Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021974--20672-3045724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

berichtet wird, geteilte Aufnahme gefunden. Vor der Aufführung interviewte ein Vertreter des „Jewish Chronicle“ den Dichter über sein Stück. Auf die Frage, ob der „Kriegsgott" ein jüdisches Stück sei, antwortete Zangwill: „In einer Besprechung meiner „Italienischen Phantasien« sagte Mr. Israel Abrahams in Ihrem Blatte, daß alle meine Arbeiten jüdisch seien. In diesem höheren Sinne wird mein neues Werk wohl mehr jüdisch gefunden werden, als alles, was ich bisher geschrieben habe". „Hat das Stück jüdische Charaktere?" „Das Stück enthält ungefähr 10 Hauptfiguren, deren jede eine wichtige Position in der Welt einnimmt. Können sie sich nun ein Minjan hervorragender Europäer beisammen denken, ohne einen Juden? war die Antwort Zangwills". „Welche Rolle hat dieser eine Jude in Gothia, dem Lande, in welchem Ihr Stück spielt?" „Er ist der Sekretär des Kanzlers." „Demnach ist Gothia als toleranter Staat gedacht, in welchem ein Jude zu so hohem Posten gelangen kann?" „Oh nein! Er muß erst die herrschende Religion annehmen. Gegen Ende des Stückes läßt er sich auch über diesen Punkt aus und weist auf die Kränkungen hin, unter denen die Juden von Gothia zu leiden haben". Etwas von Jugendschriften. Und wieder kommt die Zeit heran, wo die Auslagen der Buchhändler vollaefüllt sein werden m t Kinder- und Bilderbüchern, deren -Titel und Umschlag mit grellen Malereien die Aufmerkiamkeit der Passanten auf sich lenken sollen. Und auch diesmal, wie alljährlich, wird eine große Z.ihl jüdischer Väter ungelesen solche Bücher kaufen, um sie den lieben Kindern unter dem „Christbaum" als Geschenk ganz besonderer Art zu legen. Welche Ironie auch immer in dieser Tatsache liegen mag. sie ergänzt sich in vollkommen entsprechender Weise. Der unjüdische, wenn nicht antijüdische Brauch ist Ursache, daß eine unjüoische, oft sogar eine antijüdische Lektüre in die Hände jüdischer Kinder gelangt, um sie von zartester Jugend an zu lehren, wie schön alles Nichljvdische sei. Oft jedoch lernen sie aus diesen Büchern alles Jüdische hassen, zumindest aber mißachten. Hier und nur hier sind die Anfänge zu suchen für die schrecklich um sich greifende Indolenz gegen alles Jüdische bei unserer Jugend; rechnet man hinzu die mangelhafte jüdische Erziehung rm Elternhause und in der Schule, so hat man die Erklärung dafür gefunden, wieso die Heranwachsende Generation für den Abfall vom Judentum geradezu erzogen wird. An der Tatsache, daß die jüdische Jugend durch die un- und antijüdische Lektüre dem Judentume immer mehr entfremdet wird, läßt sich nicht mäckeln. Es wurden von verschiedenen Seiten bereits ganz gleiche Wahrnehmungen gemacht und des Weiten und Breiten darüber beratschlagt, was dagegen zu tun sei; und merkwürdig genug kam man überall, nämlich in ganz Mitteleuropa, darin überein, daß man diesem Uebelstande zum großen Teile mit der Herausgabe jüdischer Jugenschriften oder einer Jugend-Zeitung abhelfen könnte. Und tatsächlich wäre damit vieles getan, zumal aus einer solchen Jugendzeitschrift, die für die jüdische Jugend geschrieben, die jüdischen Kinder sehr viel lernen könnten; ich sage Kinder, meine aber damit auch ihre Eltern, denn wie oft bedürfen auch diese Belehrung und Aufklärung in bezug auf das Judentum. Nun ist man auf ein Mittel gekommen, aber gegriffen dazu hat noch niemand, vor der Anwendung desselben scheut Jedermann zurück, weil er die leidige Kritik und das Manko fürchtet. Denn wie sollte eine jüd.sche Jugendzeitschrift beschaffen sein, um jeder