Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021975--20689-3045742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■XSrtSUS^vmkAar »«yt Sk. 47 wie dah es ihm nun endlich vergönnt war, sich feiment groben Gönner vorzustellen. Denn es kam auch die Weisung, daß Heinrich vor seiner übersesischen Reise einen Besuch auf Kmephof machen solle. Wie ein Traum lag der schwere Abschied von der Mutter hinter ihm. Alles Vergangene entschwand ihm mit ihrem treuen Bilde. Der gesunde Egoismus der Jugend wurde auch damit fertig, als es hieb, die Welt zu erobern, die Früchte zu pflücken, die so golden in der Ferne gelockt hatten. Was war es doch für eine Lust, zu reisen, endlich in Erfahrung zu bringvn, was bisher nur Sehnsucht gewesen. Und Herbst war es, heller Oktober, warm und früchteschwer. Allmählich trug ihn die Post dem Rheine zu. Das demütige Gefühl der Verehrung wuchs in Heinrich. Er wunderte sich über sich selbst, dah sein Glück ihn geschwätzig machte. Sobald es möglich war, lenkte er das Gespräch mit den Reisegefährten auf Onkel Abraham und entzückt erfuhr er immer wieder, dab man den Grobkaufmann wie einen König verehrte. Kmephof war Poststation, und die Strecke zum Schlosse wollte Heinrich zu Fuh zurücklegen. Er wunderte über die goldige Uferhöhe, er sang in den nebligen Herbstmorgen hinaus und sah in duftiger Ferne zum erstenmal den Rhein flieben. Im Norden ragten die Türme von Köln. Bald stand er am Portal seiner Iugendsehnsucht. Er starrte durch ein mächtiges Gitter in einen breiten, schimmernden Vorgarten holländischen Stils. Eine Allee von riesigen Platanen führte zur Märchenferne des Schlosses. Als Heinrich sich endlich hineingetraut Hatto und mit pochendem Herzen einem vornehmen Diener folgte, fühlte er sofort, hier gab es weit mehr noch, als man in Breslau träumen konnte. Der Diener führte ihn durch das Schlob hindurch und Heinrich sah in der. majestätischen Vorhalle geharnischte Ritter der Renaissance stehen und phantastische Fürsten des Orients. Sie lebten Acht, aber sie erschienen chm auch nicht tot. Ein offenes Portal zur Linken bot einen Blick in die feierliche Ruhe der Bibliothek, hoch aufgebaut, mit zwei Galerien, ein Portal zur Rechten führte in die Kunstsammlung, und die scheuen Augen des Besuchers trafen sofort einen wunderbaren Rembrandt. Wie gern hätte Heinrich hier verweilt, aber der Diener schritt weiter. Sie kamen jenseits des Schlosses in den eigentlichen Park hinaus. Vor diesem verwirrenden Anblick blieb Heinrich unwillkürlich stehen. Eine unübersehbare Waldwiese, von buschigen. Wipfeln begrenzt, breitete sich vor ihm aus. Zwölf Gewächshäuser leuchteten mit ihren Glasdächern in der Sonne. Zum ersten dieser Häuser steuerte der Diener hinüber. Was sollte das? War hier vielleicht —? Heinrich stockte das Herz, denn im Gaffen und Bewundern hatte er die mühsam gezimmerte Ansprache an den Onkel vergessen. Betäubender Duft umfing ihn in dem Treibhause , er konnte nichts anderes tun, als zu den Blumen hinaufstarren, die in allen Märchenfarben über ihn schaukelten. Das waren die kostbarsten Orchideen. Und turmhohe Palmen wurden!von funkelnden Papageien belebt. Er schritt durch einen Tropenwald. Ein kleiner, kahlköpfiger Mann, den Heinrich für einen Gärtner hielt, stand ihm breitbeinig im Wege und lieh ihn nicht vorbch. Schon wollte er ihn höflich darum ersuchen, als er bemerkte, dah der Diener sich, tief vor dem Manne verbeugt hätte. Heinrich entsetzte sich. Der schwitzende Arbeiter, der eine G'iehkanne in der Hand trug und nackte, beharrte Arme hatte, war Onkel Abraham. Als er hörte, dah er seinen Neffen vor sich hatte, gab er -ihm die Rechte, und Heimlich berührte das feuchte, unsaubere Etwas mit seinen Lippen. Der Onkel fragte kurz : „Wie gehts Mama?" und fügte mit einem giftigen Bkick auf die Papageien hinzu: „Man kann hier sein eigenes Wort nicht