Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 52 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 62 Dr. Bwchs Fast alle anderen Staaten haben ihnen gegenüber mehr ober weniger die Ueberlieferungen des Mittelalters beibehalten. Es ist für die Würde unserer Initiative, wie für den Fortschritt der Zivilisation bedeutungsvoll, daß wir uns bemühen, hier den französischen Standpunkt zur Geltung zu bringen. Die Judenemanzipation ist eine durchaus französische Sache. Es war der Priester Gregoire, dessen Name stets in Ehren bleiben wird bei allen Freunden der Freiheit, der diesen Gedanken innerhalb der konstituierenden Versammlung verwirklicht hat. Wir würden uns an unserer Pflicht verfehlen, wenn dies großartige Erbe in unseren Händen unfruchtbar bliebe. Auch Napoleon, dessen Beispiel man so sehr anzuführen beliebt, war einer der großen Arbeiter an dem Werke der Iudenemanzipation. ... Ich zitiere eben Napoleon, ich bin unterbrochen worden. Hier haben Sie eine ziemlich interessante Tatsache aus jener Zeit. Sie wissen, meine Herren, daß in gewissen Städten Deutschlands die Juden vormals einer Art Leibzoll unterworfen waren. Ein derartiger Zoll bestand in Elsaß noch kurz vor der französischen Revolution. Er wurde erst durch eine Verordnung des Jahres 1784 abgeschafft: Der Einfluß der französischen- Revolution und einiger deutscher Schriftsteller trug zu seiner Unterdrückung bei. Ein kleiner Fürst des rechten Rheinufers jedoch, nicht damit zufrieden, diesen Leibzoll in seinen Staaten aufrecht zu erhalten, nahm sich heraus, die französischen Juden des linken Rheinufers bei ihrem Uebertritt in seine Staaten demselben zu unterwerfen. Jean Bon Saint-Andre, Präfekt des Donnersberg, nahm es auf sich, zu erklären, daß, zum Zwecke von Repressalien, alle Untertanen des Duodezfürsten, von dem ich spreche, die Juden ausgenommen, demselben Zoll unterworfen sein sollten, sowie sie den französischen Boden betreten. Was geschah? Der Zoll wurde für alle unterdrückt." Nicht einmal in Frankreich wäre heute eine solche Rede mehr denkbar. Wie große Fortschritte haben wir doch seither gemacht. Die russische offiziöse Presse über den amerikanischrussischen Konflikt. Die Kündigung des Handelsvertrages mit Rußland seitens Amerika hat in Rußland begreiflicherweise den tiefsten Eindruck gemacht. Wenn auch das Hauptorgan der russischen Nationalisten, „Nowoje Wremja", gute Miene zum bösen Spiel zu machen bestrebt ist, so ist es unleugbar, daß die offiziösen Blätter der Regierung i.n den letzten acht Tagen, das heißt seitdem der Konflikt mit Amerika schärfere Formen angenommen hat, bestrebt sind, einen judensreundlicheren Ton anzuschlagen. Besonders auffallend ist diesbezüglich die Haltung der hochoffiziösen „Rossia", welche vor einigen Tagen in einem großen Leitartikel für die Erleichterung der Lage der Juden eingetreten und gegen die Ritualmordhetze der „Nowoje Wremja" mit aller Entschiedenheit Stellung genommen hat. Diese Woche nun, als die Kündigung des Vertrages offiziell bekannt gegeben wurde, tritt der bekannte russische Publizist Siromjatnikoff abermals in der „Rossia" mit der Forderung hervor, daß die „kranke" Frag!e, wie er die Judenfrage nennt, endlich einmal einer Lösung zugeführt werden möge. Selbst wenn man der Meinung sei, heißt es in dem Artikel, daß die Gleichberechtigung der Juden auf der ganzen Linie nicht mit einem Schlage durchgeführt werden könne, so müsse man doch damit endlich einmal den Anfang machen. Zunächst müßte eine ausgiebige Erweiterung des jüdischen Anfiedlungsgebietes eintreten und die Wohnrechtsfrage der