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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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©eile 861 Siröl L>r. Blochs „Wie sollt' Ihr mich denn kennen, wenn Ihr in Belcz seid und ich in Wien? Aber Ihr sollt mich kennen: Wenn jüdische Mädchen ins Kloster entführt werden, wenn man Juden beschuldigt, daß sie Christenkinder schlachten, wenn Juden beraubt und geschlagen werden, fahre ich hin, forsche die Schuldigen aus und helfe den Juden." Er begriff sofort. Eine gebieterische Handbewegung, und alle Anwesenden zogen sich zurück. Nur der „Obergabbe" blieb, eine gewaltige Hünengestalt, die kerzengerade wie eine Tanne und unbeweglich, aber aufmerksam dem Gange der Unterredung folgte. Der Rabbi wies mir den Stuhl neben dem seinigen dicht am Fenster an. Ich hatte eine einzige Frage an ihn zu richten. Er antwortete darauf ohne Besinnen mit „Nein" und begründete diese Ablehnung mit kurzen, bestimmten Worten. Es war mir sofort klar, daß der Gegenstand, der mich hergeführt, damit erledigt sei. Koma loeuta 68t. „Wenn Ihr „Nein" gesagt habt," sagte ich. „so ist daran nicht mehr zu rütteln. Sprechen wir nicht mehr davon." Ein scharfer Blitz aus den Glutaugen des Rabbi traf mich. Dann schaute er lächelnd zu dem „Obergabbe" auf und rief: „A gescheiter Mensch! Er versieht!" Dann fragte er nach Wesen und Charakter der Westjuden, nach meiner Berufstätigkeit, erzählte von den festlichen Tagen der Hochzeit und verabschiedete mich nach einer halben Stunde freundlich, mit den Worten: „Ich hoffe Euch noch zu sehen." Als ich aus dem Hause trat, grüßten mich die Gläubigen respektvoll. Eine solche Audienz unter sechs Augen soll, wie man mir versicherte, nur äußerst selten gewährt werden. Mein Fiaker nahm mich in Empfang. Er kannte das Zeremoniell genau und führte mich vor allem zum „guten Ort", wo ich an den Gräbern der Vorfahren des Rabbi eine Andacht verrichten mußte. Im Hause des Totengräbers mußte ich zum Heile meiner Angehörigen klingende Opfer bringen. Dann ging's zurück zum „Hotel". Hier brannte Reb Ruwen, der älteste meiner ungarischen Freunde, darauf, mir ein religiöses Glaubensbekenntnis abzupressen. Ich wollte begreiflicherweise an dieser Stätte jede derartige Diskussion vermeiden und antwortete daher nur leichthin, daß ich jedermanns Ueberzeugungen achte und wohl begreife, wie die Menschen auf dem Dorfe ein viel innerlicheres Leben führen als jene in der Großstadt. „Dann darf der Jude nicht in der Großstadt wohnen", war seine bündige Entscheidung. Der Rabbi hatte einen liefen Eindruck auf mich gemacht. Ich kannte andere sogenannte Wunderrabbis aus der Familie Friedmann, die ich in Sadagora und Husiatyn besucht hatte. Sie sind Aristokraten, sanfte, ruhige Menschen, die sich fast gar nicht um politische Dinge kümmern. Sie leben abgeschlossen von der Welt in prunkvollen Palästen, deren Räume parkettiert und tapeziert, mit Polstermöbeln und mit kostbaren Schränken voll Silber und Porzellan ausgestaltet sind, und haben in der Synagoge ihre abgesonderten, prächtigen Gebetsräume, wo sie allen unsichtbar ihre Andacht verrichten. Anders der Rabbi von Belz. Sein Haushalt ist von der größten Einfachheit, ja Bedürfnislosigkeit. Er ist ein Demokrat, der sich mitten unterm Volke bewegt, sein Gebet inmitten der Gläubigen verrichtet und sein großes Einkommen, wie erzählt wird, zur Unterstützung der Armen verwendet, soweit es nicht zum Unterhalt seiner zahlreichen Familie dienen muß. Er ist ein großer Politiker und verfügt über bedeutenden Einfluß bei den Machthabern des Landes. Graf Potocki hat ihn wiederholt im Viererzug auf sein Jagdschloß abholen Wochenschrift und mit dem stolzen Doppelgespann wieder nach Belz zurückführen lassen. Der Rabbi erwies mir hohe