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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-29 · 52 (29.12.1911) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 52 Dr. Vkochs Wochenschrift Sette 875 Ich erhielt nun das beifolgende Schreiben des Herrn Direktor Ried und muß es Ihrer Einsicht und Loyalität überlassen, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen! Halten Sie es überhaupt für denkbar, daß ein Lehrer von einer Schule mit überwiegend jüdischen Schülern, sich derartige Späße gestatten möchte, die ihm teuer zu stehen kommen würden! Hochachtungsvoll Samuel Janowitzer. Der erwähnte Brief der Direktion der Handelsakademie lautet: Euer Wohlgeboren! Im-Besitze Ihres mir soeben zugekommenen Schreibens vom 19. d. M. beehre ich mich, Ihnen mitzuteilen, daß sich die Verhältnisse an der Prager Handelsakademie, seit ich diese Anstalt leite — es find dies bereits 10 Jahre — weitaus gebessert haben. Die Schule hat an Ansehen und Bedeutung gewonnen und weist gegenwärtig die höchste Frequenzziffer auS, sie zählt jetzt 760 Schüler. Dieses Moment wäre unmöglich, wenn ich an meiner Schule einen Antisemitismus dulden würde, denn die Anstalt wird hauptsächlich von jüdischen Schülern besucht. Gerade weil viele jüdische Schüler die Anstalt frequentieren, ist sie eben auch in ihren Leistungen hervorragend, denn viele israelitische Schüler gehen, auch wenn sie im Gymnasium oder in der Realschule Vorzugszeugnifse erhalten haben, doch in die Handelsakademie, weil sie von Haus aus die Absicht hatten, sich dem Handelsstande zu widmen, während viele christliche Schüler aus dem Gymnasium austreten, weil sie den Anforderungen desselben nicht zu entsprechen vermögen. Es ist eine Tatsache, die wohl jeder Absolvent der hiesigen Schule bestätigen wird, daß alle Schüler ohne Unterschied der Religion mit einer geradezu bewunderungswürdigen Anhänglichkeit on mir hängen, und jeder, der etwas anderes behauptet, bringt einfach eiüe Unwahrheit vor. Die von Ihnen angekündigte Zeitung habe ich bisher nicht erhalten. Ich weiß nur, daß ein hiesiges Blatt die Ungeheuerlichkeit brachte, einer meiner Schüler habe in einem Aufsatze geschrieben, die Juden bedeuten eine „Pestbeule". Der Fall wurde von mir und von zwei Professoren, von denen der eine ein Jude, der andere ein Christ ist, genau untersucht und es hat sich herausgestellt, daß diese Behauptung vollständig erfunden ist. Indem ich Ihnen bestens für Ihr freundliches Schreiben danke, empfehle ich mich hochachtungsvoll Th. Fried. Die Aenvermrg der rumänischen Verfassung. Die größeren politischen Parteien Rumäniens haben, wie aus Bukarest berichtet wird, in der Frage der Aenderung der Verfassung ein Kompromiß geschlossen. Dem Kompromißblock gehören bereits die drei größten Parteien des Landes: die Konservativen, Demokraten und Nationalliberalen an. Aus diesem Anlaß ist auch die Iudenfrage in der Presse der verschiedenen Parteien zur Diskussion gestellt worden. Gegenüber den judenfeindlichen Ausfällen der antisemitischen Presse veröffentlichte der „Adeverul" einen scharfen Artikel, in welcher für die Jnteresten der 300.000 rechtlosen rumänischen Juden Stellung genommen wird. Das Blatt fordert, daß anläßlich der Revision der Verfassung der schmachvollen Rechtlosigkeit der Juden ein Ende bereitet werde. „Wir müssen den Juden die Rechte geben, die ihnen gebühren," schließt der Artikel, „und nur dann wird die Zukunft unseres Landes gesichert sein, denn Gerechtigkeit ist dfe Grundlage jeder Macht." Auszeichnungen anläßlich der Indienreise des englischen Königspaares. Das englische Amtsblatt „London Gazette" veröffentlicht die Verleihung der