Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 51 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr.-81 S-'te 848 Dr. Bkochs Wochenschrift sandt wurde, in der letzten Versanmlung des Vereines der Fortschrittsfreunde zur Diskussion gestellt. Es entspann sich eine lebhafte Debatte, in welcher die anwesenden Reichsratsabgeordneten die Erklärung abgaben, diese Angelegenheit sowohl im Parlamente, als auch in den Delegationssitzungen zur Sprache bringen zu wollen. Zaugwills Angriff gegen die englische Politik in der Paßfrage. Die „National Citisens Comitee" in Amerika, welche sich ausschließlich zu dem Zwecke gegründet hat, um mit den schärfsten Mitteln gegen Präsidenten Taft zu kämpfen, falls er sein Wort, dem amerikanischen Passe in Rußland vollständige Geltung zu verschaffen, nicht einlöst. veröffentlicht soeben einen Brief Israel Zangwills über die Stellung der englischen auswärtigen Regierung zu dieser Frage. Der Brief, der in England berechtigtes Aufsehen erregt, hat folgenden Wortlaut: „Ich bin entzückt von der Gründung des National Citisens Comitees. Amerika hat diese unwürdige Unterscheidung unter ihren Bürgern zu lange geduldet und dadurch eine Beleidigung und Verletzung der Grundidee einer Republik ruhig zugelassen. Es wäre ein bedauerlicher Skandal, wenn es gelänge, auch der neuen Welt die Krankheiten der alten Welt aufzudrängen. Es ist fa richtig, auch England duldet diese Beleidigung, aber schließlich ist auch England ein Teil der alten Welt, und ihrer Konstitution liegen nicht jene noblen Ideen zugrunde, denen die amerikanische Konstitution ihre Entstehung zu danken hat. Immerhin bleibt es ein öffentlicher politischer Skandal, daß es selbst bei der englisch-russischen Entente einem Juden, der in England geboren wurde, unmöglich bleibt, in Rußland sich frei zu bewegen. Ich bin fest überzeugt, wäre diese Frage zur Zeit Palmerstones aufgetaucht, er hätte den richtigen und kürzesten Weg durch alle die russischen diplomatischen Schleichwege gefunden, um das Ansehen Englands zu wahren. Aber England ist jetzt im Begriffe, immer mehr und mehr seinen alten so oft bewährten Instinkt zur Freiheit und Gerechtigkeit einzubüßen. Desto mehr erwächst jetzt für Amerika die hohe Pflicht, voranzumarschieren und der Fackelträger der gesamten Kulturmenschheit zu sein." Kündigung des amerikanffch-ruffffchen Handelsvertrages durch den Präsidenten Taft. Petersburg, 18. Dez. Der hiesige Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Lurtis Guild, überreichte dem Minister des Aeußeren, Sasanow, eine Note mit der Kündigung des Vertrages vom Jahre 1832 und dem gleichzeitigen Vorschläge, zum Zwecke des Abschlusses eines neuen, den gegenwärtigen Interessen beider Staaten mehr entsprechenden Handels- und Schiffahrtsvertrages sofort Verhandlungen einzuleiten. Der alte Vertrag bleibt bis zum 19. Dezember 1912 in Kraft. Washin gton, 18. Dez. Die „Associated Preß" meldet : Wie ein Mitglied des Senatskomitees für auswärtige Angelegenheiten mitteilt, hat Präsident Taft den Handelsvertrag mit Rußland auf eigene Verantwortung gekündigt, in der Erwartung, daß der Senat sein Vorgehen billigen werde. Der Kündignugsbeschluß. Der vom Obmann der. Kommission für auswärtige Angelegenheiten im amerikanischen Repräsentantenhause, William Sülze, beantragte und vom Repräsentantenhause angenommene Kündigungsbeschluß hat folgenden Wortlaut: „Es wird vom Senat und vom Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten in der Kongreßversämmlung beschlossen: daß das Volk der Vereinigten Staaten es als