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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 846 Dt. Blocks Wochenschrift *r- 5i Hochstapelei, Unredlichkeit in jeder Größe und bedenklichster Art. So hat sich Vergani schließlich ein Verdienst erworben durch eine fanatische Rachsucht, welche er ger.i als eine abscheuliche jüdische Eigenschaft dargestellt hat. Er warfdie heute selbst wieder um, die er in ihrer äufgeblasenen Größe aufstellen half. Die Folgen davon hat man bereits im Juni gesehen und man wird sie bei jeder kommenden Wahl wiederum sehen. Aber man merkt es gewiß auch in der christlichsozialeu Schmutzpr sse. Das Publikum will von den Leuten nichts wissen, welche allen Ständen alles verbrechen, aber nur für sich selbst etwas erreichen; welche die Oeffmtlichkeit aufregen, um im Trüben zu fischen; welche die Regierung zwingen, zu Helfern ihrer Machenschaften und Verbrechen zu weroen und welche mit heimlich erworbenen Millionen versehen sind, wenn sie nach einigen Jahren öffentlicher Tätigkeit in leitender Stellung die christlichsoziale Politik oder Publizistik verlassen. Manche wollen das nicht freiwillig tun, dann werden sie verlassen. Der mit allen Salben geriebene Vergani geht aus eigenem Entschluß, bevor ihn die Verhältnisse dazu zwingen. So verlassen durch jedes Loch die Ratten das sinkende Schiff, auf welchem der verlogene Antisemitismus, die Politik der geistig und moralisch Rückständigen aus dem Mittelalter in Europa eiugeschleppt wurde. Amerika gegen Rußland. Endlich hat der nordische Bär seinen Bändiger gefunden. Endlich hat sich ein Volk gefunden, das selbst dem mächtigen Zaren von Rußland die Freundschaft zu kündigen wagt, wenn es sich in seinen Rechten verletzt fühlt, und endlich ist das große erlösende Wort gesprochen worden, daß die Verletzung des Ansehens eines Volkes nicht weniger beschämend wird, weil von dieser Verletzung bloß die Juden inmitten dieses Volkes betroffen werden. Das amerikanische Volk hat durch seine freigewählten Repräsentanten der Regierung des Kaisers von Rußland künden lassen, daß es das große mächtige Zarenreich insolange für unwürdig hält, mit ihm ein Handelsbündnis zu schließen, als die russische Regierung sich nicht dazu bequemt, zur Kenntnis zu nehmen, daß es in Amerika keinen Unterschied gebe zwischen Juden und Richtjuden. Das ist eigentlich das ganze Problem, das zwischen Rußland und Amerika seit Jahrzehnten latent ist und nun mit aller Wucht an die Oberfläche geschleudert wurde. Rußland war von jeher gewöhnt, daß die europäischen Staaten alle die bekannten russischen Rechtsanomalien nicht nur als eine interne Angelegenheit Rußlands ansehen, sondern auch in den Berührungspunkten feiner äußeren Politik respektieren müssen. Rußlands Standpunkt war von jeher: In meinem Reiche herrschen Ausnahmegesetze bezüglich der Juden. Will nun ein auswärtiger Staat das Glück genießen, mit mir in ein Vertragsverhältnis zu treten, so muß sein Respekt vor dieser meiner inneren Angelegenheit in seiner äußersten Konsequenz so weit gehen, daß er — wenigstens in bezug auf den Genuß dieses Vertragsverhältnisses mit mir — bei sich gleichfalls Ausnahmegesetze gegen die Juden schafft. Und wahrlich, nichts anderes als ein Ausnahmegesetz bedeutet es, wenn der jüdische Burger eines Staates, dem die volle Gleichheit vor dem Gesetze, der volle Genuß aller Rechte, die jeder andere Bürger genießt, durch die Verfassung zugesichert sind, mit einemmale erfahren muß, daß der Staat ihm einen Schutz verweigert, den sonst jeder seiner nichtjüdischen Mitbürger mit Erfolg ansprechen kann. Die europäischen Staaten, selbst diejenigen, die sich sonst ihrer bürgerlichen Freiheiten so gerne rühmen, haben die große Schmach, welche in diesem russischen