Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 47 (24.11.1911)
- Date
- 1911-11-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 774 Dr. MoWs WoWMrift 1 Nr. ^7 Feinde werden, um die Schmach ihrer Abkunft gründlich abzuwaschen, daß die Täuflinge den Gewinn aus dem Judentum an christliche Schwiegersöhne und andere Verwandte weitergeben, ist es mehr als überflüssig, diesen Dienste zu leisten, welche unsere hart bedrängten Kampfreihen verlassen haben, uns schwächen und von uns nichts wissen wollen, wenn sie geben und nicht nehmen sollen. Mit diesen Juden christlicher Konfession muß endgültig gebrochen werden. Einmal ist das schon in auffälliger Form geschehen, als Renegaten in einem vorwiegend jüdischen Bezirk ein Mandat für den Eemeinderat anstrebten. Damals ist der Geiyeinderat Frank und seine jüdischen Genossen mit großer Majorität gewählt worden. Trotz allen beweglichen Klagens über den Mangel an Freisinn. Das patzte den Uebergetretenen wohl, sich auf den Freisinn zu berufen, um vom verratenen und verlassenen Judentum Nutzen zu ziehen. Solche Geschäfte im Namen der fortschrittlichen Ideen sind aber offenbar auf allen Gebieten zu Ende. Die Täuflinge müssen sich das Herumschwanken zwischen Judentum und Christentum endgültig abgewöhnen, dürfen nicht immer die Hände wieder nach jüdischem Eigentum ausstrecken. Sonst wird immer wieder die moralische Abfertigung erfolgen. In der Politik ist das schon geschehen. In der Advokatenkammer hat nun Dr. Harpner gesehen, wie hoch man Täuflinge moralisch einschätzt. Man sagt zwar, die Juden f verzeihen Uebergetretenen, wenn diese durch die Taufe 9 etwas erreicht hätten. Das ist entschieden eine Unterschätzung. Dr. Harpner hat es im allgemeinen zu etwas gebracht, aber zum Vertrauen jüdischer Wähler konnte er es nicht mehr bringen. Man zog einen Christen einem Täufling vor. Daraus mögen sich alle Täuflinge eine Lehre nehmen! i Judentum und Kandwirtschaft. Die Simonsche Stiftung in Hannover. Sombarts Buch über die Juden im Wirtschaftsleben sollte beweisen, daß ein unruhiges Nomadenvolk Erfinder und Vorwärtspeitscher des modernen Kapitalismus geworden sei; die Ackerinstinkte des Juden hatten deshalb darin keinen Platz. Und wenn sich die Wissenschaft mit Quantitätsfeststellungen begnügen darf, läßt sich auch gegen dieses Vakuum nicht viel sagen. Denn die landwirtschaftlichen Leistungen der Juden sind heute noch gering, wenigstens in Westeuropa, im Gegensatz zum Osten —, daß sie sich Jahrhunderte lang nicht bilden und erproben konnten, liegt ja bekanntlich nicht an einer besonderen Talentlosigkeit der Juden für diesen Wirtschaftszweig, sondern gehört ins Kapitel der Rechtsgeschichte. Der Jude war durch Jahrhunderte vom Grund erw erb ausgeschlossen. Aber die mannigfachen Kolonisationsbestrebungen der Gegenwart kommen nicht von ungefähr. Sie sind keineswegs beliebige wirtschaftliche Unternehmungen und Spekulationen, sondern in ihnen bahnt sich langsam eine oft noch ungeklärte Sehnsucht einen Weg. Eine Sehnsucht, die häufig genug durchsetzt ist mit nationaler oder religiöser Romantik und in dem Romantischen auch ihren Grenzen begegnet. . Zahlreiche jüdische Ackerkolonisationen, die von Opferwilligkeit und Idealismus gegründet waren, sind in die Brüche gegangen oder doch zu keinem rechten Leben gediehen, und immer wieder wurden sie nm versucht. Den Antisemiten mochten sie als Beweis dienen, daß der Jude zur bodenständigen Landarbeit nicht tauge. Einsichtigen gaben sie die Lehre, daß Idealismus und Romantik nicht genügen, aus dem Juden einen Ackerbauer zu machen: will man dem Juden die Eignung zur Landwirtschaft zurückgeben, so muß man ihn dazu erziehen. Die