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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-17 · 46 (17.11.1911) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
46 (17.11.1911)
Date
1911-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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0tr. 46 Seite 759 BSf Hfirtfliff 8lliLilij>4irifi nicht nur ihn, sondjern das ganze Judentum als Betrüger hinstellt. Niemals werden wir in den Fehler dieser Preßbestien verfallen, jeden nicht jüdischen Gauner oder Verbrecher als Typus seines Stammes oder Konfession zu stigmatisieren, diese zwei Fälle veranlagten uns, einmal auch zu beweisen, daß unter Ariern nicht nur gefährliche Raubmörder, sondern auch viele gemeine Betrüger Vorkommen können. G r o b t u ch. Vom Jahrmarkt bes Lebens. Die Hundspeitsche im österreichischen Parlament. Ein Zwischenfäll in der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 10. November zeigt, wie tief das moralische Niveau des österreichischen Volkshauses durch das Gebaren der antisemitischen Matadore gesunken ist. Der neutsch-nationale Abgeordnete Hummer und der deutsch-radikale Abgeordnete Malik traktierten einander mit Titulaturen wie „Schuft". „Schurke", „historischer Lügner" und schließlich zog der eine die Hundspjeitsche und versetzte seinem Kollegen mehrere Hiebe an Stirn und Nase, dag er blutunterlaufene Striemen dävontrug. Wir wiederholen, dag die Helden dieser Affäre zwei antisemitische Germanen sind, die sich gegenseitig derart in der öffentlichen Sitzung des österreichischen Volkshauses vor aller Welt züchtigten. Diese beiden germanischen Helden gehören Parteifraktionen an, welche das Dogma von der Inferiorität der semitischen Rasse verkünden und die Ueberlegenheit ihrer germanischen Kultur darin bekunden, dag sie jedem Juden die Satisfäktionsfähigkeit abstreiten. Das österreichische Parlament ist durch diese unsere Sittenprediger vor der ganzen Welt tief geschändet worden. Das „Vaterland" vom 12. November schreibt: „Durch die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes wurde der Radikalismus zur höchsten politischen Potenz erhoben. In das Abgeordnetenhaus gelangen somit zumeist nur mehr Ertrlemgesinnte, deren psychologische Beschaffenheit sehr Deicht zu Eruptionen ihrer Leidenschaften führt." Dhe „Reichspost" in ihrer biederen Selbstgerechtigkeit, welche immer bloß die Sünden anderer beichtet, jamm/ert über den Sittenverfall bei den deutschen Nationalen und vergißt, was ihre eigenen Parteigenossen und Parteiführer zur Herabwürdigung des Parlamentes geleistet haben. In der Tat, war schon das österreichische Kurienparlament der Schauplatz jämmerlichster Entwürdigung, und gerade die Parteigenossen der „Reichspost" haben zu den Ausbrüchen der Roheit und Brutalität das meiste geleistet. Vor mehr als einem Jahrzehnt schrieben wir an dieser Stelle: „Ein charakteristischer Zug im öffentlichen Leben Oesterreichs ist die anderswo unerhörte Verpöbelung. Es ist kaum möglich, devr Auslande verständlich zu machen, wie ercessiv die Roheit, wie erfsmderisch die Gemeinheit, wije skrupellos die Lüge und Verleumdung sich in Oesterreich entwickelt, wie sie Rechtsgefühl und politischen Anstand korrumpiert und eine fast unumschränkte Gewaltherrschaft sich erobert haben. Diesen llmgangsformen unseres politischen Lebens fällt eine große Verantwortung füv seine Unfruchtbarkeit und Leerheit zu. Sie verhindert, dag sich kenntnisreiche und ehrenhafte Männer der politischen Vertretung des Bürgertums zuwenden, sie haben dieses dadurch selbst auf das tiefste Niveau politischen Unverstandes gebracht. Bürgerliche Talente, an denen Oesterreich nicht arm ist und die anderswo Zierden des öffentlichen Lebens geworden wären, ziehen es vor, die Beschimpfungen und Verleumdungen, die einem Politiker nicht erspart bleiben, zu vermeiden, und bleiben teils im Privatleben, teils suchen sie ihren Tätigkeits-. drang im Staatsdienst wirksam zu machen. Daher