Ehre. Vor dem Mincha- Gebet schickte er mir die Musikanten mit den ..Marschalik"*) ins Hotel und ließ mir ein Ständchen bringen. Beim Gottesdienst stellte er mir seinen „Chossen" vor, einen blassen, schmächtigen Jüngling von 15 Jahren aus „Russenland", wie er sagte, der aber schon im Rufe großer Gelehrsamkeit stand und Tag und Nacht „lernte". Abends wurde ich durch die Mitteilung der Wirtin überrascht, daß in der „guten Stube" des Hotels die Braut mit ihren Schwägerinnen aus Rußland weile und mich kennen zu lernen wünsche. Ich fand eine fröhliche Gesellschaft, die mich mit gewinnender Liebenswürdigkeit aufnahm. Die „Kalle" war ein zartes, bleiches, kaum dem Kindesaller entwachsenes Wesen. Aber ihre großen, schwarzen, von langen Wimpern beschatteten Augen glichen denen des Vaters und verrieten ein tiefes Seelenleben. Das reiche Haar krönte ein kostbares Perlendiadem und eine Schnur von seltenen Perlen schmückte auch den kindlichen Hals. Sie bat mich an ihre Seite und wir sprachen von — Wien. Sie war vor zwei Jahren in der Kaiserstadt gewesen und die Erinnerung wird sie durchs Leben begleiten. Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihr ausdrucksvolles Gesicht. Sie wird weiterhin mit ihrem Gatten in Belz wohnen und das üppige Haar wird dem „Scheitel" Platz machen wie bei ihren russischen Schwägerinnen, schönen, üppigen Frauen mit runden Apfelgesichtern, die das Haupt mit feinen Schleiern umwunden hatten. Man trank Tee, und dann kamen die Musikanten und spielten jüdische Weisen von seltener Melancholie, aus denen alles Weh und Leid, aber auch das stolze Selbstbewußtsein unseres Volkes klang, und der Marschalik improvisierte in toller Laune lustige Preis- und Spottverse auf die Anwesenden. Noch um 10 Ahr abends ließ mich die Rabbinerin rufen, damit ich „Lekach" (Hochzeitskuchen) von ihr nehme. Sie ist die zweite Gattin des Rabbi, eine brünette. weiche Schönheit mit zarten, schneeweißen Händen und sehr liebenswürdigen Manieren. Sie schnitt mir ein großes Stück Honigkuchen ab und gab artig ihrer Freude Ausdruck, daß der Tag so angenehm für sie schließe. Auch sie trug ein Perlendiadem und reichen Halsschmuck, während ihr weiblicher Hofstaat durch eine fast gesuchte Einfachheit auffiel. Um zwei Uhr fuhr ich zum Bahnhof. Alle Lichter im „Städtel"" waren erloschen. Als der Zug sich in Bewegung setzte, suchte mein Blick noch einmal die Residenz des Rabbi. Sie lag in tiefer Finsternis — eine fremde Welt, eine Welt für sich — — Siegfried Fleischer. Literatur. Ein Oberpolizeirat als lyrischer Dichter Soeben ist in der Buchhandlung Karl Roneeen in Wien, I., Opernring 3, unter dem Titel >R R. Freund, Tagebuchblätter“ eine ansgewählte Sammlung von Gedichten und Sprüchen erschienen, die den bekannten Oberpolizei- und Regierungsrat Dr. Samuel Freund zum Verfasser haben. Diese dichterischen, formvollendeten und gedankentiefen Erzeugnisse haben zumeist zum Inhalte die Erscheinungen eines tiefen Seelen- und reichen Gefühlslebens; aber auch der göttlichen Allkraft der Natur und ihren Wunderwerken wird begeisterte Bewunderung gezollt. In farbenprächtigen, poetisch gestalteten Bildern werden in besonders stimmungsvoller Weise die Merkmale wahren Menschentums, gegeben durch ein notwendig sittliches und soziales Empfinden, aufgezeigt, daher die erwähnte, auch änsserlich schön ansgestattete Sammlung, die vornehmlich dartun will, dass die Menschenliebe allein der Born der Glückseligkeit ist, Jedermann bestens empfohlen werden k nn. Das erwähnte Buch ist dem k. k. Polizeipräsidenten Karl Ritter v. Brzesowsky gewidmet. Preis eines broschierten Exemplares 3 Kronen. Das folgende stimmungsvolle Gedicht möge als Probe hier wiedergegeben werden: *) Lustigmacher, Schalksnarr.

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