Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 60 Dr. Blocks WochMfckrift Seite 839 Welch allgemeiner Beliebheit sich der Verblichene in allen Kreisen der Bevölkerung erfreute, bewies die riesige Teilnahme bei dem stattgesundenen Begräbnisse, zu welchem sich eine große Menschenmenge aus Nah nnd Fern eingefunden hatte. Die Leiche wurde in der schwarzdrapierten Synagoge aufgebahrt, woselbst die Trauerfeier mit den vom Kantor Leopold Blnm weihevoll vorgetragenen Trauergesängen begann. Die Trauerrede hielt Rabbiner Professor Dr. Weiner, königl. Weinberge, der das Lebensbild des Verstorbenen entwarf und besonders dessen Verdienste als liebevollen Jugendbildners hervorhob. Am Friedhofe sprach nach dem vom Herrn Kantor Blnm ergreifend vorgetragenen »Hazur tomim« Herr Kantor Weiß ans Llbochowitz ein Gebet,' worauf dann Herr Rabbiner Abeles ans 2>2kov im Namen des israelitischen Pensions- und des israelitischen Lehrer Vereines in Böhmen den unvergänglichen Verdiensten, welche sich ihr Ehrenmitglied erwarb, Ausdruck gab. Von den Anw senden seien besonders hervorgehoben: Der gesamte Kultusvorstand mit dem Kultusvorsteher Ferdinand Fischer an der Spitze, Herr k. k. Bezirkshauptmann Stribruy mit Statlhaltereifekrctär Hollee, Herr k. k. Bezirksrichter Hellriegel. Herr königl. belg. Konsul Baron Carlo de Liser, ferner die yohe Geistlichkeit: Se. Hochwiirden Herr Dechant Frcer und Herr Katechet Prochazka, Herr Gymnasialdirektor Safranek mit mehreren Herren Professoren. Herr k. k. Schulinspektor Planansky, die beiden Herren Direktoren Zdimal und Krestna der Knaben und Mädchenblirgerschule mit den Herren Lehrern und Lehrerinnen, die Stadtvertretnng mit dem Bürgermeister Herrn Dr. Krecar, die Bezirksvert^etung mit ihrem Obmann Herrn Anton Formanek, Herr Direktor Mautner der Aktiengesellschaft Breitfeld, Danek und Co., die Vertretung der Obcanska und Ho'podaröka Zalozna, Vertreter von mehreren Kultusgemeinden, besonders der Gesamtvorstand der Libochowitzer Kultusgemeinde, deren Rabbiner auch der Verstorbene war, die Herren Religionslehrer Springer aus Prag und Simon aus Teplitz, der Obmann des isr. Pensionsvereines Herr Dr. Rosenbanm, Herr Fabrikant Otto Tänzer aus Zlnitz, die Herren MU Dr. R. Hammerschlag. Lad. Stejskal Sekundararzt des hies. allgemeinen Krankenhauses, Herr Docenl Dr. Oskar Fischer, JUDr. Otto Reimann und viele andere Persönlichkeiten und Honoratioren der Stadt und Umgebung. 8. Großwardein. Am 6. d. M. ist hier Herr Advokat Doktor Stefan Deal an einem Schlaganalle im 30. Lebensjahre plötzlich gestorben und wurde am 7. d. M. unter überaus großer Beteiligung zu Grabe getragen. Der Verstorbene erfreute sich durch seinen biederen und edlen Wohltätigkeitssinn großer Beliebtheit, wie dies auch am Tage der Beerdigung zum Ansdrucke kam. Es erschienen nahezu alle Mitglieder der Advokatenkammer unter Führung des Präsidenten Dr. Walner und die Persönlichkeiten der Stadt. Oberrabbiner Dr. Keeskemeti hielt eine zum Herzen gehende Trauerrede. Die Trauergesänge trug Oberkantor Jenö Weisz mit Cho.begleitung sehr wirkungsvoll vor. Galgocz. Am 12. Kiszlev fand hier zur Erinnerung an den verewigten Begründer des hiesigen Vereines „Bickur cholim", Herrn Salomon Hirschfeld, ein pietätvoller Akt statt, für dessen Abhaltung dem hiesigen Kuliusvorstande die wärmste Anerkennung gebührt. Um 10 Uhr vormittags verfügten sich 10 würdige alte Männer auf den Friedhof und verrichteten dort die üblichen Gebete für das Seelenheil des Verstorbenen. Herr Oderkantor Salzmann rezitierte andachtsvoll das »81 mole rachamim«. Der verewigte Salomon Hirschfeld war ein hervorragender Talmud-Gelehrter und Grotzkaufmann, der auf hiesigem Platze durch 40 Jahre eine hochangesehene, gesellschaftliche und geschäftliche Position bekleidete. Im Jahre 1832 wurde er vom damaligen Galgoczer Rabbiner Friedmann aufgefordert, einen Bikur- Cholim-Verein zu gründen, welcher Anregung er sofort mit Eifer und Begeisterung nahetrat, wobei ihm ein Komitee von 10 hervorragenden Galgoczer Gemeindemitgliedern hilfreich zur Seite stand. Dieser Wohltätigkettsverein für arme Kranke besteht noch heute unter den Namen „Isr. Betegsögelyzöeghlet Galgocz" und wird unter der Leitung der Herren Adolf Hirschfeld als Präses, Herm. Seszler als Vizepräses, Sigm. Verzog als Kassier, Herm. Weiner als Kontrollor und Jnlius Elbert als Schriftführer, seit dem Jahre 1890 verwaltet. Im Jahre 1854 hat Salomon Hirschfeld im Vereine mit dem damaligen Kultusvorsteher Emanuel Eisler es bei der Komitatsbehörde erwirkt, daß der zweite Wochenmarktstag in Galgocz von