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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-01 · 48 (1.12.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 790 Dr. Bkochs WochMchM Nr. 48 woraus daun sozusagen der schleichende Tod eines Unschuldigen geworden ist. Das Urteil ist also in erster Linie vom tschechischen Volke zu verantworten und daraus ergibt sich die Antwort auf die Frage, wer Hilsner helfen soll: Die tschechischen Abgeordneten. Es ist eine große Ehre für diese Politiker, daß sie nicht nur die Macht, sondern auch die Kultur ihres Volkes betonen und zu heben trachten. Es wäre nun für sie ein großer Erfolg und eine Ehre vor der ganzen Welt, wenn sie die Schmach der Piseker und Kuttenberger Urteile wieder gutmachen würden, was sie sehr leicht könnten mit ihrem starken Ansehen und ihrer fleißigen Aufklärungsarbeit. Damit ist durchaus nicht gesagt, datz sie den Juden einen Dienst leisten solle». Sie brauchen sich bloß auf den Standpunkt des gewesenen französischen Kriegsministers Picquart zu stellen, welcher den Hauplmann Drcyfus persönlich nicht leiden konnte. Noch weniger aber konnte er es erleiden, daß Frankreich vor der Kulturgeschichte mit dem Makel eines Justizmordes geschändet erscheine. Trotz der Person also rettete ec die hohe Sache der Kultur und Gerechtigkeit. Hilsner ist nur ein Schustergeselle und nur ein Jude. Aber sein Leiden ist ein Leid des Rechtes, herbeigeführt von tschechischen Geschworenen. Nichts also der Person und nichts sei dem beleidigten Volk. Aber alles der Zivilisation und dem Ansehen der Nation, die ihn fälschlich verurteilte. Das muß die tschechischen Abgeordneten bestimmen. Merdler & Kons. ----- Von D. Mayer Ebner, Czernowitz., , - Unter diesem Namen wird vor dem k. k. Landesals Strafgerichte in Czernowitz eine hochnotpeinliche Untersuchung geführt. Einer der hervorragendsten und angesehensten Richter unseres Landes ist vom r. k. Justizministerium mit der Voruntersuchung in diesem Strafprozesse betraut worden und ihm zur Seite walten 2 jüngere, besonders befähigte Richter ihres Amtes. Die Untersuchung wird gegen Hunderte von Personen geführt. Leichtsinnige Krida und das Verbrechen des Betruges sind die Verfehlungen, derentwegen der Arm der Gerechtigkeit in Anspruch genommen wird. Seit Monaten macht unser Heimatland draußen in der Welt viel von sich reden. Die Bukowina ist durch ihre Affären zu trauriger Berühmtheit gelangt. Aber der Prozeß, der, sich jetzt vorbereitet, überschreitet an Bedeutung alles, was wir in diesem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten erlebt haben. Man spricht von einem unerhörten Panama in der Verwaltung der Raiffeisenkassen, von einem Millionenbetruge an dem Vermögen der Bauernschaft, von der Bereicherung hochstehender Personen, von einer verbrecherischen Geschäftsführung in den größten industriellen Unternehmungen, von einer schamlosen Ausbeutung der Massen durch Politiker, die die erste Rolle im Lande spielten. Auf aller Lippen schweben die Namen der großen Beutemacher, die mit einer für die in unserem Lande herrschenden Anschauungen symptomatischen Dreistigkeit noch immer das vornehmste Institut des Landes verwalten und sogar im Landtag und im Reichsparlament Sitz und Stimme haben. Selbstredend können wir dem Gange der Untersuchung nicht vorgreifen, dürfen niemanden als schuldig bezeichnen, insolange er nicht gerichtet ist, aber als Diener der öffentlichen Meinung können wir jenes Gerücht registrieren, welches diese hervorragenden Persönlichkeiten als die Schuldigen bezeichnet. Und dennoch wird eine Untersuchung gegen Merdler u. Kons, geführt? Merdler u. Kons.! Wie! Ist der Jude Merdler die Seele des Millionenbetruges? Hat er den Zentralverhand