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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Heite 8(j3 ki.M &x. Bwchs Wochenschrift Folge leisten und die religiöse Mitwirkung durch Beteiligung an der Leichenfeier nicht v-rsagen. Die jüdischen Gemeinden stnd v^psttchtet, dre Aschenrcste der durch Feuer Bestatteten auf ihren Friedhöfen beizusetzen.- Kattowltz Die Beerdigung des so jäh aus dem Leben geschiedenen, beliebten Arztes D-. med. Cohn fand unter ganz ungewöhnlicher Beteiligung aller Kreise unserer Stadt, wie der benachbarten Ortschaften statt. Im Trauerhause fanden sich unter anderen em. Oberbürgermeister Pohlmann mit dem Stadtverordneten« Vorsteher Grünfeld, Gymnasialdirektor Dr. Hoffmann mit fast allen Schulleitern, Justizrat Badrian und Smdtrat Guttmann als Vertreter der rsr. Gemeinde, iämtliche Rabbiner OverschlesienS nnd Abordnungen aller Vereine und Krankeii-Kusien, in denen der Verstorbene tätig war. Eine ni.ch lausend zäh ende Menschenmenge folgte dem Sarge auf den jüdischen Friedhof, wo zunächst Ober-Kantor Singer die Trauerferer mit einem Trauer-Choral eröffnetc, wora s Rabd. Dr. Braunschweiger rührende Worte des Abschiedes sprach. Tref ergreifend war es. als der grelle Oberrabbiner aus Breslau, Dr. Rosenthal, die Kanzel bestieg, um dem Vater des Dahingeschiedenen, mit dem ihn eine nahezu halbhundertjährige Freundschaft verbindet, e'nrge Trostwoite zu widmen; Rabbiner Dr. Kopfstein sprach als letzter im Namen des Rabbiner- Verbandes. Herrn Rabbiner Dr. Cohn sind aus allen Teilen Oberschlesiens viele Trauerkundgebungen zugelommen. Feuilleton. Krim Rabbi von Kelz. Von Iaroslau führt eine Sekundärbahn nach Norden, zur russischen Grenze. Es ist eine langsame nnd trübselige Fahrt durch öde Steppe. Nur selten wird das Heideland von dürftigen Feldern und schmalen Waldstreifen unterbrochen. Ab und zu taucht an dem bleigrauen Horizont ein Haufen elender Lehmhütten mit eitlem bretternen Turm auf — ein Dorf, oder wenn der Hütten mehr sind, ein „Städtel". Vor den armseligen Stationshäusern stehen etliche Bauern und Bäuerinnen in zerfetzten Lodenröcken und Inden in abgeschabten Kaftans, „Luftmenschen", die auf den Verdienst des Zufalls warten. Nur in Nawa Nuska, wo die von Lemberg kommende Bahn unsere Linie trifft, ist es lebhafter und geräuschvoller. Aber gleich dahinter dehnt sich wieder die graue Steppe. Plötzlich wird der Blick von einem unerwarteten Schauspiel gefesselt. In der Ferne erheben sich hohe, weißleuchtende Gebäude und überragen weithin die umgebenden Strohdächer. Türme und Giebel, Säulen und Risalite werden sichtbar in einem landfremden, üppigen Stil — Byzanz und Granada an der russisch-galizischen Grenze. Das ist Bel z, der Sitz eines großen, weitberühmten und mächtigen Rabbi. Er herrscht über Hunderttausende von Seelen und sein Machtgebiet reicht von Russisch-Polen über ganz Westgalizien bis tief nach Oberungarn. Nennt man Krakau das polnische Rom, so darf man Belcz das chastidische Mekka nennen. Tausende und Abertausende von Gläubigen strömen alljährlich hieher mit Bitten, Wünschen und Fragen an den als wundertätig verehrten Rabbi, ganze Pilgerzüge, die beladen mit Sorgen, Nöten und Kümmernissen hier anlangen und froh lächelnd von dannen ziehen. — Auch Belcz besteht.nur aus etwa einem Halbhundert erbärmlicher Lehmhütten und Holzbaracken. Aber an der Ostseite des „Städtels" ierhebt sich der mächtige Bau der alten Synagoge mit seinem imposanten maurischen Giebeldache fast drei Stockwerke hoch, daneben der etwas niedrigere, aber immerhin auch eindrucksvolle Vau des neuen Beth-Hamidrasch, und weiter südlich das schmucklose, aber weitläufige Haus des Rabbi, das einzige aus