Juden einer gründlichen Revision unterzogen werden. Die „No- WochEktft S-U«887 woje Wremja" habe leicht zu Hetzen, denn sie leide nicht unter dem Pogrom und empfinde auch nicht die Verantwortlichkeit, welche die Schwierigkeit der Judenfrage der Regierung aufevlegt. „Rjetsch", das Blatt der Progressisten, hält die Kündigung des Handelsvertrages mit Amerika für einen schweren moralischen Schlag, der aber nicht gegen Rußland als solche, sondern gegen die ganze russische Politik in bezug auf die Judenfrage und hauptsächlich aber gegen das Uebergewicht der ultranationalen Richtung in der russischen Politik geführt ist. Es sei kein Zweifel, daß die Haltung Amerikas rasch Schule machen werde, und daß dann die russische Regierung sich gezwungenermaßen zur Aenderung ihrer Politik wird verstehen müssen. Die Regierung hätte jetzt Gelegenheit, dieser Schmach der indirekten Beeinflussung ihrer Politik durch das Ausland dadurch vorzubeugen, daß sie die Judenfrage einer Lösung zuführt, welche der heutigen Zeit entspricht. Vom Aabrmarkt des Lebens. Der russische Ackerbauminister über die jüdischen Ko- ' lonien in Argentinien. Dieser Tage erschien in Petersburg ein sehr interessantes Buch. Es handelt über die landwirtschaftlichen Verhältnisse Argentiniens und wurde im Aufträge des russischen Ackerbauministeriums von einem hohen Beamten desselben, N. Krjukow, herausgegeben. Der Verfasser, welcher im Aufträge der russischen Regierung eine Studienreise nach Argentinien unternommen hatte, widmet in seinem Werke den jüdischen Kolonien in Argentinien einen sehr großen Raum. Von seinen Beobachtungen seien hier die folgenden wiedergegeben: Im allgemeinen haben die jüdischen Kolonien auf den Verfasser den denkbar günstigsten Eindruck gemacht. Die russischen Juden, meint er, seien in Argentinien gar nicht mehr zu er-, kennen. Nicht nur in ihrer Kleidung und in ihrem ganzen Gehaben sind sie wie ümgewandelt, sondern selbst ihre Gesichtszüge haben sich vollständig geändert. Sie sehen hier freier und mutiger aus wie in der alten Heimat. Schon die der Auswanderung folgende Generation sieht aus wie Arargentinier. Die ehemaligen Kleinkrämer und Handwerker haben sich in wahre Ackerbauer und Landwirte verwandelt, welche die Landwirtschaft genau verstehen, mit allen landwirtschaftlichen Maschinen vorzüglich umzugehen wissen und ganz in der Bearbeitung ihres Bodens aufgehen. In den Kolonien macht sich eine solide Wohlhabenheit geltend. Die argentinischen Kolonien seien daher ein sicherer Beweis dafür, daß ein Teil der Juden für die landwirtschaftliche Kolonisation sich außerordentlich eignet. Der Autor hat seine Forschungen auch auf die Frage erschöpft, wie groß die Zahl derjenigen Juden sei, welche sich ursprünglich dem landwirtschaftlichen Kolonistenleben widmen wollten und dieses nach einer Versuchszeit wieder aufgegeben haben. Wohl ist es ihm nicht gelungen, sich hierüber ein verläßliches Ziffernmaterial zu verschaffen, doch ist er der Meinung, daß die Zahl der schiffbrüchigen Kolonisten nicht gering sein müsse. Der Städter ist seiner Meinung nach sehr schwer in einen Ackerbauer zu verwandeln. Aber noch schwerer fällt es der städtischen Frau, sich an das Dorfleben zu gewöhnen. Dies zeige sich jedoch nicht nur bei Juden, sondern auch bei anderen Völkerschaften. Krjukow macht daher den Vorschlag, daß die Jca mit ihrem bisherigen System, der Kolonisten Boden mit ganzem b'nuäus ivstruetus zu überweisen, brechen möge. Die Kolonisten sollten seiner Meinung nach bei ihrer Ankunft bloß den Boden zugewiesen erhallen. Würden sie in die Kolonie auch eigenes