Kritik von jüdischer Seite standhalten zu können? Und so kommt es, daß ein allgemeiner Ruf nach jüdischer Jugendlektüre ungehört und ein vielseitig geäußerter Wunsch nach einer solchen unerfüllt bleibt. So arg ist es aber doch nicht. Es besteht eine eigens für die jüdische Jugend geschriebene Zeitschrift, die seit vollen zwölf Jahren erscheint. Sie hat sich aus ganz bescheidenen Anfängen zu einer respektablen Höhe emporgearbeitet und füllt eine längst gefühlte Lücke aus. trotz der vielen Hindernisse, die ihrer Entwicklung sich in den Weg gestellt haben. Merkwürdig bleibt nun die Tatsache» daß dieselbe von der jüdischen Presse wie auf Verabredung bis vor ganz kurzer Zeit mit einer einzigen Ausnahme totgeschwiegen wurde. So etwas ist gewiß in einer anderen Gemeinschaft unmöglich. Alle Völker und Nationen der gebildeten Welt legen auf die Erziehung ihrer Jugend im Sinne ihrer Religion und Stammeseigentümlichkeit so großen Wert, daß sie alle Mittel, die Erfolg verheißen, zu diesem Zwecke anwenden, besonders bed'-nen sie sich dazu der jetzt allmächtigen Presse; anders wir Juden. Wir tuen so, als ob bei uns alles, besonders aber die Jugenderziehung, in bester Ordnung wäre. Und wenn sich irgendein tatkräftiger, mutiger Mann findet, der mit einer fertigen Sache hervortritt, und wenn die Sache oder die Idee noch so gut ist, wird er in seinem Bestreben nicht gefördert, sondern kritisiert. Und so verhält es sich mit der Herausgabe der nunmehr einzigen jüdischen Jugendzeitschrift in ganz Mitteleuropa. Bei dem Mangel einer jüdischen Jugendlektüre sollte doch der einzigen bestehenden mehr Aufmerkiamkeit geschenkt werden, sowohl von Seiten der maßgebenden jüdischen Faktoren wie auch von Seite des jüdischen Publikums, d. h. der jüdischen Eltern und Lehrer. F. L. Ei» jüdisches Theater i» Prag. In Prag gastiert seit einiger Zeit eine jüdische Volkstheatergruppe an deren Leistungen der bekannte Schriftsteller Dr. Max Brod die folgenden interessanten Bemerkungen knüpft: Nur sagenhaft dringen zu uns Nachrichten von großen Bühnen in Amerika und England, die Theaterstücke im jüdischen Jargon (im sogenannten „Jiddisch") aufführen und damit vor großem Publikum tiefgehende Wirkungen erzielen. Und doch hat gegenwärtig jeder Prager Gelegenheit, sich von der Richtigkeit dieser Sagen zu überzeugen. Im „Cafß Savoy" gastiert nämlich eine polnisch-jüdische Theatertruppe, die in ihrer Art geradezu Vollkommenes bietet und jedem Literaturfreund, jedem Freund seltener Eindrücke und überdies jedem, der dem so viel diskutierten Judenproblem Interesse entgegenbringt, zum Erlebnis wird. Dieses Judenproblem, ich meine: die möglichst exakte Umschreibung des jüdischen Wesens, haben in letzter Zeit Sombart. Buber, Chamberlain, Zollschan u. a. in einfache Formeln zu soffen gesucht. Wie lückenhaft diese Formeln find, zeigt nun die Berührung mit der Volkskunst. Denn Volkskunst ist es, was die Gäste bringen, eine ernste, das ganze Leben und die religiöse Ueberwelt selbstverständlich umfaffende Kunst, so daß man sich in manchen Momenten dem antiken Theater genähert fühlt, wo das religiöse Zeremoniell mit derselben Naivität auf die Bühue trat wie hier. Also Naivität. Einfachheit. Selbstverständlichkeit, lauter Eigenschaften, die man dem jüdischen Wesen gern abspricht (ich erinnere nur an den Vortrag BabS in Prag) — wirken hier: mit ihnen eine natürliche Freude an der Musik, eine unmittelbare Dichterkraft, viel primitives Vergnügen an krassen Effekten, lockere Szenenführung. Im ganzen ein Gemisch, an dem man Freude hat, wenn man nur für uns ironischen Beiklang des Jargons wie billig überhört. Die