Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 88« Dr. Mochs „Allianz" und' den B'nai-B'rith-Vereinigungen die Regelung des jüdischen Wanderbettels in ganz Deutschland zu organisieren. Wird es hoffentlich. auch uns gelingen, im Einvernehmen mit den großen jüdischen Korporationen und den Kjultusgemeinden diese Arbeit für Oesterreich. zu leisten. Die materielle Grundlage für die Durchführung der Aktion soll dadurch beschafft werden, daß jede Kiultusgemeinde zwei Prozent ihres Gesamteinkommens der Wanderarmenfürsorge widmet. Von diesem Betrage behält die Gemeinde ein Fünftel für sich, liefert drei Fünftel an die Kreisarmenkasse und ein Fünftel an die Zentralstelle hrSBttem ab. Galizien ist, wie aus dem Entwürfe zu ersehen ist, bisher nur insoweit in den Rahmen der Organisation einbezogen, als in Krakau, Lemberg und Stanislau Kreisarmenkassen gegründet werden sollen und in den Grenzstädten Grenzbureaus für die durchwandernden Armen in Aussicht genommen sind. Als Grundbedingung für das Gelingen der Aktion aber ist die Vertretung des Grundsatzes durchzuführen, daß die Beteiligung der Wanderarmen durch private Wohltäter zu beseitigen sei. Wenn auch das Sprichwort: „Dem Mutigen gehört die Welt!" ein Euphemismus sei, glauben wir doch sagen zu dürfen: „Dem Mutigen winkt der sichere Erfolg", und dies möge durch, die heutige Versammlung und ihr Ergebnis bekräftigt werden. (Lebhafter Beifall.) Sekretär Fleischer verweist auf die großen Veränderungen, welche die Struktur der österreichischen Judenschaft in den letzten Jahrzehnten erfahren habe. Einst große und blühende Judengemeinden seien durch die veränderten Erwerbsverhältnisse und durch den Weggang der Wohlhabenden zusammengeschmolzen, während andrerseits in den Großstädten und Industriezentren das jüdische Proletariat immer mehr anwachse. Die kleinen Gemeinden seien nicht mehr imstande, die ungeheure Last, welche ihnen der Wanderbettel auferlege, zu ertragen. Aber auch. in den Großgemeinden sei diese Last in empfindlicher Weise fühlbar. Die Erundsäule der Reform sei die Beseitigung des Hausbettels und die Scheidung der arbeitsfähigen und arbeitswilligen Elemente von den arbeitsunfähigen und professionellen Wanderbettlern, welche die sprichwörtliche jüdische Wohltätigkeit in schamloser Weise ausbeuten. Den wahrhaft Bedürftigen, Kranken, Greisen, Frauen und Kindern soll nicht ein Heller der bisherigen Unterstützung entzogen werden. Dem gewerbsmäßigen Wanderbettel muß jedoch mit aller Schärfe entgegengetreten werden, schon deshalb, well die auf solche Weise ersparten Summen der wirklichen Armut zugeführt werden können. Die veränderten Verhältnisse verlangen auch eine Aenderung in dem ganzen System der Armenpflege. (Beifall.) Der Sekretär der „Israelitischen Allianz", Dr. K'aminka, erklärt, daß die „Allianz" die geplante Aktion von ganzem Herzen begrüße und sich derselben gerne anschließen werde. Redner schildert eingehend die Hilfstätigkeit der „Allianz" zugunsten der russischen und rumänischen Auswanderer und Rückwanderer. Nicht nur die von ihr errichteten Grenzbureaus, sondern auch die zahlreichen Auskunftsstellen, welche sie in Rußland und Rumänien installiert habe, werden der Regelung des Wanderbettels ersprießliche Dienste leisten können. Die jüdischen Wanderungen haben einen solchen Umfang angenommen und die Schwierigkeiten der Einwanderung in überseeischen Ländern wachsen in einem solchen Maße, daß die Wohltätigkeit gewissermaßen unter Kuratel gestellt, daß Organisationen geschaffen werden müssen, welche den Wandertrieb der Einzelnen in feste Bahnen lenken, aber auch