der Raiffeisenkassen betrogen? Hat er die Millionenwechsel gezeichnet? Sind die Millionen in seine Tasche geflossen? All dies sollte man glauben, wenn man erfährt, daß diese gewaltige Strafuntersuchung den Namen des Juden Merdler trägt. Wir sagen: „des Juden Merdler" und unterstreichen die Tatsache, daß es ein Jude ist, dem die zweifelhafte Ehre zuteil wird, in dieser Strafsache als die führende Persönlichkeit zu gelten. Warum verstecken sich die großen arischen Herren unter dem bescheidenen Namen „Konsorten"? Warum prangen nicht die stolzen Namen der großen Politiker*) und Beutemacher auf dem Deckel des zu ungeheurer Dickleibigkeit anschwellenden Aktenfaszikels? Man wird sagen, es fei ein Zufall, daß die Strafuntersuchung unter diesem Namen Merdler u. Konsorten geführt wird, aber dieser Zufall ist ganz merkwürdig und charakteristisch. Werden da, wie das Gerücht erzählt, ungeheuerliche Verbrechen begangen, werden da als die Träger dieser Verbrechen gut arische christliche soziale Antisemiten genannt, aber wenn die strafende Gerechtigkeit zum Schlage ausholt, wird ein kleiner unbedeutender Jude vorgeschoben. Die Statistik wird irregeführt und das Konto des jüdischen Volkes an großen Verbrechern wird um eine Straftat von diesen Dimensionen bereichert. Mit tiefster und aufrichtigster Empörung werden es die Juden des ganzen Landes vernehmen, daß diese schwerwiegenden Verbrechen auf sie überwälzt werden. Mit allem Nachdrucke und aller Entschiedenheit werden sie dagegen flammenden Protest erheben und aller Welt verkünden, wer diese „Konsorten" des Juden Merdler sind, die sich vor dem Strafrichter bescheiden, aus die letzte Bank setzen. Die Judenschaft des Landes hat allen Grund, die arischen Herren in das hellste Licht der Oeffentlichkeit zu stellen, weil sie noch eingedenk ist des ungeheuren Kriegsgeschreies, das die christlich-soziale Bewegung vor Jahr und Tag erhoben hat. Wir erinnern an den Siegeszug des christlichsozialen Antisemitismus in der Bukowina. D.as hier neue Schlagwort „Antisemitismus" fand eine ungeheure, andächtige Gemeinde. Alles, was von giftigem Neid zerfressen war, der jahrzehntelange unterdrückte Haß und die durch Gesetz und Sitte gebändigte Blutgier, alles meldete sich laut und vernehmlich zu Worte. Allerorten begann eine blutrünstige Verfolgung jüdischer Bank- und Handelsmänner, allerorten wurden deutsche, rumänische, ruthenische Kreditgenossenschaften, Konsumvereine und sonstige Handelsunternehmungen gegründet. Die Emanzipation von der wirtschaftlich überragenden Bedeutung der Judenschaft wurde mit Fanatismus gepredigt. Alles war vergessen, was die Juden für die wirtschaftliche Hebung des Landes getan haben. Daß sie das Holz, welches in den Urwäldern verfaulte, zu einem begehrten Handelsartikel gemacht haben, daß sie da und dort Industrien geschaffen und Fabriken errichtet, daß durch jüdischen Schafsensgeist tausende und abertausende christliche Arbeiter lohnende Beschäftigung gefunden haben, daß sie Handel und Wandel belebt und den von der Bauernschaft gelieferten Rohprodukten einen höheren Verkaufswert gesichert haben, daß sie die Städte ausgebaut, die hohen Steuerlasten zum allergrößten Teile auf ihre Schultern genommen und daß sie an der Verbreitung von deutscher Kultur in hohem Maße mitgewirkt haben — all dies war vergessen. Durch das ganze Land ging der flammende Ruf: „Nieder mit den Juden, nieder mit den Ausbeutern!" Und die Tugend der neuen antisemitischen Größen setzte sich zu Tisch. Die größten Holzgeschäfte wurden *) Die Politiker sind: der Landesbankpräsident und Landesa u s s ch u ß D r. F l o r e a L u p u und der christlichsoziale Reichsratsabgeordnete Hruschka.

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