Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 850 Dr. Mochs WochMfchrtst Nr. 51 gang gewonnen und internationale Anregungen davon in weite Ländergebiete getragen. Ein Mythos, den Josephus und Philo über die Wirksamkeit von Abrahams Wanderungen kultiviert haben, umkränzt sogar schon den großen jüdischen Patriarchen mit dem Ruhme der Ausübung einer solchen Lehrwirksamkeit größten Stiles, indem sie schildern, wie schon Abraham von dem Zweistromlande Mesopotamien her wandernd, in dessen nördlicher Nachbarschaft sein Heimatland lag, auch die Sternwissenschaft von Babylon her zu den Phöniziern und nach Aegypten, an den Hof der Pharaonen, getragen habe. Offenbar haben wir es hier mit einem Nachklang aus den sehr frühen Zeiten zu tun, in denen uns keilschriftliche Dokumente, wie sie in wachsender Anzahl und Bedeutung aus den neueren archäologischen Erforschungen jener Erdgegenden hervorgehen, eine Art von wissenschaftlichem Gemeinschaftsleben der höchsten Staats- und Geistesregionen der verschiedenen großen Länder und Völker, unabhängig von den Verschiedenheiten der Sprachen entwickelt, ahnen lassen. Ob und wie weit ein solches hohes Gemeinschaftsleben von Ostasien bis nach Aegypten hin, wenigstens im Gebiete ihrer kosmischen Forschung und der darauf zunächst begründeten Weissagungskunst der Finsternisse und der Schicksale, in jenen Jahrtausenden schon vor dem Beginn der jüdischen Wanderungen und Erste bereits existiert hat. muß zurzeit noch dahingestellt bleiben. Einen Anklang ähnlichen Gemeinschaftsideals stellt uns auch das wissenschaftliche Leben des europäischen Mittelalters etwa zur Zeit der Blüte der Renaissance und des Universitätslebens gegen Ende des Jahrhunderts 14 dar, nämlich als respubllca christiana mit der gemeinsamen lateinischen Sprache. Es ist aber schwer zu denken, daß in jener frühen Zeit, schon lange bevor Babylon in den vorchristlichen Jahrhunderten 7—3 den Gipfelpunkt seiner astronomischen Arbeit erreichte, bereits wissenschaftliche Gemeinschaft jener höheren Art von ganz Asien bis nach Aegypten hin wirklich eriftierte. Man wird richtiger annehmen, daß Anfänge solcher Art zugleich mit einer tiefen Sehnsucht nach einer höheren Veüwirklichungsstufe derselben damals schon bestanden haben. Sehr merkwürdig ist es nun, zu sehen, wie sich die biblische Tradition zu solchen Anfängen und zu solchen Gedanken gestellt hat. Ein Gemeinschaftsaufschwung hat auch bei der Wissenschaft leicht Ueberhebung in eigener Sache und Unterschätzung anderer Ziele und Interessen zur Folge. So hat wohl der babylonische Turmbau himmelhohen Wissens und Strebens den Unmut Jehovahs, d. h. der religiösen Lenkung der Menschengemeinschaft, auch damals schon zur Folge gehabt. Die Gegenwirkung aber und die Unmöglichkeit, schon damals jene Ideale zu verwirklichen, ging aus der unsäglichen Unruhe der Völkerbewegungen, deren bedrängtester Schauplatz gerade, das babylonisch-assyrische Zweistromland war, und aus der unvermeidlichen, gerade dort immer neuen Verwirrung der verschiedensten Völkersprachen hervor, und so wurde diese Sprachverwirrung als der entscheidende Gegenzug der Wellenlenkung gegen das himmelstürmende Wissenwollen verkündet. Ganz anders dachte hierüber Iesaias, der schon damals die liebevollste Zukunft eines höheren einmütigen Gemeinschaftslebens der ganzen Menschheit mit erhabener Begeisterung verkündet hat. Zum Schluß dieser Betrachtungen möchte ich noch einen Blick werfen auf die Unvollkommenheiten, mit denen bisher so vielfach die geschichtliche Erforschung gerade des