der jüdischen Hilfsbereitschaft den Weg zeigen, auf welchem sie in der wirksamsten Weise ihren Zweck zu erreichen vermag. Von diesen Gesichtspunkten WochMfchrist «r. so aus sei die von der „Unzon" unternommene Aktion wärmslens zu begrüßen und werde auch die Tätigkeit der „Allianz" in erfreulicher Weise ergänzen. (Beifall.) Herr Wolf Pappenheim ist im Zweifel darüber, ob mit dem ausgesprochenen Beitrage von zwei Prozent der Kultusgemeinden oder von zwei Kronen pro Kopf der Steuerträger das Auslangen werde gefunden werden, und ob die Zentralstelle mit diesen beschränkten Mitteln ihre großen Aufgaben werde erfüllen können. Die Absicht, die Wanderbettler ohne Differenzierung in ihre Heimat zu schicken, wäre ein Fehler, well viele dieser Leute im Auslande sich, eine Existenz gründen und nützliche Mitglieder der Gesellschaft werden können. Herr Freund begrüßt gleichfalls mit lebhafter Freude die geplante Organisation. Er habe lange genug auf dem Lande gelebt, um die schädlichen Wirkungen des Wanderbettels kennen zu lernen. Um dem Hausbettel zu steuern, müssen aber auch in den Gemeinden selbst diesbezügliche Organisationen geschaffen werden. Reichsratsabgeordneter Dr. Ofner will die Notwendigkeit einer einheitlichen Regelung des Wanderbeitels nicht leugnen, ist aber ein Gegner allzu großer Schärfe und Strenge. Man müsse individualisieren und dürfe dem Armen nicht jede Möglichkeit benehmen, sich irgend etwas zu schaffen und dann aus eigener Kraft weiter zu arbeiten. Es sei gewiß, daß jeder einzelne von uns freiwillig mehr zur Unterstützung von Armen gebe als unter dem Zwange einer Organisation. Die Reform soll, soweit sie notwendig ist, nicht gehindert, aber doch im Geiste wahrhafter Menschenliebe gehandhabt werden. Die Vorstände einer solchen Organisation müssen sehr kluge, aber auch sehr milde Menschen sein. (Beifall.) Herr Klein bezeichnet es als ein großes Verdienst der „Union", die Frage des Wanderbettels angeregt zu haben, und hätte nur gewünscht, daß zur heutigen Versammlung auch alle Wohltätigkeitsvereine geladen worden wären. Herr kaiserl. Rat Anninger gibt aus seinen eigenen Erfahrungen auf dem Gebiete der Wohltätigkeit einige drastische Beispiele, wie der Wohltätigkeitssinn von Unwürdigen mißbraucht und ausgebeutet werde. (Zustimmung.) Herr Hofbauer erklärt sich, mit der Reform deshalb einverstanden, weil die Armen, welche an den bisher bestandenen Stellen Almosen empfangen haben, solche nunmehr auch von der Zentralkasse und den Zentralarmenkassen erhalten werden. (Heiterkeit.) Herr Dr. Samuely erwidert auf die vorgebrachten Einwendungen in ausführlicher Weise. Wer im Auslande sich eine Existenz erhoffe, werde gewiß nicht in die Heimat, sondern an den von ihm abgegebenen Bestimmungsort gebracht werden. Der Unterschied sei nur, daß er auf dem Mrzesten Wege dahin gelangen und nicht nötig haben werde, sich durch kleine und entlegene Gemeinden durchzubetteln. Der normierte Beitrag von zwei Kronen per Kopf sei selbstverständlich nur als Minimum gedacht und das Statut halte jedermann die Möglichkeit offen, durch Zuwendung jenes Betrages, den er bisher für private Ärmenunterstützung ausgegeben habe, als Jahresbeitrag an die Kreisarmenkasse Mitglied derselben zu werden. Sekretär Fleischer gibt unter lebhaftem Beifall die Versicherung, daß die ganze Organisation von der Zentralstelle aus im Geiste wahrer Barmherzigkeit und innigen Mitgefühls mit den Leiden deü Armen werde gehandhabt werden. Dafür glaube er persönlich sich einsetzen zu können. Mit herzlichen Dankesworten schließt sodann der Vorsitzende die angeregte Versammlung.