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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-01 · 48 (1.12.1911) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sfr; 48 D e. Blechs WochMchrift Seite 7S7 antisemitische Bewegung bestünde, würden wir zufrieden sein; zwischen uns und unfern christlichen' Mitbürgern besteht kein weiterer Unterschied, als daß wir verschiedene Religionen haben. Nach der Religion sind wir Juden, nach der Nationalität Deutsche. Nun besteht bei uns in Karlsbad die leider den Juden so schwer schädigende Ansicht, man dürfe sich gar nicht als Jude zu erkennen geben, sondern müsse sich ja nur als „Deutschfortschrittlicher" ausgeben. Vielleicht ist daran der Umstand schuld^ daß das Wort „Jude" gar so oft als „Schimpfwort" gebraucht wurde und noch gebraucht wird — allein die Behandlung dieser Frage — ob man wieder zum früheren Namen „Israelit" zurückkehren soll, oder andere Mittel ergreifen möge, gehört sicherlich auf ein anderes Gebiet,' borläufig ist es sicher, dah die leider gezüchtete Ansicht, der Jude darf politisch nicht als Jude auftreten, besonders in Karlsbad die Judenschaft auf ein sehr tiefes gesellschaftliches Niveau gebracht hat: der Jude in Karlsbad wird infolgedessen seit Jahren von der anderen Bevölkerung als minderwertig betrachtet: er ist von den meisten Vereinen und Unterhaltungen ausgeschlossen, und man sieht hie und da höchstens noch einige Paradejuden bei Veranstaltungen: von städtischen Lieferungen, Berücksichtigungen in Gewerbeangelegenheiten ist gar keine Rede mehr — ananläßlich der Einweihung des Kaiserdenkmals am 28. August d. I. zeigte sich die bestehende Stimmung in so auffallender Weise, dah nicht einmal hervorragende israelitische Vertreter der Kaufmannschaft und der auswärtigen Presse Einladungen erhielten. Daran trägt nur die unglückliche Ansicht schuld, der Jude dürfe überhaupt seinen Standpunkt als Jude nicht vertreten. Zu der obigen Versammlung z. B. wurden etwa 150 „Vertrauensmänner" der deutschfortschrittlichen Partei geladen; d. h. die Hundert und die ersten Zehner waren Juden — einige Christen waren auch dabei; nun gibt es in Karlsbad gegen zweihundert Juden aller Klassen, welche Häuser besitzen, Steuer bezahlen und die nicht eingeladen wurden, und diese stehen auf dem Standpunkte: „Wer hat jenen 150 Teilnehmern die Berechtigung erteilt, sich als „Vertrauensmänner der Deutschfortschrittlichen" zu betrachten: wer hat ihnen das Recht gegeben, mit den Deutschnationalen ein Kompromiß einzugehen, und mit welchem Rechte schloh man einige hundert Juden von dieser jüdischen Versammlung, die sich fälschlich deutschfortschrittlich nennt, aus? In Karlsbad ist es seit Jahren eine dringende Notwendigkeit, eine politische Versammlung der Judenschaft einzuberufen und in dieser die Verhältnisse der Gemeinde zu besprechen. Nicht zum Zwecke des Kampfes, sondern der Beratung soll eine, sollten öfter derartige jüdische Versammlungen stattfinden: nicht den Deutschfortschrittlichen geht es schlecht in Karlsbad, sondern den als minderwertig behandelten Juden: die deulschfortfchrittliche Partei in Karlsbad i st l ä n g st erschlagen und besteht nicht mehr: wozu noch weiter die Komödien!! Warum schämt man sich, jüdische Versammlungen in Karlsbad einzubrrufen, und verkriecht sich hinter dem Namen Deutschfortschrittlich? Das Kompromih zwischen den „Deutschnationalen" und „Deutschfortschrittlichen" wird ja wieder geschlossen werden, und, wie zuvor, bleiben die Karlsbader Juden die als.„minderwertig" betrachteten Einwohner der Stadt: allein damit sollte die Karlsbader Judenfrage nicht wieder eingeschläfert werden, sondern diese Frage verdient ernsthaft aufgerollt zu werden, und das kann nur dann der Fall sein, wenn die jüdische Einwohnerschaft politische Versammlungen einberuft. zu welcher nicht nur 150 „Jasager" eingeladen werden, sondern die gesamte jüdische Einwohnerschaft — auch die .