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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 WoWnWcist Sette 847 Die Lehre, welche das alte Europa vom jungen Amerika diesmal erhalten hat, kann unmöglich ohne Folgen bleiben. Das ist es ja auch, was der russischen Regierung so grobe Verlegenheiten bereitet. Siegt Amerika in diesem denkwürdigen Kampfe, so wird Rußland auch einer ähnlichen Forderung jedes anderen europäischen Staates nachgeben müssen. Und siegt Amerika in diesem Kampfe um das Recht aller ihrer Bürger ohne Unterschied ihres Glaubens, so werden die gleichen Forderungen der anderen Staaten nicht lange auf sich warten lassen können. Schon macht sich in England eine ähnliche Bewegung bemerkbar. Dem Unmut darüber, dab England trotz seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Russland dieses natürliche Recht für seine jüdischen Bürger nicht durchzusetzen vermag, gibt Israel Za.ngwill in einem Briefe, den wir an anderer Stelle vollinhaltlich wiedergeben, in kräftigen Worten Ausdruck. Und es 'wird, wenn Rußland diesmal unterliegt, wohl keinen Staat geben, der noch länger in der durchaus nicht »splendid Isolation« wird verharren wollen, Rußland gegenüber in einem Punkte eine Schwäche zu zeigen, in welchem andere Mächte obsiegt haben. Noch ist der Kampf nicht ausgefochten. Noch ist unseren Brüdern in Amerika und ihren freiheitlichen Mitkämpfern der Sieg nicht sicher. Wir in Oesterreich blicken mit Stolz und Wehmut zugleich zu unseren Stammesbrüdern jenseits des Ozeans hinüber, denen die Freiheit und Gleichheit nicht nur auf dem Papiere garantiert ist, die auch wirklich in Freiheit leben und sich in Freiheit entsalten können. Wir blicken zu ihnen mit derselben Wehmut, die aus dem Begrüßungstelegramm spricht, das die jüdischen Abgeordneten unseres Parlaments dem amerikanischen Repräsentantenhause gesandt haben. Mögen sie drüben in ihrem Kampfe ausharren: wenn sie siegen, so ebnen sie dem Rechte den Weg auch nach Europa. Und deshalb hat dieser Kampf für uns eine so unabschätzbare Bedeutung. —sz. Wir lassen nun die letzten Berichte in der Paßfrage folgen: Eine englische Aktion m der Patzfrage. Die mächtige Agitation, welche die amerikanischen Juden mit Hilfe nichtjüdischer liberaler Kreise und der Unterstützung des Klerus gegen die Ausschließung ausländischer Juden aus Rußland in letzterer Zeit entwickeln, hat auch in England Widerhall gefunden. Genau so wie die amerikanischen Juden für die Anerkennung des amerikanischen Passes in Rußland ohne Rücksicht auf die Konfession des Paßbesitzers eintreten, beginnt man nun in England, infolge einer Anregung des bekannten Politikers Mr. Joseph Cowen, sich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen. Nach dem Vorschläge Cowen's sollen die jüdischen Politiker das zwischen England und Rußland neuerlich betätigte freundschaftliche Verhältnis dazu benützen, um im Wege der englischen Regierung in Rußland die Anerkennung des englischen. Passes, der einem Juden ausgestellt wird, durchzusetzen. Jacob Schiff und die rusiische Patzftage. Die Paßfrage in Amerika hat noch immer nicht ihre Erledigung gefunden. Trotz aller Bemühungen seitens der amerikanischen Judenheit und trotz aller Versprechungen seitens der Regierung ist in der Angelegenheit noch nicht der geringste Fortschritt erzielt worden. Die russische Regierung ist unnachgiebig, hieß es jtets, Amerika tut alles, was es kann, es läßt sich aber nichts erreichen. Diese Darstellung der Sachlage mußte stets verdächtig und nicht ganz einwandfrei erscheinen; es war nicht anzunehmen, baß bei wirklich energischem Vorgehen der Vereinigten Staaten nichts zu erreichen sei. daß die russische