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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-08 · 49 (8.12.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
49 (8.12.1911)
Date
1911-12-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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kerade. Das war fein Programm,^ das war sein Motto als Präsident der Union, die unter seiner Führung zu einer so großen und bedeutenden Organisation geworden ist. Deswegen hat er auch stets das Wort genommen gegen die jüdischen Politiker, welche glaubten, uns die Liebe der arischen Nachbarn erringen zu können. Siegmund Mayer wollte aber stets bloß die Achtung und den Respekt vor dem inneren Wert der Juden. Dabei ist er selbst mit glänzendem Beispiele vorangegangen. Tadellos in seiner Lebensführung, makellos als Industrieller und Kaufmann, männlich und aufrichtig in seinem Auftreten, ist jede Anschuldigung des Antisemitismus an seiner Lebensführung als Lüge abgeprallt. So hat er für seine Person auch, den Respekt errungen, den er für das ganze Judentum verlangt hat. Man hat ausgehorcht, so oft er in der Oeffentlichkeit mündlich oder schriftlich das Wort ergriff und er hat das in hingebungsvoller Arbeit sehr oft getan. Seine Reden von der Tribüne des Gemeinderates und der Oesterr.-Jsraelit. Union herab haben niemals eine Polemik ermöglicht, denn es waren von der Wahrheit zusammengefügte Meisterwerke, welche keinen Widerspruch zuliehen. Der Jubilar hat so viele Mauern errichtet, vor denen die antisemitische Hochflut oft genug zurückweichen muhte. Besonders auf dem Gebiet des jüdischen Wirtschaftslebens war und ist der Jubilar ein groher Historiker und anerkannter Fachmann. Seine Publikationen aus diesem Bereich würden mehrere Bände füllen und ihnen vor allem, wenn nicht allein, ist es zu danken, daß die Verleumdung vom Parasitenleben der Juden ihren Kredit vor der Oeffentlichkeit gänzlich verlor. So ist es selbstverständlich, dah sich um Siegmund Mayer die meisten scharten, welche seinen unerbittlichen und zähen Kampf um die modernen Rechte des Judentums mitmachen wollten. Sie begehen mit ihrem großen Führer ein poetisches Fest mit der Feier des achtzigsten Ge-, burtstages. Ein bewegtes Leben, an Kampf und Mühen, aber auch an Erfolg und Ehren reich, hat einen neuen Gedenktag gefunden, eine Gelegenheit, bei welcher das Judentum Oesterreich-Ungarns seinem beredten, mutigen und unermüdlichen Anwalt aufrichtigen Dank und die herzlichsten Glückwünsche entbietet. Der Meltreisende ttttfr der polnische Jude. Von Dr. Max Grnuwald. Vor neun Jahren habe ich auf Grund historischer Quellen in einem Vortrage darauf hingewiesen, daß. als V a s c o de G a m a den Boden Indiens betrat, ihn als Dolmetsch „ein Iude aus Polen" begrüßt habe. Ueber diesen polnischen Juden weiß Kayserling in seinem „Christoph Columbus" nach einem portugiesischen Chronisten allerlei zu berichten. Das Buch Kayserling's war bereits 1894 erschienen, und ich konnte durchaus nicht vermuten, mit jenem Hinweis, zumal ein Berliner Publikum, vor dem ich damals sprach, zu überraschen. Umso größer war meine Ueberraschung, als schon am Morgen nach jenem Bortrage in allen antisemitischen Parteiblättern Berlins eine wahre Hetzjagd gegen mich oder genauer gegen jenen polnischen Juden eröffnet wurde. Verhältnismäßig glimpflich klang die freikonservative „Post", zu gemäßigt für die „Deutsch-Sozialen Blätter" des jüngst verstorbenen Antisemitenhäuptlings Liebermann von Sonneberg, die sofort den Mangel an Energie der „Post" tadelten und durch eine überforsche Abwehr solcher „jüdischer Anmaßungen" wettzumachen sich bestrebten. Die „Post" hatte geschrieben: „Man sieht aus diesen durch und durch tendenziös entstellten Darstellungen und den stürmischen Beifallsäußerungen seitens der etwa 600 jüdischen Zuhörer, daß die Juden sich bereits stark genug