Ziegeln errichtete Wohngebäude des Ortes. Als der Zug hielt, begrüßte uns schmetternde Musik und auf dem Bahnsteig herrschte lärmendes Gedränge. Auf meine erstaunte Frage erhielt ich die Auskunft, daß der Rabbi schon sechs Tage lang Die Hochzeit seiner Tochter feiere, daß die Festlichkeiten noch zwei Tage dauern würden und daß die Musikanten soeben dem in Sokal wohnenden Bruder des Rabbi das Geleite zur Abfahrt gegeben hatten.»Der Fiaker, mit dem ich zur Stadt fuhr, ein wettergebräunter, blonder Jude, erzählte mir Wunderdinge von dieser Hochzeit. Fast alle Fremden waren schon abgereift, aber am Tage der „Chuppoh" sollen ihrer 3000 versammelt gewesen sein und die Hochzeitskosten wurden auf 30.000 Kronen geschätzt. Der Wagen hielt und mein Kutscher bedeutete nur, daß hier ein „Hotel" sei. Durch einen Eassenladen betrar ich einen kleinen Schankraum und verlangte ein Zimmer. Die Wirtin verstand mich nicht gleich, aber der hcrbeieilende Sohn, ein junger Bursche mit Hellen, klugen Auge», begrüßte mich vertraulich, kratzte sich aber verlegen den Kopf, als ich mein Verlangen wiederholte. Ein Zimmer? Jawohl, aber es sei nur ein einziges besseres Zimmer vorhanden Und das müßte ich mit drei Herren aus Ungarn teilen. Es war ein Gelaß von etwa fünf Metern im Gevierte, in dem drei Betten, ein Tisch und drei Sessel standen. „Man muß Gott für alles danken" sagte ich resigniert. Es war drei Uhr nachmittags und vor zwei Uhr nachts ging kein Zug zurück. An Schlaf war da nicht zu denken, aber ich war froh, mich wenigstens umkleiden zu können. Die drei Herren aus Ungarn!kamen mir freundlich entgegen, waren aber doch einigermaßen erstaunt, einen Wiener zu sehen. Ich fuhr zum Rabbi. Den weiten Platz vor seinem Hause erfüllte eine dichte Menschenmenge. Einige Steinstufen führten zur Eingangstür hinauf. Durch einen schmalen, mit Brettern gedielten Gang gelangte man geradeaus zu den Frauengemächern, rechts zur Haussynagoge, einem weiten Saal, der den größten Teil des Gebäudes einnahm. Unmittelbar neben der Eingangstür war der Zugang ßum Dorgemach und zum Arbeitszimmer des Rabbi. Auch hier stand ein fast undurchdringlicher Menschenknäuel. Ich zwängte mich durch und öffnete die Tür. Ein „Gabbe" trat mir entgegen. „Ich möchte den Rabbi sprechen." „Habt Ihr ein „Kwittel"?*) Ihr müßt erst ein „Kwittel" schreiben." „Ein „Kwittel" Hab' ich nicht und schreibe auch keins. Sagt dem Rabbi, ein Abgesandter großer Juden aus Wien wolle ihn sprechen." Der „Eabbe" schlug mir die Türe vor der Nase zu. Wenige Minuten später öffnete er sie wieder und forderte mich höflich auf, einzutreten. Ich befand mich in einem geräumigen 'Gemach mit Bretterhoden und Weißgetünchten Wänden. An der einen Längsseite stand ein langer, ungehobelter Tisch, auf welchem Hunderte von „Kwitteln" und große Haufen von Silber-, Nickel- und Kupfermünzen lagen. Etwa dreißig Gläubige harrten hier ehrfürchtig des Rabbi. Die Nebentüre öffnete sich, und ein schlanker Mann ist Mittelgröße trat mit einer gewissen Eilfertigkeit herein. Der „Gabbe" winkte mich, heran und stellte mich ihm gegenüber. Seine Erscheinung faszinierte mich. Ich begegnete einem dunklen, feurigen Auge von seltsamer Leuchtkraft. Das Haupt 'bedeckte ein mit kostbarem Zobel verbrämtes „Stramel". „Seid Ihr der Rabbi von Velz?" Er nickte und trat mit mir ans Fenster. „Ich möchte mit Euch allein sprechen!" Der Rabbi sah mich erstaunt an und schüttelte den Kopf. ' i I. „Ich Hab' meinem Vater selig auf dem Totenbette versprechen müssen, mit niemandem zu sprechen/ den ich nicht kenne." *) Zettel, auf welchem der Name und das Anliegen des Audienz- Werbers verzeichnet sind.

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