Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 46 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 758 Nr. 46 Dr. WMs schreckenden Beispiele sür die anderen einer strengen Bestrafung zuzuführeu. Wenn gar noch Erwachsene dem schändlichen Treiben der Schulkinder ausdrücklich Beifall zollten, dann hat Herr Wache eine schwere Vernachlässigung seines Amtes begangen, wenn er die Leute nicht wegen Majestätsbeleidigung unter erschwerenden Umständen sofort dem Gerichte überstellte. Herr Wache hat aber weder Kinder verhaftet, noch Erwachsene. Obwohl man doch bei der Deutlichkeit seiner Gefühle gegenüber den Juden sehr gern scharf geamtshandelt hätte, brachte er doch keinen Jukulpaten auf die Wachstube, sondern alle nur in seinen Bericht. Wir bemerken nun zu diesem, daß Herr Wache weniger mit den Augen geschaut habe, als mit seiner judenfeindlichen Seele. Wenn er aber auch tatsächlich etwas gesehen hätte, so war es ihm doch nicht erlaubt, von einer speziell jüdischen Sache zu sprechen. Würde es der Mann in einem Berichte wagen, von tschechischen Kindern und Erwachsenen „ihres Stammes" zu sprechen? So weit sind wir aber denn doch in Oesterreich nicht mehr, daß wir offizielle k. k. Antisemiten haben. Zumal, wenn sie über Majkstätsbeleidigungeu von Juden sprechen, deren Kaisertreue und Vaterlandsliebe trotz allen Verleumdungen des Millionenvergani so notorisch sind, daß alle Verdächtigungen dieser ihrer Haltung zu oberst an den Pranger gehören. Wir lenken die Aufmerksamkeit des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern auf düses amtliche Schriftstück eines Wiener Polizeifuuktionärs, welches eine schwere, ehrenkränkende Insinuation gegen die Wiener Juden enthält. Er sollte sich veranlaßt sehen, bei den zuständigen Instanzen dagegen den nachdrücklichsten Protest eiuzulegen. Rafferrreine arische Kultur- und Moral- Klüte«. Das zeitliche Zusammentreffen dreier Ereignisse, die so rjecht das rassenreine Ariertum beleuchten, veranlassen uns, dieselben zum Gegenstand unserer Erörterungen zu machen. Die Hundspeitsche, die am vorigen Freitag als parlamentarisches Hilfsmittel Anwendung fand, und dije Aufsehen erregenden Betrügereien, die zwei Wiener unverfälschte Arier ausführten. Der Abgeordnete von Leitmeritz, Herr Hummer, eine neue Zierde des „Deutschen Nationalverbandes", und der Stalldeutsche Schönerer-Coleur, Herr Malik, hatten miteinander persönliche Differenzen auszutragen, zu diesem Zwecke fanden sie, daß der Boden der Gesetzgebung, das österreichische Volksparlament, am geeignetsten erscheint. In einer gegen Schluß der Freitagsitzung! /vom Abgeordneten Hummer an den Präsidenten gerichteten Anfrage überhäufte derselbe seinen radikal deutschen Kollegen Malik mit Schimpfereien, die sonst nur unter den Plattenbrüdern auf der Schmelz und am Drasch effeld üblich sind. Herr Malik reagierte hierauf nicht nur im ähnlichen Tone, sondern er griff auch zur Hundspeitsche, mit welcher er seinen Stammesgenossen recht anständig bearbeitete, so daß Herrn Hummer das unverfälschte arische Blut floß. Der Deutsche Nationalverband gab dadurch den andern Nationalitäten, die im österreichischen Parlament vertreten sind, Gelegenheit, sich von der Wirkung deutscher Kultur zu überzeugen. Ueberhaupt ist es ein Verdienst der deutschen Nation in Oesterreichs daß sie als erste durch ihre Vertreter im Parlamente dort die Verrohung des Tones und die Schimpferzeffe, wie sie in keiner zweiten parlamentarischen Körperschaft existieren, einführte. Der jetzt von seinen Volksgenossen ganz isolierte Schloßherr von Rosenau, Georg Schönerer, der frühere Genius der Deutschen in Oesterreich und sein einstiger Gesinnungsgenosse Dr. Lueger, gemeinsam mit Stampiglius Schneidet,. NMAWMttft waren Me ersten, die in dejn achtziger Jahren das