auch die sonderbare Erscheinung, dag wohl keine Bureaukratie neben den unfähigsten, durch Geburt und Protektion emporgehobenen Gliedern auch so tüchtige, ehrenwerte und gesunde Elemente aufweist, wie die österreichische. Ein Vergleich mit dem deutschen Durchschnitt würde wohl nicht zu unseren Ungunsten ausfallen. Das sachliche Argument hat heute im politischen Leben Oesterreichs jeden Wert verloren. Die' größten Schreier tragen den Sieg davon. Und das unter der Herrschaft eines Wahlrechts, das ein Hohn auf die Demokratie ist, indem das allgemeine Wahlrecht als Dekorationsstück verwendet wird und gerade vorsintflutliche Formen der Ständevertretung herrschen! Wohl kein Schimpfwort war aber wohl „österreichischer", als das Diktum des christlich-sozialen Wäschehändlers Erjegorig, der Professor Philippovich im mederösterreichischen Landtag „Bildungsprotz" titulierte. Man erlaube uns nur noch zur näheren Charakterisierung der geschilderten Zustände einige Zwischenrufe aus dem niederösterreichischen Landtag wiederzugeben, die meist getreulich in den Protokollen verzeichnet sind. Die christlich-sozialen Abgeordneten: Steiner: Schuft, frecher Bursche, hinausschmeißen, Gemeinheit. Frechheit. Vergani: Bezahlter Provokateur, elender Provokateur, elender Denunziant. Spitzbube, Maul halten! usw. Andere christlich-soziale Volksvertreter: Schuft, Schurke, Landstrieicher, erbärmlicher Gauner, Spitzbub, schlagt's ihn nieder! Hängts ihn auf! usw. Gregorig:. (zu Philip? povich): Professorenprotz, Crowot, Professorenflegel. Schneider: Schönererbagage, Judenknecht, Lausbuben. Schußgeld für Juden, Juden vertilgen. Schöffel: Ganz gemeiner elendiger Mensch, Du armselige Kanaille. Strohbach, Vizpbürgermeister von Wien (im Reichsrat zu Wolf): Dummer Junge, Schandbube, Kognakfäufer. Bordellritter, Buben, Kusch, Hanswurst usw. Abgeordneter Schneider (im Landtag zu Kronaweller): Narrischer Tonl. Derselbe: Lausbub krauperter, Gesindel, Fallot, Rotzkerl, Binkeljud, jüdische Lumpen, Jnsektenknabe, Esel usw. Den Justizminister nennt derselbe Schneider einen von Juden bestochenen Lumpen, einen der höchsten Richter, den Hofrat Burkhart, nennt Lueger Spitzbub, Schurke usw. Natürlich alles unter dem Deckmankel der Immunität . . . Eine Zeit lang war v. Chlumecky Präsident des Abgeordnetenhauses und bei ihm erschien einmal als Deputation das Präsidium der „Union", Dr. Josef G r ü n f e l d und Dr. Markus Spitzer, um wegen der allzu häufigen Entwürdigung der parlamentarischen Tribüne zu Judenhetzen, über den Mißbrauch der Immunität, um außenstehende wehrlose Personen zu'.beschimpfen, Beschwerde zu führen. Herr v. Chlumecky sah darin einen unstatthaften Versuch seine, präsidiale Gewalt zu beeinflussen, und tat sehr entrüstet. Der logische Gang der Entwicklung führte aber zur Hundspeitsche! Appell a« die jüdischen Advokaten, Richter, Notare und übrigen Juristen! An der Wiener Universität hat sich ein jüdisch-akademischer Juristen-Verein gebildet. Der Verein, der jedepolitische Tendenz ausschließt, hat den Zweck, einerseits eine Standesorganisation der jüdischen Rechtshörer, anderseits eine Pflegestätte der allgemeinen und jüdischen Rechtswissenschaft zu schaffen. Eine studentische Fachorganisation auf nationaler, also immerhin separatistischer Grundlage ist deshalb dringend notwendig, weil die Verhältnisse auf den Hochschulen Oesterreichs in den letzten Jahren derartige geworden sind, daß ein Zusammenarbeiten zwischen jüdischen und deutschen Studenten, selbst in einem wissenschaftlichen Vereine überaus erschwert, in Wien aber vollständig unmöglich ist, da der biSber einzige juristische Fachverein an der Wiener Universität, der deutschakademische Juristenverein, statutengemäß nur deutscharische, also keine jüdischen Juri st e n aufnimmt. Ein intensives Fachstudium ist aber speziell für den Juristen geboten, da derselbe an der Universität keine Gelegenheit zur praktischen

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