Mißerfolge der östlichen Hausarbeiter oder kleinen Händler am Pflug oder m der Plantage, denen wir in den Anfangszeiten der modernen Kolonisation in Palästina und in Argentinien begegnen, sind keinerlei Rassenbeweis; ich würde auch einem christlichen Magistratsbeamten oder Bankangestellten keineswegs einen Weinberg oder, eine Geflügelzucht ohne weiteres anvertrauen. Es handelt sich bei diesen Problemen um zweierlei: um Geduld und um richtige, vernünftige Erziehung der Jugend. So etwas läßt sich nicht von heute auf morgen machen. Wozu der Vater untauglich geworden, darin kann der Sohn das Veste erreichen, wenn man ihm die geistigen und physischen Mittel gibt. Es wäre nicht nur barer Unsinn, sondern auch national-wirtschaftliche höchst bedenklich, wollte man die geschichtliche Entwicklung umdrehen und aus den Juden ein Bauernvolk machen. Um solche Verstiegenheiten darf man sich gar nicht ernsthaft Ammern, will man den Kern der beregten Aufgabe herausschälen. Aber es ist unverkennbar, daß leise innerhalb des Judentums eine Abkehr von den Berufen einsetzt, die bislang ein Monopol schienen, und daß gerade in Handel und Industrie der jüdische Einfluß seinen Höhepunkt vielleicht schon erreicht hat. Welche Berufe öffnen sich dem jungen Juden? Der verstorbene Bankier Moritz Simon in Hannover hat sich über diese Probleme nicht nur Gedanken gemacht, sondern er hat ein Werk des praktischen Idealismus hingestellt. Seine Ueberlegungen zielten dahin,- im Interesse der körperlichen und geistigen Gesundheit der Juden, seine Glaubensgenossen von den ausschließ? sich intellektualistischen Berufen hinüberzuziehen zu Handarbeit, Geschicklichkeit, zu Erwerbszweigen, die körperliche Kraft erfordern und ausbilden und den Menschen im unmittelbaren Zusammenhang mit den Dingen und mit der Natur erhalten. Er hatte in seiner schlichten Art etwas von einem richtigen, großangelegten Volkspädagogen und in seinem reichen humanitären Wirken trennt er sich grundsätzlich von den vielen und großartigen charitativen Wohltätigkeitsanstalten, die das Judentum besitzt, um scharf und deutlich den Gedanken der Wohlfahrtspflege herauszuarbeiten. Diese beiden Provinzen der sozialen Betätigung hat erst die letzte Zeit begreiflich scharf einander gegenübergestellt: in der Praris dieses Mannes find sie mit voller Absicht geschieden. Anfang der neunziger Jahre hat Simon ein paar Kilometer von Hannover die „Israelitische Erziehungsanstalt" ins Leben gerufen, eine Volksschule, eine Lehrlingsanstalt für Gärtnerei mit Lehrwerkstätten für Tischlerei, Schuhmacherei und Bäckerei. Später wollte er, von den guten Erfolgen ermuntert, die erprobten Wirkungen dieser Erziehungsarbeit weilertragen durchs Ausbildung der jüdischen Lehrer, durch Unterstützung des Handfertigkeits- und Gartenunterrichts an allen jüdischen Schulen, durch planvolle Kolonisation ausgebildeter jüdischer Landwirte. Diese verschiedenen Anstalten waren die notwendigen Ergänzungen des ersten Versuches — mitten in den Vorbereitungen ist Simon 1905 gestorben. Aber er bestimmte-sein Vermögen testamentarisch! der Aufgabe seines Lebens in einer großartigen Stiftung! von mehreren Millionen. Im Januar 1907 hat diese „Alexander und Fanny Simonsche Stiftung" die königliche Genehmigung erhalten. Sie hat mit kluger Umsicht die letzten Jahre benutzt, die Verwirklichung der Simonschen und auch eigener Pläne in die Wege zu leiten und steht jetzt vor dem Abschluß zweier größer Unternehmungen. Der Sitz der Stiftung ist Hannover (Hansahaus). * * ' * :i Hinter der wachsenden Fabrikstadt Linden, ehemals weit draußen, heute nur mehr ein paar hundert Meter ins freie Land hinausgeschoben, liegt djas Dorf Ahlem