Schauspieler sind durchaus interessant. Herr Löwy bietet durchdachte, temperamentvolle Leistungen, die auch der größten Bühne Ehre machen würden. Wenn er einen alten Talmudweisen gibt, so steigt die Erinnerung an Sonnenthals Nathan nicht verdunkelnd auf. In der Virtuosenrolle des „Wilden Menschen" (von Gordyn) wußte er vier Akte lang durch die mannigfachsten Manzen zu fesseln, zu rühren. Ebenbürtig wirkt neben ihm Frau Tschiffig mit ihrem wahrhaft angeborenen tragischen Talent. Frau Klug gestaltet mit stürmischer Lebendigkeit; Herr Tschiffig ist erstaunlich vielseitig und immer gut, seine Charakterrollen werden mir unvergeßlich bleiben. In dem sicheren Zusammenspiel kommen Herrn Klugs Stimme und Ruhe, die Tanzkunst und Lustigkeit deS Herrn Pipes zu oft überraschenden Wirkungen. Von den dargestellten Autoren bleibt der Name Goldfaden in tiefem Gedächtnis, etwa neben Raimund, Nestroy und den Engländern vor Shakespeare eingereiht. Antisemitenspiegel. Gerade rechtzeitig für die Wahlbewegung zum Reichstag erscheint in den nächsten Tagen der «Antisemiten- Spiegel* (Verlag des Vereines zur Abwehr des Antisemitis- |mus, Berlin W. 35, Magdeburgerstrasse 14, Preis gebunden Mk. 4.—.) in vollständig neuer Bearbeitung und in wesentlich' erweitertem Umfange. Das nahezu 30 Bogen starke Werk schildert nicht nur die Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland, sondern behandelt auch eingehend das Eindringen des Rassen- und Religionshasses in die akademischen Berufe, beleuchtet die durch den latenten Antisemitismus der staatlichen und Verwaltungsbehörden und den Kastengeist geförderte gesellschaftliche Abschließung gewisser Schichten der Bevölkerung und widmet auch den verschiedenartigen Ausstrahlungen des wirtschaftlichen Antisemitismus eine längere kritische Betrachtung. Der wissenschaftliche Bankerott des Rassenantisemitismus, dessen publizistische Verfechter sich auf Schritt und Tritt einander widersprechen, wird anschaulich geschildert, ebenso die abgeschmackte Konfessionsschnüffelei des bekannten Weimarer Literaturpapstes und seiner Gefolgschaft auf literarischem Gebiete. Die Charakteristik des politischen Antisemitismus ist dabei keineswegs zu kurz gekommen. Der parlamentarischen Betätigung der antisemitischen Gruppen ist eine umfangreiche Abhandlung gewidmet, weiche die nationale Verlogenheit, die Zerfahrenheit und die politische und wirtschaftspolitische Unfähigkeit dieser heuchlerischen Patrioten und falschen Mittelstandsfreunde mit charakteristischen Beispielen belegt. Zum ersten Mal wird ferner in dem «Antisemitenspiegel* die Stellung sämtlicher politischen Parteien und der hauptsächlichsten sogenannten nationalen Organisationen zum Antisemitismus kurz skizziert. Um allen denen, die in Wort und Schrift gegen den Antisemitismus anzukämpfen haben, diese Aufgabe nach Möglichkeit zu erleichtern, sind die in der Presse und in den Versammlungen immer wiederkehrenden Beschuldigungen der Antisemiten gegen die Juden in einem großen, nahezu 100 Seiten umfassenden Abschnitt systematisch zusammen gestellt und in jedem einzelnen Falle ihre Grundlosigkeit oder Perfidie nachgewiesen. Den Beschluß des Werkes bildet eine zusammenfassende Darstellung der antisemitischen Bewegung im Auslande. Ein Vergleich des Inhalts der letzten im Jahre 1900 erschienenen Auflage des Antisemitenspiegels mit der jetztigen Neubearbeitung kennzeichnet recht anschaulich die Wandlungen, die der Antisemitismus, der niemals eine Partei bildende, sondern immer nur eine Partei zerstörende Kraft gewesen ist, als »W el

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.