Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021979--20761-3045818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51 Hierauf erstattete der Beirat des Vereines, Herr Josef K o h n, den Tätigkeitsbericht. Mit Rücksicht darauf daß der gedruckte und wirklich lesenswerte Jahresbericht bereits früher an die Mitglieder und Gönner des Vereines versendet worden war, brachte Herr Kohn nur einige Ergänzungen zu dem Berichte vor, Ergänzungen, die statistisch die Beteilungstätigkeit des äußerst rührigen und tätigen Vereines illustrierten, und andererseits Tatsachen, welche während der Drucklegung des Berichtes sich ereigneten. Mit warmen Worten innigster Pietät gedachte er des Hinscheidens des seligen Freiherrn Albert v. Rothschild und seines wahrhaft jüdischen Wohltätigkeitslegates von zwei Millionen, dessen sich kaum durchlauchtigste Fürsten anderer Konfessionen rühmen können, die viel größere Vermögen binterließen. Umsomehr muß jeder Menschenfreund und insbesondere jeder altruistische Verein mit den Gefühlen innigster Verehrung einer so edlen Persönlichkeit, welche ein so hochherziges Legat hinterließ, süts in pietätvollster Weise gedenken. Der Berichterstatter erwähnte noch die schöne Spende von K 300, welche ein ungenannter Wohltäter in den letzten Tagen dem Vereine zukommeu ließ, und schloß seine Ausführungen mit einem warmen Appell an die Anwesenden, die Ziele des Vereines, das ist die Unterstützung armerWitwen, Waisen und Wöchnerinnen in der Brigittenau, auch weiterhin nach Kräften zu fördern. Es erhielt hieraufdieKontrollorin Frau Katharina Koh n das Wort. In launiger Weise schilderte dieselbe zunächst ihre Nevisionstätigkeit mit dem Hinweise darauf, daß diese infolge der überaus großen Korrektheit der Kasserin ihr niemals etwas zu beanständen Gelegenheit bot; mit ernsten und von Herzen kommenden Worten aber schilderte sie aus eigener Wahrnehmung die unsagbare, in unserem Bezirke herrschende Armut, namentlich unter unseren Glaubensgenossen, welche zumal, wenn sie mehrere Kinder haben — und dies ist ja unter unseren Armen meistens der Fall — zunächst das Angriffsobjekt der meist antisemitischrn Hausherren bilden, indem ihnen von diesen ohne viel Federlesens die Wohnung gekündigt wird. Zwar haben wir in unserem Bezirke ein Asyl für Obdachlose und ein Männerheim, aber in diesen, wenn auch noch so wohltätigen Anstalten, ist ja ein Familienleben ganz unmöglich. Tatsächlich haben die Verwalter dieser beiden Häuser der Referentin persönlich ihre große Verwunderung darüber ausgesprochen, daß heuer so viele Juden Aufnahme lui ihnen heischten. Ebenso wies sie auf die herzbeklemmende Tatsache hin, daß allwöchentlich an den Amtstagen, fast könnte man sagen, Scharen von Hilfe- und Wohnungsuchenden bei unserem Vereine um Unterstützung bitten — und wir tun, was wir können. Insbesondere ist es die allverehrte Präsidentin, welche nicht ruht und nicht rastet, welche uns im Wohltun voranleuchtet und deren Beispiel für uns noch viele Jahre maß- und richtunggebend sein möge. Diese Worte wurden mit größtem Beifalle ausgenommen und der Präsidentin sowohl von den Mitgliedern und Vorstandsdamen, als auch von den Gästen eine spontane, aber umso inniger wirkende Ovation dargebracht. An diese Ovation schloß der nächstfolgende Redner,Kultusvorstandsmüglied Herr Dr. Heinrich Schreiber, an, indem er namens dieser Korporation sowohl der Präsidentin als auch den Damen des Vorstandes, insbesondere dem Beiräte, Herrn Josef Kohn, für die zielbewußte Tätigkeit herzliche Dankesworte aussprach. In schwungvollen dorten richtete er, der die bittere Armut im Bezirke aus eigener Erfahrung vielfach kennen gelernt hat, die Bitte an den Vorstand, derselbe möge sich keinesfalls, durch die großen Mühen, welche die Armenpflege im Bezirke verursacht, noch durch die leider manchesmal vorkommenden, mitunter auch gefährlichen Drohungen seitens Verzweifelter abhalten lassen, seinem schönen Ziele, welches so ganz im Einklänge steht, mit den