Emporwachsens der wissenschaftlichen Arbeit der Menschheit behandelt worden ist. Der Forscher hat dabei wenigstens die Neigung, sich sozusagen in eine bestimmte Volksart und iMtutepodje oder in eine bestimmte Literatur zu verlieben. Dagegen hilft eigentlich Mur ein möglichst universales Zusammenwirken und Ausgleichen. Graf Gobineau und Chamberlain haben alles große Wissen und Können nur aus arischen Köpfen hervorgehen sehen wollen. Was ich heute von der Bedeutung der jüdischen Kulturarbeit gesagt habe, ist nur ein Teil dessen, was uns ein ruhiger Blick auf die ganze Fülle der uralten asiatischen und semitischen Kulturarbeit an Ernst und Größe der Forschung entgegenleuchten läßt, und zwar auf dem Gebiete kosmischer Erkenntnis viel reicher als der Anteil des indischen Ariertums. Ein eifriges Zusammenwirken archäologischer und dokumentarischer Arbeit mit der Divination des spezifischen Fachmannes wird uns da noch große Eindrücke, auck im Sinne einer tieferen Behandlung des Rassenproblems, bringen. Darf ich zum Schluß noch, an meine, vorangehende Bemerkung über das Vorleben des Forschers in sein Forschungsgebiet anknüpfend, ein Wort sagen über das Maßhalten in der Art der Verkündung dessen, was treue, wahrheitsernste Forschung uns zum Ruhm der eigenen engeren Gemeinschaft in die Hände gibt. Hier wird es sich hauptsächlich darum handeln, daß in der Klangfarbe dieser Verkündung jegliche Ueberhebung vermieden wird, in welcher die Affekte und Leidenschaften und der sogenannte Gemeinschaftsrausch zu Worte kommen. Weil ich mich selber von allen solchen Nebenwirkungen heute unter Ihnen so vollkommen frei fühle, haben mir meine heutigen Mitteilungen ein ganz besonderes Vergnügen bereitet. Vom Ankirmnrkt des Lebens. Die Juden in China. Sehr geehrter Herr Redakteur! In der jüngsten Nummer Ihrer geschätzten Wochenschrift reflektiert Herr S. M. Perlmann auf meine Mitteilungen über die Juden in Cai-Fong-Fou. Herr Perlmann glaubt über die Verhältnisse der Juden in China besser informiert zu sein als ich, er§o müssen seine. Ausführungen und Mitteilungen über die Juden in China authentischer sein und mehr den Tatsachen entsprechen. Dies alles zugegeben, muß ich doch meinen „leichthin geworfenen Schlußsatz" über Zahl und Verhältnisse der Juden in China trotz der gelehrten Auseinandersetzung des Herrn Perlmann vollinhaltlich ausrecht!rhalten. Denn auch die jüngsten und allerjüngsten Forschungen über Zahl und Verhältnisse der Juden in China beruhen vielfach nur auf Vermutungen und weichen von einander wesentlich ab. Herr Perlmann zum Beispiel kommt auf Grund seiner Forschungen zu dem Resultate, daß es „keine Juden mehr in China gibt, sie sind alle längst von den Chinesen absorbiert worden." Dem gegenüber veröffentlichte der „Berliner Börsen- Courier" am 17. Februar 1895 einen Bericht über die Juden in China, der das Gegenteil von dem feststellt, was Herr Perlmann 15 Jahre später auf Grund seiner Forschungen behauptet. In dem oben erwähnten Bericht heißt es u. a.: „Sir Moses Montefiore, der überall im Sinne der Humanität zu wirken bestrebt gewesen, hatte sein Interesse auch den in China lebenden Juden zugewandt und in Gemeinschaft mit einem Mitgliede des Londoner Hauses Rothschild eine Expedition ausgerüstet, die sich mit der Auffindung jüdischer Gemeinden in China, ihren Gebräuchen und Feststellung etwaiger Hilfsbedürftigkeit beschäftigten sollte. Das Ergebnis der eingehenden Forschungsreise war ungefähr folgendes: Es leben gegen 80.000 (achtzig Tausend) Juden in China, und zwar zumeist in der