^Neinsager". Der Hebräertag in Galizien. Vorige Woche hat in Lemberg eine dreitägige Tagung stattgefunden, die die erste ihresgleichen in Galizien und auch in anderen Ländern ist; sie führte den stolzen Namen Hebräertag. Es war dies eine von den Vertretern der vornehmsten hebräischen Organisation Galiziens veranstaltete Zusammenkunft, über die Mittel und Wege zu beraten, die zur Förderung und Verbreitung der hebräischen Sprache in Galizien nötig sind. Das Interesse für die neuerwachte hebräische Sprache ergreift immer weitere Kreise und die Tendenz zur Hebräisierung des Judentums ist eine der hervorstechendsten, kräftigsten und erfreulichsten in der allerletzten Geschichte des Judentums. Die vor einem Jahre erfolgte Gründung der „Organisation für hebräische Sprache und Literatur" war nur der sichtbare Ausdruck dieser immer stärker werdenden Tendenz. Nirgends ist diese Tendenz naturgemäß stärker und lebhafter als in den Kreisen der osteuropäischen Judenheit. Während in Rußland jedoch infolge der brutalen Unterdrückung seitens der Negierung diese Tendenz, wie so viele andere, an ihrer Betätigung gehindert wird, befindet sich die Iudenheit Galliens in der glücklicheren Lage, in ihrem inneren jüdischen Leben sich frei bewegen und entfalten zu können. In Rußland ist die Einberufung eines solchen Hebräertages eminent schwierig, fast unausführbar: als im vorigen Jahre in Kiew eine Konferenz stattfand, um über die Arbeiten zur Förderung der hebräischen Kultur in Rußland zu beraten, konnte sie nur dank einer besonderen Freundlichkeit des Generalgouverneurs und auch dann nur unter großen Schwierigkeiten tagen: in Galizien fallen alle diese äußeren Hindernisse weg. Welches die unmittelbaren praktischen Folgen des Hebräectages sein werden, läßt sich noch nicht sagen. Daß er aber eine große Wirkung ausüben wird, darf schon jetzt als sicher gelten. Selbst wenn die konkreten Erfolge sich noch nicht sofort Wahrnehmen ließen, so wird doch die ideelle Wirkung, die Hebung des Interesses für das Hebräische, sicherlich bedeutend sein. Und wir sind auch überzeugt, daß die konkreten Resultate selbst nicht lange auf sich werden warten lassen. Wir hoffen, daß der „Hebräertag" das endlich erreichen wird, was so lange der Arbeit für das Hebräische in Galizien gefehlt hat: vier straffe Organisierung aller tätigen Kräfte, ihre Ordnung nach einem zielbewußten Pläne und die Vermehrung ihrer Wirkungsfähigkeit. Sollte dem Hebräerlag dies gelingen, so wird er eine neue Episode in dem Hebräisirrungsprozesse der galizischen Judenheit einleiten und sich so ein besonderes Verdienst um diese und um das Judentum insgesamt erworben haben. Budapest. (Ausschußsitzung der Pester israelitischen Religionsgemeinde, abgehalten am 25. November 1911.) Der Präsident Hofrat Dr. Fülöp W e i n m a n n eröffnete die Sitzung und teilte den Anwesenden mit Bedauern mit, daß der Vorsteher Julius Adler als Präsident der israelitischen Spitäler, welches Amt derselbe seit vielen Jahren musterhaft bekleidete, seine Stelle niederlege. Die großen Verdienste, die sich der Vorsteher Julius Adler während seines Wirkens als Präsident der israelitischen Spitäler erworben, würdigte der Vorsitzende in einer sehr warm gehaltenen Ansprache, betonte dessen allgemeinen Wohltätigkeitsfinn und hob besonders hervor, daß derselbe stets immer mit der größten Aufopferung bereit war, dort, wo es galt, das Judentum zu heben, in die Reihen der Kämpfer einzutreten, um seinen Platz vollkommen mit Erfolg auszufüllen. Gleichzeitig berichtete der Vorsitzende, daß der Vorsteher Julius Adler zum Vizepräsidenten der Pester

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