Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021979--20762-3045819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 854 Dr. BLochs Wochelnschrist Nr. 51 sogar die Juden. Bei seinem angeborenen Humor kann es der Jude nicht unterlassen, zu lachen, selbst wenn ein guter Witz auf seine Kosten gemacht wird, und schließlich hat die Karlsbader Judenschaft bei den Gemeindewahlen eigentlich nichts verloren, eher in indirekter Weise gewonnen; nur die deutschfortschrittlichen Christen machen saure Gesichter, denn sie sind ordentlich hereingefallen. — Schon vor drei Jahren wurde zwischen-den Deutschradikalen und den Deutschfo-rtschrittlichen ein „Kompromiß" geschlossen, gemäß dessen den Deutschfortschrittlichen eine knappe Majorität im Gemeinderat gesichert werden sollte. Ihre „Macht" und ihr „Einfluß" wurde dadurch so groß, daß man, um eine Fürsprache zu erlangen, sich nur an — Deutschnationale zu wenden brauchte. Mit ihrer bekannten Voraussicht hatten die Deutschnationalen bald nachher die wichtigsten Gemeindesektionsabteilungen unter ihren Angehörigen verteilt: sie verfügten über die Obmänner im Finanz-, Bäder-, Verkehrs-, Gewerbe-, publizistischen und Armenausschuß. die anderen Sektionen wurden den Liberalen überlassen; die Vorschläge über Angelegenheiten der Finanzgebarung, der Gewerbe und Presse hatten sie in aller Bescheidenheit für sich reserviert — mehr brauchten sie auch gar nicht. Es kam nun die gegenwärtige Neuwahl, und es wurde ein neues Kompromiß geschlossen, gemäß dessen die Deutschfortschrittlichen wieder 19, sie, die allzubescheidenen Deutschnationalen .nur 17 Mandate haben sollen; die Judenschaft sollte vier von den '19 Mandaten erhalten. Es kam aber anders. Solange nämlich die Deutschnationalen noch eine Gefahr für ihre Mandate befürchteten, wurde die Bevölkerung harranguiert, „ja nicht das geschlossene Kompromißzu stören": kaum waren sie aber ihrer Mandate sicher, da geschah ein Wunder: Im ersten Wahlkörper, über welchen die Deutschfortschrittlichen stets mit Sicherheit verfügten, traten andere Kandidaten auf, die beiden jüdischen Kandidaten wurden nicht gewählt, das Kompromiß gesprengt, und die Deutschfortschrittlichen haben die Majorität im Karlsbader Gemeinderate verloren. Dieses Fiasko, dieser Durchfall erfolgte so plötzlich, so überraschend, daß man in Karlsbad darüber lacht — mit Recht lacht. Natürlich handelt es sich nach der Versicherung der Deutschnationalen nur um einen Zufall; es ist geradezu ein „Wunder", wie es gekommen ist. Aber die Sache hat einen Beigeschmack. Als man einmal einen hervorragenden Philosophen — es dürfte der Pädagoge Dittes gewesen sein — fragte, ob es überhaupt Wunder gibt, antwortete er: Manches Mal scheint es, als ob es Wunder geben würde; aber wenn man der Sache nachgeht, findet man gewöhnlich für die Ereignisse natürliche Ursachen. Also analysieren wir: Die deutschnationale Partei Karlsbads hat seit jeher getrachtet, die finanzielle, kurörtliche, gewerbliche Gebarung, das Preß- und Annoncenwesen der Stadtgemeinde in ihre Macht zu bekommen; sie hat dies auch bereits seit langer Zeit erreicht: sie hat es ferner schon vor Jahren angestrebt, daß den Juden von den vier Mandaten zwei weggenommen werden. jetzt Hut sie es erreicht, und dabei noch mehr; sie hat sogar die Majorität im Gemeinderate erlangt, und kann über das Bürgermeisterportefeuille verfügen. Für diejenigen, welche sich nicht von den Herren Deutschnationalen Karlsbads foppen lassen, ist etwas ganz klar: „Wenn sie gewollt hätten, dann wäre das Kompromiß nicht gesprengt worden; es stand vollkommen in ihrer Macht, es zu verhüten, und die ganze Sache sieht so aus, wie eine gut vorbereitete und abgekartete Sache, die fein ausgedacht und ausgeführt wurde. Aber in einem Punkte sind sie selbst gründlich hereingefallen. Sowie man beim Sprengen von Felsstücken zuweilen