fühlen, eine direkte anti-arische Bewegung einzuleiten. Dagegen muß jeder Deutsche, der noch einen Funken nationalen Selbstbewußtseins hat, im Innersten sich empören. Sollte das deutsche Volk nicht noch die Kraft und das Selbstbewußtsein finden können, solche Beschimpfungen im eigenen Lande hinfort unmöglich zu machen? u. s. w." Und alles das wegen jenes Hinweises auf den polnischen Juden und ähnlicher Reminiszenzen, die zum Teil ein bekanntes Organ der deutschen Marinekreise schon vorher aus einem meiner Aufsätze anerkennend abgedruckt hatte. Aber auch die „Staatsbürger-Zeitung", die in Berlin etwa dieselbe Rolle wie bei uns das „Deutsche Volksblatt" spielt, fand diese Abfertigung in der „Post" zu matt. „Das deutsche Volk," so kanzelte sie das Organ des Herrn von Stumm ab, „hat schon die Kraft . ., aber wie steht es in den oberen Schichten aus? Vielleicht denkt die „Post" darüber nach." Zwei ganze Artikel schienen dieser verehrlichen Redaktion jener polnische Jude und ähnliche Einzelheiten aus meinem Vortrage wert. Und ebenfalls mit zwei geharnischten Aufsätzen rückte die „Kreuzzeitung" gegen mich, beziehungsweise jenen armen polnischen Juden aus. Der eine beschränkte sich darauf, eine sachliche Wiedergabe meiner Ausführungen mit Ausrufungs- oder Fragezeichen in Klammern zu begleiten. Der andere war aber schon „redigiert". Er sagt von jenem polnischen Juden und seinem Zusammentreffen mit Vasco de Gama : „Unseres Erachtens hätte dieser Umstand für sich allein ausgereicht, um dem großen Entdecker die Freude an seiner Tat zu verleiden." An diesen förmlichen Kreuzzug gegen einen längst verstorbenen polnischen Juden mußte ich denken, als ich dieser Tage ein prächtiges Jugendbuch des großen schwedischen Entdeckers Sven Hedin „Von Polzu Pol" (bei F. A. Brockhaus, Leipzig, soeben erschienen) durchblätterte. Es ist ein Buch, das wieder einmal den berühmten Weltreisenden als Erzählungskünstler allerersten Ranges bewundern läßt. Außer anderen alttestamentlichen Beziehungen fällt uns in dem Buche die offenbar nicht ohne Absicht eingcflochtene ' Bemerkung auf, daß der Ararat die Form eines verankerten Schiffes mit aufgezogenem Hauptsegel aufweist. Wer denkt da nicht sofort an die Arche Noah's. an die Salzsäule der Frau Lot's usw.? Auch von einem köstlichen Zusammentreffen mit Professor Vamberh ist die Rede. Doch am bemerkenswertesten erscheint uns eine Stelle, die von einer schweren Erkrankung des Forschers in Baku erzählt. Hier heißt es (S. 52) : „Ich war so krank, daß meine Mutter (aus Schweden) mir schon nachreisen wollte. Meine Kniee schwollen an und schmerzten entsetzlich. Tag und Nacht wachte ein Arzt an meinem Bette und tat alles, um meine Schmerzen zu lindern. Dieser Arzt w ar ein alter, polnischer Jude. Durch meine nächtlichen Fieberträume hindurch sah ich ihn im Zimmer umhergehen, still und schweigend, armselig gekleidet, ein Bild der Treue und.Ergebenheit. Und als er seine Aufgabe beendet hatte, weigerte er sich, eine Entschädigung für seine Mühe anzunehmen. Ich solle das Geld lieber den Armen geben, meinte er. Noch heute steht der Alte deutlich vor mir mit seinem gefurchten Antlitz, seiner großen, krummen Nase und den lang herabbaumelnden Schraubenzieherlocken an den Ohren; ich sehe noch seinen langen Rock, der einst schwarz gewesen, nun aber an den Nähten grün geworden und voller Mottenlöcher war. Jetzt ist er, glaube ich, tot, mein alter Jude, aber er gehört zu denen, die ich nie vergessen werde!" Laut aufjubeln möchte man über diesen polnischen Juden in Originalverpackung. Eine Gestalt, die an den großen Maimonides und das „Gebet eines Arztes" erinnert, das man ihm zuschreibt. Und hat nicht schon lange vor ihm Jsak Israel', der Fürst dlr Aerzte", die Selbstlosigkeit als den befferen Teil des ärztlichen Berufes bezeichnet? Welch herrliche

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