend eine phantastische Sekte. Dies hindert diese Männer jedoch nicht, das ganze Judentum mit Gewalttätigkeiten und Pogromen zu bedrohen . . . Immer waren es die niedrigsten und die verbrecherischsten Leidenschaften, welche infolge solcher Legenden zutage getreten sind; jedesmal wurde die Menge geblendet und irregeführt, die Rechtsprechung WochMtzrift 877 aber verzerrt. . . Stets haben gegen diese Legende die Liebe und die Wahrheit angekämpft. Nicht allein an den römischen Senat waren die Worte des christlichen -Gelehrten, des Märtyrers Justin, gerichtet. Wir Unterzeichner dieser Erklärung, Vertreter der russischen Literatur der Wissenschaft und der Kunst, die wir wahrlich unsere Kinder ebenfalls lieben, aber solche sinnlose Märchen zurückweisen — wir schließen unsere Stimmen der Stimme des christlichen Lehrers an. der über Jahrhunderte hinaus die Menschheit zu Liebe und zu Vernunft gemahnt hat. Fürchtet jene, die Lüge säen, traut nicht der düsteren Unwahrheit, die bereits vielmals mit Blut gerötet wurde, die den einen Tod, den anderen Sünde und Schande gebracht hat! Nachklänge znr Dreysns-Affäre. Von allen französischen Blättern beschäftigt sich heute, nur noch die royalistische und antisemitische „Action Francaise" mit der Dreyfussache und läßt kaum einen Tag vorübergehen, wo sie den vom Kassationshof endgiltig fr-igesprochenen Dreyfus nicht einen Verräter nennt. Im Herbst 1908 strengte Dreyfus deswegen eine Klage an, weil die „Action Francaise" die Berichtigungen, die er ihr eingesandt hatte, nicht veröffentlichen wollte. Der Prozeß wurde durch alle Instanzen getrieben und erst jetzt ist er zugunsten des Klägers entschieden worden, so daß die „Action Francaise* sich genötigt sieht, zwei Briefe von Drcysus vom 10. Oktober und vom 3. November 1908 an der Spitze des Blattes zu veröffentlichen. Außerd m hat es Dreyfus erreicht, daß die „Action Francaise" das freisprechende Urteil des Kassationshofes mit allen seinen Motiven abdrucken muß. Es nimmt allein zwei ganze Seiten des Blattes ein, durch das diese Zwangsliteratur genötigt war, eine Doppelnummer zu veranstalten. Trotzdem blieben die Herren Maurras und Daudet bei ihrer fixen Idee und nennen Dreyfus noch einmal in den Eingangsworren zu seinen Briefen einen Verräter und warnen die Leser vor den groben Zweideutigkeiten des „Elenden". So kann der Prozeß also schon morgen wieder beginnen. Vermischtes. Bortrag aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Donnerstag den 4. Jänner 1912, halb 8 Uhr abends 'findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, I. Eschenbachgaffe 9, ein Vortrag deS Herrn Rabbiner Dr. Max Gruuwald statt. Thema: „Die Inden Wiens zur Zeit des Prinzen Eugen". Mit Vorführung von Lichtbildern. Eintritt frei ohne Karten. Wieu. (Verleihung des SchulratStitels.) Der Kaiser hat dem Professor an der Staatsrealfchnle im ersten Wiener Gemeindebezirke Aron K o l l e k anläßlich seines Uebertrittes in den bleibenden Ruhestand den Titel eines Schulrates verliehen. Wien. (Vermählung.) Sonntag den 7. Jänner 1912 findet um 2 Uhr nachmittags im Tempel, Seitenstettengaffe, die Trauung des Fräulein Paula H e r z l, Tochter des Seniorchefs der Firma Brüder Herzl, mit Juwelier Herrn Fritz S t e i n i tz, aus Waag-Neustadtl statt. Aus diesem Anlaffe, sowie anläßlich deS 40jähcigen Bestandes der Firma Brüder Herzl, widmete Herr Salomo« Herz! 100 Kronen der israelitischen Kultusgemeinde in Waag-Neustadtl, 100 Kronen dem zu gründenden Jnvalidenheim des Vereines reisender Kaufleute in Wien, 100 Kronen der Altersversorgungs¬ und Jnvalidenkaffe für Meister und deren Witwe« der Genoffenschüft der Juweliere, Gold- und Silberschmiede in Men, 200 Kronen dem Spitalfonds des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft.

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