Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021977--20711-3045766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«r. 4g npB Bloch’s Jahrgang XXVIII Zentraloroan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. -□__□- Wien, 8. Dezember ISN Lrscbeint jeden Frei rag. Brief-Adreffe: Wie«, IX/i, Hahugaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Slegmund Mayer. — Der Weltreisende und der polnische Jude. — Rassenproblem und Judenfrage. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Von den Pariser Rothschilds. Die Abnahme der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Ein Judendrama im Verdi-Theater in Mailand. Das reichhaltigste Museum sür egyptische Ausgrabungen. Aus den Erinnerungen eines Sozialistenführers an Karl Marx, Ableben eines berühmten christlichen Hebraisten. Ein Monument für einen jüdischen Bürgermeister. — Korrespendenzen: Ehrung der Frau Baronin Charlotte Königswarter durch die Wiener jüdischen Frauenvereine. Das fünfzigjährige Jubiläum des „Vereines zur Unterstützung mittelloser israel. Studierender in Wien". Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Ausstellung von Erzeugnissen der israelit. Erziehungsanstalt Ahlem. Gedenkfeier für Dr. Hirsch Hildesheimer. Sieg der Suffragettes in .... einer Kultusgemeinde. Eine jüdische Dame — Offizier der Akademie. Ein neuer jüdischer Universitätsprofeffor. Zwei Rubel für die Schändung jüdischer Gräber. Juden in der Petersburger Kunstakademie. Die zweite Versammlung des Verbandes jüdischer Gemeinden in Italien. Die Schrift eines katholischen Geistlichen über die Ritualmordlegende. Die israelit. Religionslehrer beim Unterrichtsminister. — Vermischtes. — Feuilleton: Jüdische Studenten. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. A. ft. Postlparftk, lsensmt Sleartng-Verkrebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration. IX/i, Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. oo : -■ — OO 'p Verugsurrks für Drsterrrrch: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgefpal» tene Pslitzeile 24 Heller. C o n -Oo Siegmund Mayer. (Zu seinem 80. Geburtstage.) Wir leben in einem Zeitalter des Epigonentums. Kümmerliche Menschen, kümmerliche Geister treiben auf allen Gebieten des Lebens und Strebens, was sie können, und das ist wahrhaftig nicht viel. Umso aufmerksamer und achtungsvoller schauen wir zu den Männern empor, welche aus den grotzen Zeiten in unsere kleine hineinragen als Lehrmeister für die Iugend. Der besten einer von ihnen ist der Mann, der jetzt als Ehrenpräsident der Israelitischen Union seinen 80. Geburtstag feiert, ist Siegmund Mayer. Gewitz wird sich ein ungeheures Interesse für den Ehrenabend zeigen, an welchem die Union ihren Führer feiert. Denn kaum ein zweiter Mann hat unter den Wiener Juden, aber als Jude auch unter den Christen, so viel Anerkennung gefunden. Der 80. Geburtstag ist für den Ehrenpräsidenten nur ein Kalenderdatum. Er trifft ihn durchaus nicht unter den Ueberwundenen und Vergessenen, sondern als starke Kapazität des Geistes, wie sie das Judentum wahrhaftig braucht. Wer noch je mit Siegmund Mayer zu tun gehabt hat, konnte sich dem Einfluh nicht entziehen, den Erinnerung, Erfahrung und Nutzanwendung im Denken dieses an Jahren gesegneten Mannes unwillkürlich auf jedermann ausübten. Der Jubilar hat für die Kämpfe und Verlegenheiten unserer Tage nur ein Achselzucken und ein Lächeln. Seine Entwicklung hat er während der Entwicklung des modernen Oesterreich und der Judenemanzipation vom Ghetto zum gleichberechtigten Staatsbürgertum durchgemacht und der Atem dieser grotzen Zeiten ist heute noch der seine. Daher auch eine Gabe, welche Wesen und Aufgabe des Ehrenpräsidenten ausmacht. Er ist einer der grotzen und berufenen Verteidiger des Judentums, seine Waffen dazu sind Klugheit und ein vorbildlich gerader und offener Charakter. Wenn uns das Judentum vorschreibt, unsere Greise zu ehren und ihren weisen Worten aufmerksam zu lauschen, so sind solche Männer damit gemeint wie der Jubilar. Die besten Kopfe unter uns haben sich ihn in verwickelten Fragen zu ihrem Berater gewählt und haben recht damit getan. Denn nicht nur angeborene Klugheit hat den Jubilar in unsere ersten Reihen gestellt, sondern der Sturm und Drang seiner Zeit hat auch nur ganze Männer an die Oberfläche gelassen. In so viel Situationen hat Mayer seinen richtigen Weg finden müssen, datz es keine neue Situation mehr für ihn gibt. So erhielt er eine Eigenschaft, welche wie Prophetengabe anmutet. Ungeheure Menschenkenntnis, unerschöpfliche Beispiele, tausendfältige Erfahrung über diplomatische und politische Unterhandlungen und Handlungen setzen den Jubilar in den Stand, aus der Vergangenheit die Zukunft mit fast unfehlbarer Sicherheit vorauszusagen. Dabei lätzt er sich niemals von einem Schlagwort und von einer augenblicklichen Verlegenheit verwirren. Kaltblütig wägt er ab, erörtert bedachtsam und gibt dann ein Urteil ab, meist ein hoffnungsfrohes. Er ist ein Optimist des Judentums und darum sein Förderer. Wie denn nicht? Er hat um die Freiheit gekämpft und auf sie jahrzehntelang gewartet. Er hat die fast hoffnungslose Emanzipation der Juden schlietzlich doch erlebt. Das hat ihm Mut gegeben, von den Fortschritten des Jahrhunderts das Veste für uns Juden zu erwarten. Jetzt, an seinem 80. Geburtslage, hat er den Triumph, Recht behalten zu haben, trotz Schönerer und Lueger. Aber vielleicht ist es fein grötztes Verdienst, datz er ein emsiger und aufrichtiger Jude war noch vor Schönerer und Lueger. Damals, als alles noch Rausch der Gleichberechtigung und Assimilation war, verschmähte er es, die Wahrheit für seine Person zu verlassen und blieb ein hervorragender Geist auf dem Boden des Judentums. Nicht des orthodoxen, vielleicht nicht einmal des absichtlichen. Aber er hat immer getan und gedacht, was natürlich war, und das gab ihm die Stärke und Widerstandskraft. Kein Reformjude, aber ein Reformer der Juden, hat er schon vor Jahrzehnten erkannt» datz die Gemeinschaft der Juden niemals verschwinden, niemals geleugnet oder totgeschwiegen werden könne, höchstens vernachlässigt und geschädigt. Nicht hineinschwindeln wollte er die Juden in die Gleichberechtigung, sondern hineinführen, er wollte den zähen Kampf um den Erfolg und nicht eine beschämende Entlarvung nach einer Mas-