verstehen." Dann Sette 785 ritz er die Schürze ab, lieh sich von dem Diener jn einen seidenen Schlafrock helfen und humpelte, von zwei Spitzen umbellt, dem Schlosse zu. Heinrich folgte. Zuerst ging es in eine niedere Tür hinein, die im rechten Flügel des Schlosses zu einem Parterrezimmer führte. Heinrich las die Aufschrift „Pmvatkontor", und es überlief ihn. In diesem Raume also wurden die Unternehmungen des Geldernschen Welthauses entschieden, tausend Existenzen wurden von hier aus geleitet. Das Heiligtum enttäuschte, so schön es der fromme Wille Heinrichs auch sehen wollte. Ein bescheidenes Zimmer mit Doppelputt und Kontobüchern. Eine Sekretärin sah da, bleich und ältlich — sie hatte auch etwas von einer Treibhauspflarye. aber von einer, die nicht recht gedeihen wollte. Das Breslauer Zweigbureau, wo Heinrich gearbeitet hatte, war jedenfalls bedeutend grohartiger. Onkel Abraham schien nach der Uhr zu leben, und seltsam war die Art, in der er den Aufenthalt im Privatkonto! zur geschäftlichen Belehrung Heinrichs benutzte. Trocken, ungenau, aber überzeugend. Der ehrfürchtige Neffe muhte nur acht geben, dah ihm von dem nervösen Gemurmel nichts entging. Er sollte auf Java dem Direktor der Plantage nur beigegeben werden, erfuhr er. Dieses geringe Bertrauenszeichen gab ihm einen Stich und er platzte mit der Bemerkung heraus, dah er die Sache wohl auch allein machen könne. Ein erstaunter, aber nicht mißbilligender Blick des Onkels traf ihn. Aus irgendeinem unbekannten Grunde schien diesem die Kühnheit des Jünglings recht zu sein. Er humpelte hinaus und wieder folgte Heinrich. Diesmal ging es durch die wunderbare Bibliothek, die etwas Kirchenartiges hatte, in ein holländisches Frühstückszimmer, das Heinrich ebenfalls ganz prachtvoll fand. Er sprach es aus, denn der schwere Sherry löste ihm die Zunge. Onkel Abraham genoh nur ein wenig Kaviar, dessen Körnchen er abzuzählen schien, und warf mit bitterer Miene Medizinkügelchen in f$n Weinglas. Dann sah er Heinrich beim Men zu. Der Appetit des Jungen schien ihm ein angenehmes Phänomen zu sein. Kaum aber war er gestillt, als Onkel Abraham auch schon unruhig aufstand unjd weiterhumpelte. Heinrich folgte vorsichtig, da ihm der Wein im Kopf sah und er auf dem glatten Parkettboden auszugleiten fürchtete. Sie kamen durch eine so verwirrende Fülle von Zimmern, dah er sich in den Schlössern von Fontainebleau und Versailles dünken konnte. Die Möbel, die Bilder, die Vasen, die Gobelins — alles war auserlesen, es repräsentierte wirklich Millionen, das märchenhafte Gerücht von Onkel Abrahams Sammlungen hatte nicht gelogen. Ehrfürchtig sah Heinrich dem Onkel Nach, mitkeidig auch, da er die Gebrechlichkeit des alten Mannes betrachtete. Er hatte ein einsames, ein bitteres Gesicht — das Gesicht eines Menschen, der von klein auf alles sich erarbeiten muhte und am hohen Ziel nicht wie ein geborener Herrscher geniehen konnte. So aber hatte Heinrich sich den Onkel immer vorgestellt. Er schien nur an sein Podagra zu denken, wenn er an antiken Marmorbildern vorüberschlich. Sein Blick streifte Rembrandt und Rubens wie ein Regal von Kontobüchern. Trotzdem, einer der Glücklichsten unter der Sonne muhte Onkel Abraham doch sein. Hier leben, so leben, als weiser, königlicher Kaufmann! . . . Gern hätte Heinrich auch etwas von seinem innersten Leben gewußt — aber da war alles wie ein Gekdschrank zugeschkoffen. Sie kamen endlich an einem entzückenden Rokokosakon vorbei, dessen Flügeltür halb offenstand. Ein pikantes Frauenköpfchen, hübsch, aber 'nicht mehr jung und stärk gepudert, lugte heraus. Es fuhr zurück, als es Heinrich erblickte. Da warf der Onkel im Borübergehen mit einem ziemlichen Knall die Tür zu. Heinrich erbleichte. War das vielleicht ein Blick in sein innerstes Leben? — — Dr. Bkochs WochMhrift

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.