zu scharf ladet und ein Stück mitfliegt, das man lieber liegen gelassen hätte, so ist dieses Mal den Deutschradikalen ein Malheur passiert. Es flogen nämlich nicht nur die beiden jüdischen Kandidaten in die Luft, sondern der alte liberale Stadtverordnete und Stadlrat kais. Rat Dr. Pleschner, nebenbei bemerkt, ein guter Deutschfortschrittlicher, flog aus Versehen mit, und als man die Folgen desSprengschusses untersuchte, fand man, daß ein Mann mitten in das Kollegium hineingeflogen ist, für den die Stadtverordneten immer noch lieber ein halbes Dutzend harmlose Juden nehmen würden; es ist dies der ehemalige Advokat Dr. Körbel, ein scharfer und sehr unbequemer Kritiker des dermaligen Stadtverordnetenkollegiums, der seit Jahren, obzwar nicht dem Kollegium angehörend, in der Form von Eingaben und Bemänglungen die Finanzgebarung der Stadtverordneten scharfer Kritik unterzieht. Nunmehr in das Kollegium gewählt, wird er als recht unangenehmer Oppositionsmann große Veränderungen herbeiführen, und die drei nächsten Jahre werden sich im Karlsbader Stadtverordnetenkollegium sehr lebhaft gestalten. Die Karlsbader Juden behaupten aber mit vollem Recht, daß ein Verrat an ihnen geübt wurde. Zuerst ließen sich die geeinigten Deutschradikalen und Deutschfortschrittlichen von den Juden wählen, d. h. ihre Mandate sichern, und als sie dieselben gesichert hatten, wurden die Juden einfach, nicht gewählt — sie wurden gefoppt. Nicht einmal die vier Mandate, die sie bisher hatten, ließ man ihnen, sondern man nahm ihnen auch noch davon zwei weg, so daß ihnen von 36 Stadtverordnetenmandaten nur zwei zufielen u. z. sind nur gewählt: Dr. Ferdinand Fleischner, Advokat, der seit langen Jahren als Anwalt der Stadt fungiert und schon durch diese Stellung nicht als Repräsentant der Karlsbader Judenschaft betrachtet werden kann, und der verdienstvolle Vorsteherstellverlreler der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Adolf Rosenfeld, ein vielbeschäftigter Mann, der erst kürzlich sich energisch dagegen wehrte, daß der deutschnationalen Partei, welche sich mit ihrem Nationalhause verspekuliert hatte, dasselbe aus Gemeindegeldern um 277.000 Kronen abgekauft wurde. Allein, schließlich ist dieser jüdische Mitbürger Inhaber eines großen Geschäftes, opfert außerdem täglich einige Stunden den Angelegenheiten der Kultusgemeinde und ist mehr als 70 Jahre alt; der alte Herr kann eben nicht mehr tun, als er tut. Die Position der Karlsbader Judenschaft ist nun folgende: Es gibt in der jüdischen Gemeinde Karlsbad 485 steuerzahlende Personen, von denen sind 62 Private, Realitäten- und Kurhausbesitzer, 76 Aerzte, 11 Fabrikanten. 276 Kaufleute, 17 Advokaten und 43 Beamte. Nimmt man davon solche hinweg, welche Ausländer sind, oder außerhalb Karlsbads ständig wohnen, nämlich 28 Aerzte, 3 Fabrikanten, 37 Kaufleute und 4 Beamte, so verbleiben 62 Private und Realitätenbesitzer resp. reine Kurhausbesitzer, 48 Aerzte, 8 Fabrikanten, 239 Kaufleute, 17 Advokaten und 39 Beamte. Alle diese 413 Wähler sind durch die zwei obenerwähnten Herren repräsentiert oder, machen wir kein Geheimnis daraus, die Juden Karlsbads sind als solche nur als Religionsgemeinschaft, nicht aber wirtschaftlich im Gemeinderate vertreten. Jeder, der die hiesigen Verhältnisse kennt, weiß nun, daß die deutschnationale Partei mit großem Eifer für ihre Anhänger aus dem Kaufmanns- und besonders aus dem Gewerbestande eintritt; jeder, der etwas braucht, geht zu einem Stadtverordneten, dieser geht für ihn zu den Beamten, zum Bürgermeister, zum Polizeichef und zum Referenten und tut, was er kann; nur die Juden können sich an niemanden wenden: der Bürgermeister ist fast stets beschäftigt und nervös, der Vizebürgermeister ein erklärter Antisemit; der Polizeichef richtet sich nach den Wünschen der Stadträte, in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.