Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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N. 48 Dr. Blochs WochMhrist Seite 79L den Juden abgenommen und mit Emphase verkündete man der Welt: „Nun beginnt das goldene Zeitalter des chr.. ächen Sozialismus, die Herrschaft der christlichen Weltanschauung". Aber wie bald war dieser evangelische aum zerronnen. Die Konsumvereine erwiesen sich als ewinnbringend — für die Macher, die Raiffeissnkassen und die großen Holzindustriefirmen — für die hochangesehenen Propheten des neuen Glaubens. In Schmach und Schmutz hat die christlich-soziale. Bewegung geendet. Auf dem Wege zum Strafgerichte liegen Hunderte zertrümmerter Existenzen, deren sich im letzten Augenblicke die Staatsrafson angenommen hat. 28.000 Bauern wären verloren gewesen, wenn nicht der Staat eine Einsicht gehabt und das bekannte Sprichwort: „Ja Bauer, das ist etwas anderes" in einem von dem landläufigen abweichenden Sinne praktisch betätigt hätte. Auf dem Wege zum Strafgericht! Mit Genugtuung sieht die Iüdenschaft des Landes die stolzen Herren, die den Antisemitismus und die Emanzipation vom Judentum gepredigt haben, mit wankenden, schlotternden Knien die Stufen im Strafgerichte hinansteigen. Es ist nicht Schadenfreude, es ist das Gefühl der Erleichterung von einem ungeheuren Druck, es ist die Genugtuung, daß jene, die der Iüdenschaft vorzeitig das Grab geschaufelt haben, sich bequemen müssen, selber in die Grube zu steigen. Die Juden würden auch dieses Gefühl der Genugtuung unterdrücken und wären auch des Mitleides mit den ärmsten Sündern fähig, wenn nicht der christlich-soziale Antisemitismus noch auf der Spitze des tapeischen Felsens dem Judentums lästerliche Flüche entgegenschleuderte. Das Organ der rumänischen Holzpolitiker leistet sich noch jetzt die maßlose Frechheit, von einer „tschechischjüdischen Mißwirtschaft" zu sprechen, „von bekannten jüdischen Schweinereien und Lumpereien" u. dgl. Das ist das höchste an Unverfrorenheit, das ist das Uebermaß antisemitischer Niedertracht. Merdler u. Kons.! Die Welt wird an den kleinen jüdischen Handlanger antisemitischer Raubritter vergessen und auf die Erzählung von den Tatsachen der bescheidenen „Konsorten" lauschen. Vom Aabrmarkt des Lebens. Die Londoner City und die Juden-Emamrpation. Nach alter Gepflogenheit wurde der neue Lord- Mayor von London vorige Woche im Londoner Justiz- Palais von den dort versammelten Mitgliedern des Richterstandes feierlichst empfangen. Den Vorsitz führte Mr. Justice Grantham. der Präsident des Obersten Gorichtshofes. In seiner Begrüßungsansprache an den Lord- Mayor führte Richter Grantham unter anderm folgendes aus: Man ist sehr geneigt, zu vergessen, daß die City von London ihren Ruhm durch ihre unverbrüchliche Anhänglichkeit zum Liberalismus begründet hat. Aber nicht vergessen kann es werden, daß der City von London die Sprengung der Schranken, die im politischen Leben gegen die Juden so lange 'bestanden haben, zu danken sei. Die City von London war es, die durch eine hartnäckige Bekämpfung der Zurücksetzung der Inden. jener alten Rassen die so viel Gutes dem Lande gegetan hat, die Zulassung der Juden zum Parlamente durchgesetzt hat. Dadurch, daß sie immer und immer wieder einen Juden ins Parlament entsendet, ohne Rücksicht daraus, ob er zugelassen wird oder nicht, wurde die Widerstandskraft der Reaktionäre gebrochen. Und nur der City ist es zu verdanken, daß das Parlament im Laufe der Jahre durch Persönlichkeiten wie die Rothschilds, Samuels und andere bedeutende Männer bereichert wurde. Amerika. 