Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 840 fKm BSMUiXLv BIT i ~ n 431# vomvß Svv{Q|Rlffl)ltl|l Nr. 50 Feuilleton. Die Versorgung jüdischer Mädchen. Unter den sozialen Fragen, welche die jüdische Welt der Gegenwart bewegen, tritt jene der Versorgung der jüdischen Mädchen immer schärfer in den Vordergrund. Als der Großvater die Großmutter nahm, lagen die Dinge sehr einfach. Die österreichischen Juden waren auf eine große Anzahl von Landstädten verteilt, in denen fast ausnahmslos ein erheblicher Wohlstand herrschte. Noch heute merkt man das in den alten Iudengassen der böhmischen und mährischen Städte an Bau, Einteilung und Erhaltung der Häuser. So altersgrau und verwittert sie auch sein mögen, irgend etwas an ihnen, ein Säulchen, ein Erkerchen, ein Gieöelchen, eine besondere Steinfliese im Flur bekundet, daß hier einmal neben den oft harten Anforderungen des Alltags auch Formensinn und bescheidene Behaglichkeit gewaltet hat. Solch' ein altes Judenhaus ist mit einer ehrwürdigen Matrone zu vergleichen, in deren von hundert Fältchen durchzogenen Antlitz noch leise Spuren einstiger, sorgfältig gepflegter Schönheit zu erkennen sind. Mochten auch außerhalb der Tore des Gettos alle Juden gleich mißachtet sein, im Getto gab es Rang und Würden, Ehre und Sitte und vor allem einen rührenden Wetteifer in der Betätigung der durch Religion und Brauch eingewurzelten Wohltätigkeit. In diesen alten Iudengemeinden gab es nur wenige Ortsarme, die auf milde Gaben angewiHen waren. Auch die Minderbemittelten brachten sich durch den kleinen Produktenhandel ehrlich, wenn auch dürftig fort. Und das nivellierende Element waren die Frauen, diese braven jüdischen Frauen, die in rastloser häuslicher Arbeit, in steter Sorge um das Wohl des Gatten und die Erziehung der Kinder Tag für Tag die herrlichen Worte des Hoheliedes vom tugendsamen Weibe zur Wahrheit machten. Im Getto war es ein unverbrüchliches Gebot der Nächstenliebe, eine wahre „Mizwoh", daß kein Mädchen, mochte es noch so arm und noch so häßlich sein, einsam durch das Leben wandeln dürfe. Und unablässig spönnen die Feenhände der jüdischen Frauen immer neue Fäden, welche junge Paare zum Bunde für das Leben umschlangen. Die Ansprüche waren bescheiden, die Bedürfnisse gering, das Leben am Lande billig. Wo die eigenen Mittel nicht zureichten, halfen die Wohlhabenden nach. Hatte ein junger Mann nur den Willen und die Kraft zu arbeiten, so fragte man nicht viel nach Geld und Geldeswert. Man sorgte für die Ausstattung, man richtete die Hochzeit aus und im übrigen verließ man sich auf die Hilfe des Allmächtigen, den braven Charakter des jungen Galten und den sparsamen Sinn der jungen Hausfrau. Diese einst so einfachen Verhältnisse haben sich gründlich verwandelt. Die einst blühenden Judengemeinden in den böhmischen und mährischen Stadien sind meist auf ein Häuflein armer Leute zusammengeschmolzen. Der Produktenhandel hat andere Formen angenommen. Die Wohlhabenden sind fortgezogen in die Großstädte und in die industriellen Zentren, in denen sich aber auch ein riesiges jüdisches Proletariat ansammelt. Und in diesen großen Städten ist die patriarchalische Einfachheit der Sitten geschwunden, haben die bescheidenen Lebensansprüche einem stetig zunehmenden Lurus, einem die Leistungsfähigkeit des jüdischen Mittelstandes weit übersteigenden Aufwands Platz gemacht. Man muß den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Auf viele, viele jüdischen Frauen in den großen Städten, oft auch schon in den kleinen, sind die Worte des Hoheliedes längst nicht mehr anwendbar. Man sehe nur, wie sie sich hinter den Spiegelscheiben