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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 (der Name hat mit dem alten Testament nichts zu tun, wie manche vermuten). Dort steht das Haus der Erziehungsanstalt, dem man seine Geschichte etwas ansieht; es ist aus kleineren Anfängen durch Zubauten und Erweiterungen allmählich ein ganz stattlicher Komplex geworden; drum herum ein paar Wirtschaftsgebäude, Werkstätten, ein schön schattiger Erholungsgarten mit Rasen und Spielplätzen, in einer stillen Ecke zur Seite die Bänke und Tische einer Waldschule. Weiter zurück das Mädchenhaus. Und dazwischen die Flächen eines groben Gärtnereibetriebes. Nicht weniger als achtzig Morgen stehen hier zu gärtnerischen Lehrzwecken in intensivster Kultur,, alle Typen der praktischen Gärtnerei, Blumen und Topfpflanzen, Gemüse, auch feldmäßig gebaut, Sträucher und Stauden, Zierbäume, Obstbäume zu Lehrzwecken, ein kleines Alpinum. In Gruppen sieht man die Lehrlinge bei der Arbeit, hacken, schneiden, binden, jäten, sammeln: stramme Burschen zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren in einheitlichen braunen Manchesteranzügen. Man hat aus der freundlichen Art ihres Grußes, aus der Lebhaftigkeit ihrer Arbeit den deutlichen Eindruck, daß es ihnen wohl geht und daß sie sich wohl fühlen. Als Heinrich Rickerl Ahlem besucht hat, meinte er: „Diese Burschen müßte man einmal den Antisemiten im Reichstag vorführen!" Ich glaube zwar nicht, daß das Experiment bei dieser Gesellschaft viel verfangen würde — immerhin, alle Erinnerungen an Ghetto oder an den etwas armseligen Typ des kleinen Handelsjuden find hier völlig ausgelöscht. Ahlem hat bis jetzt etwa zweihundert Gärtner ausgebildet. Die innere Organisation zerfällt in mehrere Gruppen. In einer regulären Volksschule sitzen etwa 30 Knaben und 30 Mädchen beisammen. Sie haben den gewöhnlichen Unterricht in den Realien; daneben wird aber schon in den Kindern der Sinn für die Natur und für die Handfertigkeit in besonderem Maße ausgebildet. Zwei große Schulgärten dienen diesem Zweck; zugleich ist jedem Kind ein Beet zum eigenen Ehrgeiz angewiesen. Den Kindern ist nach dem Schluß der Volksschule freigegeben, wegzugehen; man sieht es natürlich gerne, wenn sie als Lehrlinge dableibsn, und das tut auch die große Mehrzahl. Das Mädchenhaus, eine spätere Gründung Simons, bildet etwa dreißig Mädchen in zweijährigen Kursen aus: Haushaltung, Schneiderei, Gartenbau, Geflügelzucht, Viehversorgung. Die etwas romantische Idee war dabei wohl, für brauchbare Lebensgefährten der jungen jüdischen Gärtner oder Bauern zu sorgen. Der Geist der Häuser macht einen ganz ausgezeichneten Eindruck: peinliche Ordnung und Sauberkeit, Strenge, wie das ein solcher Betrieb erfordert, ohne Pedanterie: Bildungsmöglichkeit für Geist und Hand; in allem Hygienischen gut und rationell. Die überwiegende Mehrzahl der jungen Leute widmet sich der Gärtnerei; einige gehen in die gewerblichen Werkstätten. Drei Jahre bleiben sie hier. Aus allen Ländern kommen sie zusammen; aber es herrscht ein guter und einträchtiger Geist, dessen bester Beweis der „Verein ehemaliger Ahlemer" ist, der über der ganzen Erdoberfläche floriert, dessen Mitglieder durch ihre Erfolge die besten Agenten dieser Anstalt sind. Es braucht keiner weiteren Darlegungen, daß zu der straff geregelten Ausbildung der Praxis auch eine erhebliche Unterweisung im Theoretischen kommt. Um Ahlem hat sich heute ein großer Kreis von Fpeünden gesammelt, die mit Zuschüssen den Ausbau der Anstalt sichern. Natürlich hat ein solcher Betrieb auch unmittelbar erhebliche Einnahmen: er gibt viel an den Markt in Hannover und an kleinere Geschäfte Sette 775 ab, aber es ist ebenso