Baronetwürde an Sir Sassoon Jacob David, Beirat des Gouverneurs von Bombay, über besten große Spende von 53.000 Pfund Sterling zum Andenken an den Besuch des Königspaares in Indien wir in der vorigen Nummer berichtet haben. Aus demselben Anlaste wurde Mr. Robert Nathan, einem Bruder von Sir Mäthew Nathan, der Orden des Sterns von Indien verliehen. Mr. Nathan steht schon seit vielen Jahren in hoher amtlicher Position in Indien, wo er sich durch seine hervorragende Tätigkeit be^ sonders auf kodifikatorischem Gebiete große Verdienste erworben hat. Eine konfiszierte Fabrik. Aus Kiew wird berichtet: J.n Rußland besteht das Gesetz, wonach solchen Juden, welche dabei betreten werden, daß sie außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes Handel treiben, ohne hiezu ein besonderes Recht zu besitzen, die Ware einfach konfisziert und der Jude aus der betreffenden Gegend vertrieben wird. Viele jüdische Kaufleute sind auf diese Weise ins Unglück gestürzt und dem vollständigen Ruin zugetrieben worden. Es genügt. daß ein Polizeirnspektor auf irgend eine Anzeige hin ein Protokoll verfaßt, und der Jude kann schon von seinem Vermögen Abschied nehmen und als Bettler die Stadt verlasten. in welcher er vielleicht Jahrzehnte hindurch einem redlichen Berufe nachging. Fast täglich kommen in den letzten zwei Jahren bei den Kiewer Gerichten solche Prozesse zur Verhandlung, und trotzdem die berühmtesten Advokaten die Verteidigung dieser Juden übernommen hatten, sprachen die Gerichte jedesmal die Konfiskation des Vermögens der angeklagten Juden, sowie die Ausweisung derselben aus. Es kam so weit, daß heute kein Advokat mehr einen solchen Fall übernehmen will, well er ihn von vorneherein für verloren hält. Diese Woche hat sich nun hier ein besonders krasser Fall auf diesem Gebiete ereignet. Seit vielen Jahren besitzt hier ein Jude eine gutgehende Gußeisenwarenfabrik. Der Begründer der Firma starb im vorigen Jahre und die Fabrik wurde von seinen zwei Söhnen namens ihrer Mutter geführt. Eines Morgens erschien ein Polizeiinspektor in der Fabrik und erklärte, daß in der Fabrik auch Handel getrieben werde. Vergebens beteuerten die Fabriksinhaber, daß sie nur Fabrikation und Erport, aber keinen Detailhandel betreiben. Das Protokoll wurde abgefaßt und die Klage dem Gericht überreicht. Kein Advokat wollte die Verteidigung übernehmen, und es kam, was vorausgesehen wurde. Das Gericht sprach die Konfiskation der Fabrik zu Gunsten des Fiskus aus. und nicht nur die beiden Söhne, sondern auch deren Mutter, welche sich in das Geschäft überhaupt nicht gemengt hatte, wurden kurzerhand aus Kiew ausgewiesen. Wichtige Beratungen über eine jüdische Kolonisation rm Staate Utah. Vor einiger Zeit tauchte in Amerika der Plan auf. im Staate Utah eine großzügige jüdische Kolonisation zu inaugurieren. Eine der grüßten jüdischen Organisationen Amerikas entsandte ihr Vorstandsmitglied Dr. Blaustein auf eine Studienreise in den Westen und Süden der Vereinigten Staaten, um die Kolonisationsmöglichkeiten der noch wenig bevölkerten Gegenden in diesen Teilen Amerikas festzustellen. In den Reiseplan wurde auch der Staat Utah ausgenommen. Wie nun aus Newyork gemeldet wird, ist der erste Bericht Dr. Blausteins bereits eingelangt, aus welchem hervorgeht, daß derselbe wichtige Beratungen mit dem Gouverneur des Staates Utah hatte, welche die Gründung von jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien daselbst bezwecken. Nach diesem Berichte hat der Gouverneur seine volle Zustimmung zu einem solchen Kolonisationsplane gegeben und den anzusiedelnden jüdischen Farmern die weitest-

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