damalige Parlament durch ihre Schimpfereien terrorisierten. An ihnen nahmen sich dann die Desparados der andern Nationalitäiten ein Beispiel, diiesen .ist es aber bis zum heutigen Tage noch nicht gelungen, mit derselben Virtuosität das Schimpfhandwerk zu behandeln, wie es die edlen Germanen so glänzend bewerkstelligen. Als beschämend für den österreichischen Parlamentarismus muß es bezeichnet werden, daß der gegenwärtiggrößte parlamentarische und zur Regierungs-Majorität gehörende Verband von Elementen wie K. H. Wolf> dem arischen Eurkenhändler Teufel und Herrn Hummer beherrscht wird. Diesen Herren ist es auch zu verdanken, daß die Jud!en, die besonders in den Sudetenländern und auch in Wien soviel Beweise von deutscher Treue lieferten, indem sie leider immer noch nicht aufhören. Materielle und moralische Unterstützung den deutschen Parteien zu leisten, im Deutschen Nationalverband keine Aufnahme finden. Nicht nur den deutschjüdischen Abgeordneten im Parlament, sondern auch den freisinnigen Ariern, die mit jüdischer Hilfe gewählt wurden, verweigern diese edlen Herren den Eintritt im Verbände. Die zwei Wiener jüdischen Abgeordneten , die niemals sich um die Aufnahme bewarben, und die andern freisinnigen Mandatare sehen wohl ein, daß es kein so besonderes Vergnügen ist, in einem gemeinsamen Verbände zu sitzen, in dem bäte; höchste autoritative Persönlichkeit ein Herr Dr. Steinw'ender und sein Kulturrepräsentant ein Herr Hummer ist. Soviel über die arische kulturelle Betätigung, und nun zu der moralischen. Zwei sehr angesehene Wiener arische, besonders in der christlich-sozialen Partei sehr geschätzte K a u f l e u t e, der eine iPelzwarenhändler und Hoflieferant Karl Schübel, und der andere, Lederhändler Ludwig Palmers, find Insolvent geworden, ein Ereignis, dem schließlich ein jeder noch so anständiger Kaufmann, wenn er von Schicksalsschlägen verfolgt wird, ausgesetzt werden kann, und niemandem deshalb das Recht gibt, sich mit ihm öffentlich zu beschäftigen. Diese zwei Fälle aber illustrieren ein Bild des krassesten Betruges und der Veruntreuung fremden Eigentumes. Der Pelzwarenhändler Schübel, der infolge seines Leichtsinnes und großen Lebensaufwandes, den er und seine Familie trieb, sich insolvent erklären mußte, hat es dabei nicht bewenden lassen. Noch bevor der Konkurs zu Ende geführt wurste, verübte er weitere Betrügereien, indem er die kostbaren Pelze und sonstigen Wintergegenstände die ihm dße vornehme Wiener Gesellschaft, wahrscheinlich ohne Unterschied der Konfession, über den Sommer zum Aufbewahren gab, verkaufte und für den Erlös weiter ein flottes Leben führte und damit auch zur Stärkung des christlich-sozialen Wahlfonds beitrug. Der zweite arische Ehrenmann Herr Palmers, der in verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem sehr hohen österreichischen kirchlichen Würdenträger stehen soll, hat wenige Wochen vor seiner Insolvenz', als er zur Ueberzeugung gelangte, daß er unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht, noch rasch eine Geschäftsreise ins Ausland unternommen und dort Waren eingekauft und nicht bezahlt, diese sodann in Wien zu Schleuderpreisen an den Mann gebracht. Wir sind weit davon entfernt, aus diesen zwei so krassen Vetrugsfällen Schlüffe auf die ganze arische Kaufmannschaft zu ziehen, solche Auswüchse sind international und interkonfessionell. Aber so oft ein jüdischer Kaufmann, der, nachdem er sich alle erdenkliche Mühe gab, sdurch Fleiß und Strebsamkeit seinen ehrlichen Namen zu erhalten, durchs die Ungunst der Verhältnisse oder durch besondere unglückliche Zufälle gezwungen ist, an die Nachsicht seiner Gläubiger zu appellieren, muß er sich es leider immer gefallen lassen, zu sehen, wie die christlich-soziale antisemitische Preßmeute über ihn herfällt und