fundamentales Prinzip betrachtet, daß die Rechte der Bürger weder im Inlande noch im Auslande von der Rasse oder der Religion abhängig gemacht werden; daß die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Verträge zum Zwecke gleichen Schutzes aller Bürgerklassen ohne Unterschied eingeht und einen Vertrag nicht aufrechterhalten kann, bei dem von der anderen Seite Unterschiede mit Rücksicht auf Rasse oder Religion amerikanischer Bürger gemacht werden; daß die russische Regierung den in Petersburg am 18. Dezember 1832 zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland geschlossenen Vertrag verletzt, indem sie amerikanische Pässe unter Hinweis auf die Rasse oder Religion der Inhaber anzuerkennen sich weigert; daß der erwähnte Vertrag aus den angeführten Gründen ehestens aufgehoben werden muß und daß der Präsident ermächtigt wird, die russische Negierung davon zu verständigen, daß der Vertrag außer Kraft gesetzt wird und mit Ende des nach dem Tage der Kündigung beginnenden Jahres erlischt." Der Anteil der Juden an der wissenschaftlichen Ardeit non Kadylon dis Nürnberg. Von Geh.-Rat Prof. Dr. Wilhelm Fo erster. Unter der Bezeichnung „Wissenschaftliche Arbeit" will ich in meiner heutigen Betrachtung wesentlich die kosmische Forschungsarbeit verstehen, zu der ich als Astronom ein näheres Verhältnis habe. Bei dieser Arbeit, die in den alten Zeiten wesentlich mathematisch-astronomisch war, gegenwärtig aber in großem Stile zugleich physikalisch und chemisch ist, hat in der Gegenwart der Anteil der Juden eine zweifellos hohe Bedeutung erlangt, wogegen die kulturgeschichtliche Betrachtung der älteren Vergangenheit bisher dem jüdischen Genius auf dem Gebiet der kosmischen Forschungsarbeit nicht entfernt eine so große Bedeutung zugeschrieben hat, wie auf dem Gebiet der Ethik und der Erkenntnis des Seelenlebens. Die Vertiefung der kulturgeschichtlichen Forschung hat jedoch seit einiger Zeit begonnen, immer deutlicher ans Licht zu stellen, daß auch in älteren Zeiten bei dem Emporwachsen der kosmischen Forschungsarbeit der Menschheit, zumal in gewissen kritischen Uebergangszeiten der Kulturentwicklung, das Judentum eminente Hilfe geleistet hat, und zwar durch seine eigenartig verbindende kosmopolitische und didaktische Begabung — eine Hilfe, die allerdings in den Jahrhunderten 14—17 (d. h. nach der veralteten Ausdrucksweise in dem 15.—18. Jahrhundert) nicht irgendwie in den Vordergrund getreten ist, aber vorher (und zwar, kurz gesagt, hauptsächlich in der Zeit von Babylon bis Nürnberg) von einem ganz besonderen Werte für die Kontinuität der wissenschaftlichen Arbeit der Menschheit gewesen ist, von einem Werte, dem bisher noch die volle Würdigung gefehlt hat. Es war den Geschichtsforschern der Astronomie zunächst nur bekannt geworden, daß bei dem Uebergange der Arbeitsergebnisse der arabisch-maurischen Astronomie über Spanien nach Frankreich, Italien und Deutschland bis zu der Zeit, wo gegen Ende des Jahrhunderts 14 Johannes Müller (Regiomontanus) in Nürnberg eine Art von europäischem Gipfelpunkt der Uebergangswirksamkeit der griechisch-arabischen Traditionen der Astronomie darstellte, und wo überhaupt Nürnberg einen besonderen Höhepunkt der wissenschaftlich-technischen und auch künstlerisch gestaltenden Entwicklung bildete, also in den Jahrhunderten 11—14, jüdische Astronomen vielfach und sogar vorzugsweise als Vermittler von umfassender astronomischer Gelehrsamkeit gewirkt halten. Unter diesen Vermittlern befanden sich jüdische Männer, die in hohen Stellungen als Lehrer an islamitischen