Samstag auf Montag verlegt wurde. Im Jahre 1858 erwirkte er es beim Kultusministerium, daß für die jüdischen Sträflinge in der Strafanstalt Lipotvar ein Tempel errichtet wurde, in welchem an Samstagen und Feiertagen Gottesdienst abgehalten wird; auch verschaffte er diesen Sträflingen für die Pessachtage eine eigene rituelle Küche. Ungezählt sind auch noch die sonstigen Verdienste Salomon Hirschfeld's sowohl um das religiöse Leben seiner jüdischen Mitbürger und die Zahl seimr hervorragenden, philanthropischen Akte. Dieses sein Wirken ist auch höheren Orts ehrenvoll anerkannt worden. Seine Kinder haben die von ihm begründeten Werke fortgesetzt und opferwillig entwickelt. Seine Enkelkinder bekleiden durchwegs hervorragende Stellungen und einige derselben und zwar Mor. und Dr. Auto« Hirschfeld (Hetees) wurden mit dem Prädikate de Galgoczi in den Adelsstand erhoben. Ein Veteran von Custozza und Monte Torre. Vor kurzem verschied in Brandeis an der Elbe Herr Ludwig Stransky, k. k. Eisenbahn-Oberrevident i. R„ ehemaliger k. u. k. Feuerwerker, Besitzer des Dienstzeichens 1. blasse und der Kriegsmedaille. Er hat die Schlachten bei Custozza und Monte Torre im Jahve 1866 mitgemacht, war Ehrenmitglied des Veteranenvereines in Altbunzlau, sowie zahlreicher anderer Vereine. Stransky war der erste und unermüdlichste Anreger der Erhumierung und Ueberführung der Ueberreste des G. d. K. Freiherrn von Gablenz von Zürich nach Trautenau behufs Beisetzung auf der Gablenz- Höhe. Damals wurde ihm vom Prinzen zu Schaumburg-Lippe der Dank der Angehörigen des Heeres in einer auf seinem Bildnisse eigenhändig geschriebenen Widmung ausgesprochen. Berlin. (Ein interessanter Prozeß.) Unter der Anklage der Verbreitung einer unzüchtigen Schrift stand vor einigen Tagen der Verlagsbuchhändler Arel Juncker in Charlottenburg vor der 2. Strafkammer des Landgerichts III. Vor sechs Jahren erschien im Junckerschrn Verlage ein Roman „Der Weg nach Zion", der von der Anklagebehörde als unzüchtig angesehen wird. In dem Roman werden die Schicksale eines jüdischen Geschwisterpaares dargestellt, das, von den Eltern verstoßen, in Beziehungen zu einem sittlich völlig heruntergekommenen Ehepaar kommt und durch diesen Verkehr selbst sittlich vollkommen verdorben wird. Gegen Kurt Münzer, den Verfasser des Romans, ist die Straftat verjährt; Herr Juncker aber soll sich dadurch strafbar gemacht haben, daß er noch außerhalb der Verjährungsfrist einzelne Exemplare des Buches verkauft hat. Der. Verhandlung stellten sich sofort große Schwierigkeiten entgegen. Es mußte darüber Beschluß gefaßt werden, ob es nötig ist, das ganze dickleibige Werk zu verlesen — ein Gedanke, der einen Beisitzer zu der verzweifelten Frage trieb: „Wer soll denn das aushalten?" Das Gericht kam aber nach Anhörung der Parteien zu der Ueberzeugung, daß es nicht genügen würde, nur einzelne Stellen vorzulesen. Professor Dr. Dessoir, der als Sachverständiger geladen war, wies darauf hin, daß er wegen anstehender Vorlesung in der Universität nicht länger als bis 4 Uhr bei Gericht verweilen könne und am Montag und Dienstag von Berlin abwesend sei. Unter diesen Umständen beschloß das Gericht, die Sache auf den 16. Dezember eventuell 19. Dezember zu vertagen. Inzwischen wird der Angeklagte den Mitgliedern des Gerichtshofes noch vier Exemplare des Buches zustellen, damit jeder von ihnen Kenntnis von dem Inhalt nimmt und auf diese Weise die zeitraubende Vorlesung vermieden werden kann. Berlin. Der „Neue Jüdische Eemeindeverein" steht mitten in angestrengter Arbeit. Der Gründung der Zweigvereine „Nordost". „Rosenthaler Vorstadt". „Schönhauser Vorstadt" ist jetzt die Gründung des Bezirksvereines „Osten" gefolgt, wo nach eifriger Gründungsarbeit des bewährten Herrn Spiewkowski die Herren Rechtsanwalt Dr. Klee und Dr. Zwirn über „Gegenwartsarbeiten der Berliner Juden" vor zahlreich besuchter Versammlung mit großem Erfolg sprachen. Der ..Nordost" feierte sein glänzend verlaufenes Stiftungsfest in den Unionsfestsälen. Ernste Vorträge — wir heben die Festrede Dr. Kleefs und die markigen Worte des Herrn Heilbrunn und des zufällig anwesenden Vorsitzenden des Posener Brudervereins, Kareski, der besonders herzlich begrüßt wurde, hervor — wechselten mit künstlerischen Darbietungen jüdischen und allgemeinen Inhalts. Wie wir hören, werden schon die Vorbereitungen zu neuen Zweigvereinsgründungen getroffen. Am 18. Dezember spricht ebenfalls in den Unionsfestsälen Dr. Segall über „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland". Ueberall Arbeit und Aussaat, hoffentlich reiche Ernte. B.