Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-01 · 48 (1.12.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
48 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021976--20694-3045748
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

rgr.-4.-M- Hr 48 Dr. Bloch’s Irchrgans XXVIII Zentralorgan für die gesamten linteressen des Judentums. -□;_□- Wien, 1. Dezember 1911 Brscöeint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wie», IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. O (j~ ~ - -ü O ”p Verugsprris für Vrskrrrrirh: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Auslnnv: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. An zeigen: Die 4mal gefpald> tene Petitzeile 24 Heller. C, nO - ■ —-- - Oo °Cr O ~~. — —-u o S. kr. PostsparkaNrnamr Clearing** Werfcebr •Kr. 810.976. Redattion und Administration: Wien JX/i, Hahugaffe Nr. 15« tb Telefon Nr. 14.847. <J QP —-Oo Jnhaltl Leitartikel: Ein Appell an die tschechische Kultur. — Merdler L Kons. — Vom Jahrmarkt des Lebens: — Die Londoner City und die Juden-Emanzipation. Amerika. Ein neues, jüdisches Altenheim in New-Dorf. „Denkt an Kischenef!" Der erste jüdische Richter in London. Jüdische Grabsteine in Friesach. — Juden als österreichische Offiziere. — Korrespondenzen: K. k. n.-ö. Landesschulrat. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien. Die Reichsratswahlen in Galizien. Die Ermordung des Gymnasiasten Winter in Könitz. Ableben des Oberkantors kais. Rates Josef Singec. Wiener Geistliche gegen die Juden. Der Antisemitismus an der Prager Handelsakademie. Germanische Kultur. Triest. Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag. Bevorstehende Gemeindewahlen in Karlsbad. Der Hebräertag in Galizien. Budapest. Ein antisemitischer Skandal im Budapests Gemeinderate. Ein Monument für Baronin Hirsch. Lord Rothschild Ehrendoktor der Cambrigder Universität. — Vermischtes. — Feuilleton: Ludwig Jacobowski als Lyriker. Die Juden in China. — Literatur. — Briefkasten.Inserate. Gin Appell an die tschechische Knltnr. Mehr als ein Jahrzehnt ist nun ein österreichischer Justizmord alt — das zunehmende Alter einer solchen beklagenswerten Tatsache vermehrt die Schande der Schuldtragenden. Mehr als ein Jahrzehnt sitzt der arme Schustergeselle Leopold Hilsner im Kerker. Ein lebender Wollsack, ist er dazu verdammt, bis an sein Lebensende nichts anderes zu sehen als die trostlose starre Mauer, harte nutzlose Frohne zu leisten, Tag und Nacht unter fremdem strengen Kommando zu stehen als ein moderner Sklave und das als reine Sehnsucht zu fühlen, was der freien und glücklichen Menschen Schrecken ist: Die Gefängniskrankheit und den erlösenden Tod. Man kann so vielem Leiden das Mitleid selbst dann nicht versagen, wenn es durch ein Verbrechen verschuldet ist. Aber man muß in Zorn aufflammen und zum fanatischen Verteidiger werden, wenn der Unglückselige vollkommen unschuldig ist. Kein gebildeter Mensch wird wohl heute noch behaupten, daß auch nur der Schatten eines Verdachtes gegen Leopold Hilsner bei Gericht bekräftigt wurde. Von der Lüge und Verleumdung augeklagt, von der Korruption verfolgt,, wurde der Schustergeselle schließlich in Pilsen und Kuttenberg von der Verblendung und Leidenschaft verurteilt. Seit diesen Zeiten sind die vollständigen Akten der Verhandlung über den angeblichen Ritualmord wörtlich in Buchform erschienen. Wer sie zur Hand nimmt, wird von tiefem Mißtrauen gegen die Kultur und den Geist unserer Zeit erfaßt werden. Denn dieses tolle Kunterbunt der Zeugenaussagen, diese Gehässigkeit von Gerichtspersonen, diese Unsumme von schreienden Ungerechtigkeiten und Ungesetzlichkeiten hat noch keinen Prozeß der Welt zu einer solchen beschämenden Verhöhnung und Karikatur der Justiz und zur Menschenjagd gemacht wie im Namen des Gesetzes den des Hilsner. Wenn sich aber auch schon bisher manche einflußreichen und gerechten Menschen gefunden hätten, welche dem mit Füßen getretenen und tötlich beleidigten Recht im vorliegenden Fall gerne Sühne verschafft hätten, so wurden sie doch von der Ausführung ihres edlen Entschlusses durch die Eigenliebe abgehalten. Es ist beklagenswert, aber es ist nicht zu ändern. Die Kraft des Egoismus ist unzähligemal größer als die der Ideale. Für Hilsner eintreten hieß nun für jedermann gegen die Chrinlich-Sozialen auftreten. Denn eigentlich ist Hilsner nur der Form nach ein Gefangener der österreichischen Justiz, seine Richter und Gefangenwärter sind im Wesen die Christlich-Sozialen, welche für die Massen ihres Pöbels das Märchen vom Ritualmord brauchen. Der Kampf mit den Antisemiten wienerischer Marke war nun lange ebenso gefährlich als aussichtslos. Denn ihre Partei, fast allmächtig, hatte auch die Zügel der Regierung in der Hand. Jetzt aber sind die zu Millionären gewordenen Politiker in ihrer Korruption erkannt und von dem erbitterten und betrogenen Volk gerichtet worden. Nur noch einen Wahlgang braucht es, um diese Partei des Schmutzes und der Gosse aus allen Sitzen der wirklichen Intelligenz ganz hinauszujagen und sie nur dort zu belassen, wo der Pfarrer der Vertreter des ganzen Wahlkreises ist. Damit ist der christlichsoziale Druck auf die Justiz aufgehoben und das Recht des Unschuldigen kann wieder zu seinem Rechte kommen. Wer aber die Angelegenheit wieder in Bewegung bringen soll — das ist eine Hamletfrage. Wir Juden sind zu wenig und zu schwach, wir sind zu stark zurückgedrängt und zu viel verleumdet, als daß wir den Sieg der Gerechtigkeit hätten bisher herbeiführen können. Man hält uns auch für eine Prozeßpartei, daher nicht für objektiv genug und verlangt von uns immer wieder, daß wir den Schuldigen vom Polnaer Walde bringen sollen nachdem man die Fährten geflissentlich verdeckt hat, als sie noch zu erkennen waren. Es ist auch gar nicht unsere Pflicht und Aufgabe, den Schuldigen zu. finden, es genügt durchaus für Hilsner und die wahre Gerechtigkeit, daß wir den Unschuldigen zeigen. Das haben wir redlich getan, aber in dieser Welt mit dem Unrecht des Schwächeren nicht erreicht. Wir müßten unserer moralischen Stärke noch etwas politische Macht hinzufügen können, um die Regierung aus ihrer Teilnahmslosigkeit aufzurütteln. Nun glauben wir, daß wir die Unterstützung einer sehr mächtigen politischen Gruppe finden sollten. Denn der österreichische Justizskandal mit Hilsner war eigentlich in seinem Kerne der Justizskandal einer einzelnen Nationalität. Es waren tschechische Geschworene, welche Hilsner trotz der haarsträubenden Zeugenaussagen zum Galgen verurteilt haben,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.