Regierung es zur Lösung ihres Handelsvertrages mit Amerika wird kommen lassen, nur um nicht einigen amerikanischen Juden Einlaß zu gewähren. Ist doch der Antisemitismus der russischen Gewalthaber nicht prinzipieller sondern rein praktischer, geschäftsmäßiger Natur. Man mußte daher annehmen, daß die Regierung der Vereinigten Staaten in ihrer Behandlung der Frage nur lau vorgegangen ist; und daß diese Annahme richtig war, ist in den letzten Tagen ans Licht der breiten Oeffentlichkeit gekommen durch eine Rede, die Jacob Schiff in Newyork gehalten hat. Er hat nämlich enthüllt, daß der frühere Botschafter der Vereinigten Staaten in Petersburg, Rookhill, sogar bestrebt war, die Erzwingung des Einlasses amerikanischer Juden in Rußland seitens der russischen Regierung zu Hintertreiben, daß er keine Schritte in der Sache unternahm. sondern seiner Regierung andauernd Vorstellungen gemacht hat, die Angelegenheit ruhen zu lassen. Ferner hat Jacob Schiff mitgeteilt, daß zu ihm eines Tages der frühere russische Botschafter gekommen sei mit dem Ersuchen, eine Gesellschaft zur finanziellen Betätigung in Rußland zu organisieren: natürlich habe er. Schiff, das kategorisch abgelehnt. Einige Zeit darauf aber sei derselbe Botschafter bei ihm wieder erschienen und habe ihm triumphierend berichtet, daß eine solche Gesellschaft bereits gegründet sei, an ihrer Spitze stehe ein bekannter Finanzier, der — und dies ist das Interessanteste — in engster Fühlung mit Präsident Taft steht und großen Einfluß auf die amerikanische Politik besitzt. Derselbe hat zwar gleich darauf ein Dementi erfolgen lassen, aber daß der Sachverhalt nicht so war, wie Schiff ihn dargestellt hat, konnte er doch nicht Nachweisen. Die Rede Schiffs hat naturgemäß das lebhafteste Aufsehen in der amerikanischen Oeffentlichkeit hervorgerufen. Daß ihre Wirkung eine bedeutende sein wird, ist klar. Bei dem Einfluß, den Jacob Schiff besitzt, bei der Energie seines Vorgehens und bei der Schwere der Anklagen, die er vorgebracht hat, kann seine Rede nicht verfehlen, eine Wandlung in der Haltung der amerikanischen Regierung zu bewirken. Und diese Wandlung läßt sich schon konstatieren. Rookhill ist bereits seit einiger Zeit durch einen anderen Botschafter ersetzt, der die Angelegenheit weitaus energischer betreibt, im Kongreß ist ein Antrag eingebracht. der die Lö'ung des Handelsvertrages mit Rußland fordert, große Versammlungen über diese Frage werden täglich abgehalten und auch Präsident Taft hat in den letzten Tagen in einer Rede erklärt, daß man den Einlaß amerikanischer Juden nach Rußland erzwingen müsse. So besteht denn alle Hoffnung, daß jetzt bei energischem Vorgehen der amerikanischen Regierung endlich ein Erfolg erzielt werden wird. Eine Warnung der niederösterreichischen Handelskammer. Wie wir erfahren, hat die niederösterreichische Handels- und Eewerbekammer an alle diejenigen Firmen, welche in Rußland reisen lassen, ein Zirkular versandt, in cnwelchem die betreffenden Großkaufleute gewarut werden, keine jüdischen Reisenden nach Rußland zu entsenden, da sie dort seitens der russischen Behörden den größten Schikanen ansgesetzt sind, welche ein ersprießliches Arbeiten für ihre Firma ausschließt. Die Intervention der österreichisch-ungarischen Konsulate in Rußland, die in solchen Fällen in der Regel angesprochen wird, hat sich in den meisten Fällen als erfolglos erwiesen. Dieses merkwüdige Zirkular, welches ein schreiendes Dokument der Ohnmacht unserer diplomatischen Vertretungen in Rußland darstellt, hat der Chef der Firma Adolf u. B. Hofbauer, Herr Bernhard Hofbauer, dem gleichfalls ein solches Zirkular zuge-

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