Oktroi liegt, niemals ganz empfunden, sonst hätten sie wiederholt Gelegenheit gehabt, diese Erniedrigung von sich abzuwälzen. Aber das junge, aufstrebende, körperlich und seelisch kräftige amerikanische Volk hat es schon längst empfunden, daß es aufhören würde, der Träger und Vorkämpfer der großen freiheitlichen Ideen zu sein, wenn es noch länger die Schmach ertrüge, daß auch nur einem seiner Bürger, gegen den kein anderes Verbrechen vorliegt, als daß er Jude ist, der Einlaß in irgend einen Staat verweigert oder seine Freizügigkeit in demselben eingeschränkt wird. Und der freie Amerikaner kennt keine Halbheit. Als vor drei Jahren William Taft um das Vertrauen des amerikanischen Volkes warb, da mußte er, um die Präsidentschaft zu erlangen, das bindende Versprechen geben, daß er nach seiner Wahl alle Mittel anwenden werde, um dem amerikanischen Paß in Rußland auch dann volle Geltung zu verschaffen, wenn dieser Paß einem amerikanischen Bürger gehört, der Jude ist. Drei Jahre sind seitdem verstrichen, das amerikanische Volk rüstet sich abermals zur Wahl. Präsident Taft hat bis heute sein Versprechen nicht eingelöst. Sollte man ihm etwa ein neues Versprechen abringen? Sich mit einer neueren Vertröstung zufrieden geben, wie es die unfreien Bürger des alten, verknöcherten Europa tun? Das wäre eines freien Amerikaners unwürdig. Zu oft und zu stark wurde er gerade in den letzten drei Jahren durch Rußland in seiner Ehre verletzt. Unvergessen ist es noch, daß einer der angesehensten Bürger Amerikas, einer der hervorragendsten Diplomaten der Vereinigten Staaten, der gewesene Handelsminister und Botschafter Oskar S. Straus, dem Amerika so vieles dankt, Rußland nur deshalb nicht betreten konnte, weil er Jude ist und sich nicht den Demütigungen aussetzen wollte, den jeder Jude, der ins Reich der Huligans und Pogrome kommt, ausgesetzt sein muß. Und da das freigewählte Oberhaupt der amerikanischen Republik sein Versprechen nicht ernstlich einlösen wollte, so erhob das souveräne Volk seine gebieterische Stimme und drängte seinen Präsidenten dahin, wo er im Sinne seines Versprechens schon längst hätte freiwillig stehen sollen. Wir haben gar keinen Grund, es zu verhehlen, daß die ganze Bewegung in Amerika von den amerikanischen Juden ausging. Die amerikanischen Juden forderten von ihren Mitbürgern, daß sie den Grundgedanken der amerikanischen Verfassung, die vollständige, uneingeschränkte Gleichheit aller amerikanischen Bürger, zur Wahrheit machen helfen. Und sie forderten dies mit gutem Rechte. Denn sie konnten darauf verweisen, daß die nahezu zwei Millionen Juden, die im Laufe der Jahrzehnte in Amerika landeten und zum großen Teile amerikanische Bürger wurden, nicht allein durch die Formalität der Naturalisierung das Bürgerrecht erwarben, sondern dadurch, daß sie mit ihrer Arbeit, mit ihren Fähigkeiten, mit ihrem Eelde an der heutigen Entwicklung Amerikas mitarbeiteten und daher einen unablöslichen Teil jener moralischen, politischen und wirtschaftlichen Macht bilden, welche die Vereinigten Staaten von Nordamerika in der Welt darstellen. Aber sie konnten auch die ganze unfaßbare Ungerechtigkeit, mit welcher Rußland seine Juden behandelt, dem amerikanischen Volke vor Augen führen. Sie konnten ihm zeigen, daß dieselben russischen Juden, die zu Hause in ihrem Geburtslands geknechtet und gedrückt, als Bestien verschrieen und als Bestien behandelt wurden, in Amerika die Begründer und Schöpfer neuer Industrien wurden, sich als Träger der Kultur auszeichnen und im Kriegsfälle die heldenmütigsten Soldaten stellen. Das freie amerikanische Volk hat das freie, mutige Manneswort seiner jüdischen Bürger verstanden und die Forderung erfüllt.

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