edelsten Prinzipien unserer erhabenen Religion, auch weiterhin in der bisherigen Weise zu folgen. Sette 853 Er persönlich kennt ja alle Damen und sei überzeugt, daß dies geschehen werde; er werde aber auch gerne Gelegenheit nehmen, dem Kultusvorstande von der ausgezeichneten Tätigfeit des Vereines Kenntnis zu geben. Reicher Beifall dankte dem Redner, worauf dem Vorstande das Absolutorium erteilt und die Versammlung geschlossen wurde. — Es wäre wirklich zu wünschen, daß dieser Verein, dessen Tätigkeit bestens bekannt ist, zahlreiche werktätige Förderer und Gönner finden möge. Die Religionsnote im Schulausweis. Das erste Schulquartal ist zu Ende und die offizielle Schulnachricht, der sogenannte „Ausweis", der zur Einsichtnahme ins Elternhaus gewandert, hat bereits den Rückweg zur Lchrstätte angerreten. Somit wären die Würfel gefallen, die bei unseren „Kleinen", namentlich aber bei den „Neulingen" der Schule so manche Befürchtung zerstreut, aber auch so manche schöne Hoffnung zerstört haben. Unter den Lehrgegenftänden, die im Ausweis verzeichnet, nimmt bekanntlich die „Religion" den ersten Platz ein, sie genießt gleichsam den Vorrang, der ihr sowohl in der Schule als im Elternhause zu ihrer hohen Bedeutung verhilft. Doch merkwürdigerweise find es gerade jüdische Eltern, die dieser „Rubrik" schon im ersten Ausweis des Neulings nur wenig Interesse entgegenbringen und selbst dann apathisch bleiben, wenn derselbe eine negative Religionsnote aufweist. „Beim Anfänger hats mit der Religion keine Eile, die wird er noch immer in den höheren Klassen erlernen." Das ist die Logik, die manche Eltern ins Treffen führen, falls sie über ihr passives Verhalten in Sachen der Religion zur Rede gestellt werden. Wahrlich, man braucht gerade nicht Schulmann oder Pädagoge zu sein, um nachzuweisen, wie grundfalsch und bodenlos eine solche Logik ist. Bei keinem der Schulgegenstände bewährt sich so sehr das Sprichwort : „Was Hänschen in der Jugend nicht lernt, das lernt auch Hans nicht im Alter", als beim Gegenstand: Jüdische Religion. Bleibt beispielsweise einmal ein Kind in der unteren Klaffe im Hauptgegenstand der Religion, im Hebräisch-Lesen, rückständig, dann gibt es erfahrungsgemäß kein Nachholen mehr in den höheren Klassen, weil daselbst die Fertigkeit im Hebräisch- Lesen einen überwundenen Standpunkt bildet und überdies ein anderes Pensum ausiuarbeiten ist. Allerdings kommt es vor, daß auch ein Rückständiger im Lesen des hebräischen Textes in die höhere Klaffe aufsteigt, doch da hat er dies nur der humanen Rücksichtnahme des Religionslehrers zu verdanken, in Wirklichkeit aber bleibt er während der ganzen Schulkampagne ein jüdischer Analphabet und — was das traurigste an der Sache ist — Zeit seines Lebens ein notorischer Amhorez. Weil es aber auch schon Fälle gegeben hat, wo Kinder infolge ihres Zurückbleibens in den Fächern der Religion gänzlich Schiffbruch erlitten und sogar den Verlust eines Schuljahres zu beklagen hatten, darum sollte dies den jüdischen Eltern, den um das Vorwärtskommen ihrer Sprößlinge so besorgten Väter und Müttern zur Mahnung dienen, gleich in der untern Klaffe und beim Beginn der Schulsaison der ersten Rubrik unter den Gegenständen des Ausweises ihre volle Aufmerksamkeit und Beachtung zuzuwenden. Daniel Skutezky. Religionslehrer. Die Karlsbader Gememdewahlen. Aus Karlsbad wird uns geschrieben: Die Eemeindewahlen sind vorüber: sie sind so ausgefallen, wie es jeder nachdenkende Einwohner im Voraus wissen konnte: die deutschfortschrittl. Partei und die sich an sie hängende jüdische Bewohnerschaft wurde wieder einmal gefoppt, die Majorität der Deutschfortschrittlichen aus der Gemeindestube hinausgesprengt und von den vier Mandaten, welche unter der „Ehrenflagge des Kompromisses" den Juden garantiert wurden, hat man ihnen noch zwei weggenommen. Es wurde in Karlsbad letzten Samstag, als das Wahlresultat bekannt wurde, herzlich gelacht; nicht nur die Deutschnationalen lachten, sondern Dr. Blochs Wochenschrift