klar, daß die Gartenerträge nicht noch eine große und reich dotierte Schule unterhalten können. * * * Das Problem, das Simon vor sich sah, war, die segensreichen Wirkungen Ahlems auszudehnen, ohne den Betrieb selber zu erweitern. Die Erfahrungen des Versuches mußten an anderen Stellen nutzbar gemacht werden. Dazu gab es zwei Wege, die von der Stiftungs- Verwaltung eingeschlagen wurden. Zum ersten ermuntert man, die Schulen und Erziehungsanstalten, Lehrgärten und Werkstätten einzurichten. Oft bedarf es nur der Anregung, des kräftigen Hinweises, um latente Kräfte lebendig zu machen. So hat die Simonsche Stiftung in den letzten Jahren nicht weniger als etwa sechzig jüdischen Schulen finanzielle und organisatorische Unterstützung gegeben, damit sfe ihren Kindern Unterweisung in Gartenbau und Handfertigkeit ermöglichen können. Diese Schulen sind über das ganze Reich zerstreut und müssen zu einer Quelke von Erfahrungen werden für das ganze Problem, dig Lernschule immer mehr zur Arbeitschule umzugestalten. Man weiß nun, daß alle Schulreformerei solange Papier bleibt, als es an den tüchtigen und fähigen Lehrern fehlt. Diese sind nicht aus der Erde zu stampfen, in den Seminaren kommt aber heute — und wohl noch auf einige Zeit hin — die methodische Schulung im Arbeitsunterricht zu kurz. Diese Lücke soll durch eine Lehrerlehranstalt ausgefüllt werden, die im Jahre 1913 bereits eröffnet werden wird. Das preußische Landwirtschaftsministerium, das ein erfreuliches Verständnis für die Unternehmungen der Stiftung bekundet, hat in Peine etwa fünfzig Morgen guten fiskalischen Boden unter günstigen Bedingungen im Erbbaurecht zur Verfügung gestellt. Die Regierung hat sich zusichern lassen, daß besonders geeignete christliche Lehrer von dem musterhaft organisierten Institut ihrerseits Nutzen ziehen dürfen; aber nach dem Charakter der Stiftung dient sie vor allem jüdischen Lehrern. Eine Umfrage unter diesen hat denn auch bereits das sehr günstige Ergebnis gezeitigt, daß von 1600 Befragten 300 sich zum Besuch der Anstalt bereit erklärt haben; bei einer noch nicht fertigen und bekannten Sache eine höchst erfreuliche Bekundung von Vertrauen und Verständnis. Diese Lehreranstalt ist das erste große Unternehmen dieser Art, reicher durchgebildet als die bekannten Leipziger Fortbildungskurse: von ihren Erfolgen kann für die Weiterentwicklung unserer pädagogischen Praxis ziemlich viel abhängen. Der Lehrplan bedarf daher umsichtiger Ordnung: er ist unter der persönlichen Teilnahme von Schularzt Kerschensteiner eingereicht worden. Die Kurse dauern je ein Semester: zwei Semester führen zum vollen Lehrziel. Für Fortgeschrittene werden Ferienkurse eingerichtet. Neben dem Unterricht in Garten- und Obstbau, in Papp-, Leder-, Holz- und Metallarbeit, neben den Uebungen im Zeichnen, Naturwissenschaft und Bürgerkunde wird vernünftiger Weise besonderer Wert auf die Anleitung gelegt. Lehrmittel selber herzustellen. Etwa dreißig Lehrern soll gleichzeitig dste» Gelegenheit zur Weiterbildung gegeben werdendes ist selbstverständlich, daß denen, die einen solchen Unterricht genossen, nachher auch die Türe zum Lehrauftrag in der Fortbildungsschule offensteht. Die Stiftung und ihre Freunde wollen besorgt sein, auch unbemittelten Lehrern den Besuch der Anstalt zu ermöglichen. Der Garten ist in diesem Frühjahr angelegt und bepflanzt worden; bald werden sich auch die Mauern der Anstalt selber erheben, die von dem ausgezeichneten Architekten H. Tessenow (Dresden) gebaut wird. Es ist ein rühmliches Zeichen für den Geist, in dem die Stiftung verwaltet wird, daß sie ihre Aufträge nicht an ginen D r. Blochs WochckWrift

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