400 christliche Geistliche aller Sekten haben sich in Newyork versammelt, um in einem flammenden Protest sich gegen hie Vergewaltigung der Juden und die Zurücksetzung amerikanisch - jüdischer Bürger in Rußland zu erheben. Dies einzigartige Ereignis konnte nur im Lande „der unbegrenzten Möglichkeiten" eintceten. Der Ehrenpräsident der Versammlung. Bischof James Courtney, ein achtzigjähriger Greis, war bei seiner Schilderung der blutigen Verfolgung der Juden in Rußland so erregt, daß er schluchzte und seine Rede nicht beenden konnte. Zu der Versammlung war auch Oskar Strauß, der frühere amerikanische Gesandte in Konstantinopel, zugezogen worden. Stürmisch begrüßt von den christlichen Geistlichen, sagte dieser Jude: Die heutige Versammlung ist eine Versammlung christlicher Geistlicher, um gegen die Gewaltakte zu protestieren, die fünftausend Meilen weit von Pier an den Inden begangen werden, und sie bedeutet den Beginn einer neuen Epoche der Hninanirät in diesem Lande. Die Geistlichen sind dazu berufen, das Gewisseir des Volkes zu erwecken und gegen eine Tyrannei anzukämpfen, die sonst kein Ende nehmen würde. Wenn Rußland amerikanischen Bürgern das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum bestreitet, dann ist es nicht unsere Sache, nach ihrem Glartben 51t fragen. Das Siegel Nordamerikas ist nicht das Siegel einer Sekte. Etwas Schändlicheres als die Interpretation des Vertrages vom Jahr' 1832 durch Rußland ist in der Geschichte des des internationalen Rechtes kaum zu finden." Dann gab Oskar Strauß ein Bild von dem Kampfe, den er in Konstantinopel mit der Pforte für die amerikanischen Missionen zu führen hatte. Sogar der englische Botschafter habe ihn dabei im Stich gelassen, obgleich auch englische Missionen bedroht waren. Nichtsdestoweniger endeten seine Bemühungen mit einem vollen Erfolg. Nach dieser Rede spielte sich ein ausdrucksvoller Vorgang ab. Der Präsident der Versammlung schritt auf Strauß zu. legte die Hand auf dessen Schulter und sprach feierlich: „Kein amerikanischer Gesandter hat zum Schutze unserer christlichen Missionen in der Türkei jemals so viel geleistet, wie Oskar Strauß — der Jude." Und Rev. Dr. Ralson fügte unter unbeschreiblichem Jubel hinzu: „Einen solchen Botschafter wie Mr. Strauß benötigen wir in Rußland!" Die Versammlung hat zwei Resolutionen angenommen. Die eine wurde dem Präsidenten Taft geschickt; sie verlangt die Auflösung des 1832 von Amerika mit Rußland geschlossenen Handelsvertrages, „damit Rußland wisse, daß die Schaffung von Unterscheidungsmerkmalen zwischen den Bürgern Nordamerikas unsern Grundsätzen widerspricht". Die zweite Resolution wurde dem griechisch-orthodoren Erzbischof in Newyork geschickt, mit dem Wunsche, daß dieser sie an den Zaren oder die „Heilige Synode" werterbefördere. In dieser Resolution zählen die 400 Geistlichen christlicher Sekten die Vergewaltigungen auf. denen die 6 Millionen Juden in Rußland ausgesetzt sind und appellieren an die Gerechtigkeit der Regierung. Dieses imposante Meeting, das in der Assembly Hall der Metropolitain Life Building in Newyork abgehalten wurde, ist eine Folge der energischen Agitation, welche von dem Nationalkomitee ausgehl, das sich, wie wir bereits berichteten, unter dem Vorsitze des früheren Gesandten in Berlin, Andrew White, gebildet hat. Vor lauter Wirtschaftskonkurrenz und Kolonisationspolitik ist das europäische Gewissen eingeschlummert. In Amerika ist das öffentliche Gewissen erwacht und wird nicht ruhen, bis dem Unrecht „der Mund verschlossen und die Gewalt wie Rauch vergangen ist". Ein neues, jüdisches Altenheim in New-Aork. Aus New-Iork wird der „N. I. K." geschrieben: Vor Kurzem wurde hier die neue Altersversorgungsanstalt des Verbandes galizischer und Bukowinaer Juden im Beisein behördlicher Vertreter und der angesehensten Kreise der jüdi-