der Kaffeehäuser ganze Nachmittage hindurch breitmachen, angetan mit Hüten, die dem Riesenrade Konkurrenz machen, in Sammet, Seide und kostbarem Pelzwerk und geschmacklos beladen mit Brillanten, deren Anschaffung dem Mann sorgenvolle Tage und schlaflose Nächte verursacht. Und die jungen Mädchen? Nicht für das Haus, sondern für den Heiratsmarkt werden sie erzogen, frühzeitig wird die Putzsucht in ihnen geweckt, man führt sie ins Theater, in Konzerte, auf Jours und alles an ihnen ist auf einen großen Bluff berechnet. Ist es da ein Wunder, daß unsere jungen Männer sich schwer dazu verstehen, solche verzogene und verwöhnte Wesen zu heiraten, die von der Hauswirtschaft nichts, aber auch rein gar nichts verstehen, sondern nur auf's V e r wirtschaften dressiert sind? Dazu kommt die wachsende Teuerung in den Großstädten, die Unsicherheit der Erwerbsverhältnisse, durch welche die Heiratsgrenze immer höher hinaufgeschoben wird. Während früher ein' junger Mann mit erreichter Großjährigkeit nach einer Lebensgefährtin Umschau hielt, ist heute die Spätheirat zur Regel geworden und die Zahl der unversorgten Mädchen nimmt mit jedem Jahre zu. Selbst, wenn die schöne Gepflogenheit aus dem Getto noch wirklich bestände, wie sie tatsächlich nicht mehr besteht, daß edle Frauen darum besorgt sind, in uneigennütziger Weise neue Ehen zu stiften, die albe „Mizwoh" könnte beim besten Willen nicht geübt werden. Die Zahl der alternden Mädchen ist zu groß und die jungen Männer wollen nicht d'ran. Die Fälle sind auch nicht selten, daß gerade arme Mädchen ohne jede Mitgift, wenn ihnen doch ein glücklicher Zufall zur Haube verholfen hat, die verschwenderischesten Frauen werden. Solche Beispiele schrecken ab, ganz abgesehen davon, daß ja naturgemäß die Liebesheirat immer seltener und die Frage nach der Mitgift immer häufiger wird. Die Ursachen dieses sozialen Uebels liegen also klar zutage — aber wie dem Uebel abzuhelfen sei, ist ein Problem, dessen Lösung so schwer zu finden ist, wie die Quadratur des Zirkels. Versteht man unter Versorgung der jüdischen Mädchen nichts anderes als die Heirat, dann ist sie überhaupt nicht zu finden. Faßt man aber den Begriff so auf, daß die Versorgung nicht ausschließlich durch die Ehe erfolgen muß, dann öffnet sich ein breiter und gangbarer Weg. Die wachsende Kompliziertheit des wirtschaftlichen Lebens hat auch den Frauen zahlreiche Verufszweige geöffnet. Erziehen wir unsere Mädchen ebenso wie bisher unsere Knaben zu einer praktischen Tätigkeit, bringen wir ihnen nützliche Kenntnisse bei, statt sie Klavierspielen, französisch plappern und die neuesten Moden kennen zu lehren, kurz, statten wir sie mit Fähigkeiten aus, die es ihnen ermöglichen, auf eigenen Füßen zu stehen, durch eigene Kraft sich zu erhallen, und die schwierige Frage ist mit einem Schlage gelöst. Mit einer solchen vernünftigen Erziehung wird eine zweifache Wirkung erzielt: Unsere Mädchen werden einerseits mit dem stolzen Bewußtsein erfüllt, daß sie für sich selbst etwas bedeuten und daß ihre Lebensaufgabe nicht in der ebenso tollen wie lächerlichen Männerjagd besteht; und anderseits werden gerade diese Mädchen durch ihren Ernst, ihre Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit die Achtung und Zuneigung ernster, tüchtiger und arbeitsamer Männer gewinnen und so zuletzt doch dem natürlichen Berufe des Weibes zugeführt werden. Ein Mann. Literat«». Voll dem neuen illustrierten "Werk« „Der Mensch aller Zeiten“ Natur und Kultur der Völker der Erde (vollständig iu vierzig Lieferungen zu je M. 1 —, Mönchen, Allgemeine Verlagsgesellschaft m. b. H.) ist soeben die 7. Lieferung erschienen.