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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 764 Dr. WochMWM Nr. 48 Drum kann ich hier von dannen ziehen im Alter mit weißen Haaren, ohne einen zu hinterlassen, der ein Anrecht auf mich hätte." „Außer uns allen!" warf Jechiel, der Freund, mit einem Seufzer ein. Und dann schilderte er, als ob sich ein solch seltener Mensch wie Jehuda durch irdische Mühseligkeiten hätte bestimmen lassen können, die Gefahren der langen See- und Landreise für ihn und seinen alten, nicht mehr starken Körper. Sprach von der engen Bretterwelt der Schiffskajüte, 'von Stürmen, von der Wüste,- von Betrügern und Wirten, von Heiden und Christen und Räubern. Und erinnert den Freund an das wohlbekannte Schicksal seines voetischen Vorgängers in der neu hebräisch-arabischen Dichtkunst, des Mose Jbn-Esra. Den hatte die unglückliche fleischliche Liebe zu seiner Nichte, die seinem jüngeren Bruder zuteil wurde, in die Fremde getrieben, wo ihn die Tataren und Türken ergriffen und fast mehr noch als seine Liebe gequält hatten, daß er, später heimgekehrt, von sich dichten durfte; Zur Fremde zog ich aus, froh, mich zu weiden, Da ließ das Leben mich verwundet bluten. Ich suchte Trost und Ruh, da ließ der Lüden Zum Rand gefüllter Kelch mich überfluten. „Was willst du?" erwidert Zehuda auf alle schrecklichen und traurigen Vorstellungen des Freundes. „Ein jeder trifft den Tod, der ihm vorherbestimmt ist von Gott, am Ende seines Lebens. Gabirol wurde erschlagen um Neid von einem maurischen Dichter. Aber der Feigenbaum, darunter der Mörder ihn verscharrt hatte, trieb vielfache Blüten, daß das Volk stutzig wurde und die Schandtat entdeckte und den Schelmen an dem gleichen Baume erhängte, der ihn verraten hatte. Und sterbe ich im Osten in der Fremde, so sterbe ich Jerusalem doch näher als hier, wo meine Heimat nicht ist und wo ich lebe, ein hebräischer Mann, auf bunten arabischen Fliesen. Als Kind schon habe ich mich hier mit dem Herzen eines Achtzigjährigen einsam und traurig gefühlt wie Moses am Nil, und mich von hier fortgehärmt, gleich einem Vogel, der im Käfig im Norden überwintern muß. Was sind die Drangsale der Reise für mich! Mußte unser Volk nicht jahrelang durch die Wüste und die Dürre irren, ehe es in das Land kam, das ihm Gott verheißen hatte! Er wird mir voranziehen, der Unbegreifliche, in einer Wolkensäule des Tages und in einer Feuersäule des Nachts und mich behüten aus allen meinen Wegen. „Siehst du, mein Freund, soll ich mich um meiner Habe und meines Wohlbehagens willen beschämen lassen von den Christen, die, ein Kreuz auf ihrem Gewände, ausgezogen sind, das Grab dessen von uns. den sie als Gott verehren, zu erobern, und die heute über Zion herrschen und sich gleich David in ihrem Frevel Könige von Jerusalem heißen. Bis hieher klang ihr Schrei: „Gott will es!", als sie auszogen wider die Mohammedaner, und hat mich erweckt aus meinem bisherigen Leben, in welchem ich nur den Menschen gedient habe. Glaubst du nicht, daß es mich unwiderstehlich hinziehen muß zu jener Stätte, wo meiner Verehrung nicht nur ein heiliges Grab, nein, tausende heiliger Gräber harren. Wo am Hebron die Erzväter ruhen und auf dem Berg- Moses und Aaron, das Brüderpaar, und wo auf dem Hügel fcer Tempel stand und die Lade und der Vorhang hing mit den Cherubim. Wie könnt ihr sagen, daß ich unser Volk verlasse, wo ich hingehe, es wiederzufinden! Ich glaube an Israel wie keiner von euch. Denn Israel ist in der Welt wie das Herz im Menschen. Wie dieses an allen Leiden des Körpers Anteil hat, so wird Juda von jedem Mißgeschick, das von den Völkern ausgeht, am unbarmherzigsten getroffen. Und die Geschlechter der Erde können von chm sprechen: „Es trägt unsere Krankheit und unsere Schmerzen sind ihm aufgeladen." Es wird einmal auferstehen und sich sammeln , wie zerstreute Gebeine, die auf des Propheten Wort sich aneinfügten und neu zu leben begannen. Aber das wird nicht hier sein noch irgendwo anders, es sei denn im Lande unserer Väter und an den Ufern des Jordan, zu denen ich als zu meiner Heimat zurückkehre. Denn nirgendwo sonst ist Israel sicher vor dem Haß und der Verachtung seiner Feinde. Auch hier nicht auf der iberischen Halbinsel, wo ihr glaubt, wie in Abraham's Schoß zu liegen, weil ihr mit dem höchsten Adel vervettert und verschwägert seid und alles außer König werden könnt. Es wird euch nichts helfen, nun man die Mauren verjagt und das Kreuz über den Halbmond gesiegt hat, und Israels schönste Nachblüte dahin ist. Eine Bestie wird kommen, ein Untier mit einer harten Schale aus Eisen und einem Gebiß gleich dem Elefanten und wird euch torquieren. Sein pfeifender Atem tötet schneller als der giftigste Basilisk. Flammen entströmen seinem Munde und seinen Augen. Von eueren Leibern wird es sich nähren und Spanien wird die Hölle für die Juden heißen auf Jahrhunderte." Also weißsagte Jehuda Halevi, von Gott erweckt, ehe er hinausfuhr aus Toledo und sich und seine Seele nach dem für ihn in Wahrheit „heiligen Lande" einschiffte. Und wie er verkündet hatte, geschah es kaum dreihundert Jahre nach jenem Tage: Die Kreuzzüge, die mit Christus und seiner Lehre nichts zu tun gehabt haben, hatten in allen Ländern eine sinnlose Wut gegen die Juden als Heilandsmörder angezündet. Was von dieser besessenen Zeit in Spanien verschont geblieben war, das vernichtete die Inquisition, die die ungetauften Knochen in den Gräbern nicht verschonte und wie eine Hyäne in dem Lande hauste. An einem Tage, am 2. August 1492, mußten mehr als 300.000 Juden Spanien unter den unwürdigsten Bedingungen arm und beraubt verlassen, ein Tag. an dem Spanien Landestrauer anlegen sollte, denn mit dem Verlust der Juden als des damaligen Mittelstandes begann seine nationale Verwesung. Die Frauen und Kinder der Ausziehenden sangen auf Befehl der Rabbinen und vollführten mit Pfeifen und Trommeln eine rauschende, betäubende Musik, um der schwarzen, dahinwallenden Menge den Abschied leichter und den nagenden Schmerz vergessen zu machen. Die Männer machten den Schluß. Sie trugen die schweren Leichensteine ihrer verstorbenen Angehörigen auf dem Rücken. Sie hatten sie aus der Erde ausgegraben, damit sie nicht geschändet werden sollten, und schleppten sie mit sich ins Unbekannte als letztes tragisches Angedenken. Jehuda Halevi, der erste Zionist, war seinem Volke auf einem Wege vorangeschritten, auf dem es ihm nicht gefolgt ist. Freilich. Jerusalem, das christlich gewordene, vertrieb ihn, den irrenden Juden mit Hohn und Gelächter aus seinen verfallenen Mauern. Und wie ein rechtloser Fremdling zog er kreuz und quer nun durch sein Land, sein Heimatland, die rührendste Figur, die es in der Tragödie Israel gibt. Irgend ein türkischer Reiter soll ihn, plump wie der Zufall, überritten haben, als er vor den Toren einer Stadt saß und diese letzten Verse in den Sand schrieb: Ich kann nicht langer warten. Hol mich in deinen Garten, Herr, nimm mich von hier fort! Ich Hab' zu viel gelitten. Was kann der noch erbitten, Der bis ins Herz verdorrt. gttatttot. Jung - Juda. Illustrierte Zeitschrift fiir unsere Jugend. XII. Jahrgang, Nr. 22, Prag, den 3. November 1911 (12. "Cheschwan 5672). Inhalt: Marie Eugenie deJle Grazie: Der Nil. — Ben Jehuda. — B. Moses ben Maimnn. — Maiinonides. — Moriz Antscherl: „Schicke dein Brot über das Wasser.“ — Dr. Emil Adler;: Am Steg. (Illustration.) — Der Hofmeister

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