Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 Seite 763 D r. Bkochs Woch^nßchrift Unten in zwei Kammern in einem Hause an einer der steilen Gassen des menschenreichen Toledo wohnt er als Junggeselle, von einem verhuzzelten alten arabischen Weibe bedient und betraut, das mit ihren mehr als hundert Jahren als das beste Geschäftsschild ihres Herrn wirkt. Der wohnt im Erdgeschoß, allen Kranken wohlbekannt, die sich freuen, keine kalten harten Treppen zu ihm heraufhumpeln und ächzen zu müssen. Die Hauptkammer liegt nach hinten dem Hof zu, dessen kleiner Springbrunnen von dem größeren Lärm des Tajo überhört wird, den man draußen über das steinerne Geröll seines Flußbettes rauschen hört. Dort hockt Halevi auf einem niedrigen geschnitzten schwarzen Taburett und untersucht im dünnen Licht, das durch die bunten maurischen Hufeisenbogenfenster hereindringt, den Harn, den ihm ein armer verwachsener Krüppel aus la Mancha gebracht hat, der gern wissen möchte, ob er leber- oder nierenleidend ist oder beides zusammen. Einige Flaschen und Kolbengläser mit roten und grünen Tinkturen stehen neben drei Stößen von gelehrten dicken alchimistischen Büchern auf dem Ebenholztisch nebenan, der sich in der Dämmerung matt auf den hellen, mit Arabesken durchzogenen Fliesen des Fußbodens spiegelt. Wir können unbekümmert zu Halevi eiutreten. Denn um diese Abendstunde empfängt er gewöhnlich Besuch von irgend einem aus der Gemeinde, der mit Sorgen des Leibes oder der Seele, was für den Arzt das gleiche ist, zu ihm kommt. Heute ist es sein langjähriger Freund, der Almojarife und Obersteuerwächter von Kastilien Isaak Jbu Jechiel, der mit uns, aufgeregt wie ein gescheuchtes Huhn mit den Armen um sich schlagend, in die halbdunkle Kammer Halevis flattert. Und wir können recht gut in eine der neun finster» Ecken der Stube gedrückt, dem Gespräch der beiden Freunde zuhören, das freilich in den gurgelnden fetten Gutturaltönen des Aramäischen, wie Heine es beschrieben hat, geführt wird und durch eine Übertragung in unser hartes Deutsch, viel von seiner Eigenheit und seinem Schmelz verliert. „Bruderleben! Freund! Gefährte! Vetter!" so sprudelt Jechiel wie draußen der Springbrunnen im viereckigen Hofe über. „So ist es wahr, du willst uns wirklich verlassen, mich, deine Brüder und Schwestern und deine ganze Sippschaft in Toledo. Bist du meschugge, wer heißt dich herauslaufen aus deiner ganzen Verwandtschaft und Freundschaft. Ueber fünfzig Jahre lebst du am Platze hier und hast dir ein Bett zurechtgemacht wie Joseph in Egypten, als der Pharao ihn erhöht hatte. Geachtet bist du als einer der besten Aerzte und bis Cordova horchen alle Kranken voller Hoffnung auf, wenn dein Name fällt, wie wir bei dem Worte „Messias"." Ernst und ruhig wendet Jehuda sein weißes Gesicht, das sein langer weißer Bart schier verdoppelt, dem aufgeregten Freunde zu. Seine Hände falten sich, alle irdische Quacksalberei vergessend, und er steht auf wie zum Gebet. „Isaak Jbu Jechiel!" beginnt er, „wußtet ihr nicht, daß mein Herz immer nach Jerusalem stand und zeigte, wie jene Magnetnadel auf dem Tisch dort ewig nach Norden weist. Ich habe mich mit der Eitelkeit der Heilkunde beschäftigt in den Stunden des Tages wie der Nacht, obgleich ich nicht zu helfen vermag. Die Stadt, in der ich lebe, ist groß und ihre Bewohner sind Riesen gegen mich und harte Herren. Ich kann sie nicht anders beschwichtigen, denn indem ich meine Tage mit der Heilung ihrer Krankheiten vergeude. Ich heile Babel, aber es bleibt immer sich. Darum flehe ich zu Gott, wie Hiob, daß er mir endlich die Erlösung sende und mir die Freiheit gewähre, meine Ruhe zu genießen und mich zu einem Orte lebendigen Wissens und zur Urquelle, von der alle unsere Weisheit herströmtzurückbringe." „Wie redest du, Jehuda!" unterbricht ihn der ungeduldige Freund und Finanzmann. „Sprichst du nicht von Jerusalem, als stände noch Davids Burg und Salomos Tempel in Zion auf dem Berge Morija mit Hallen und ehernen Säulen und Gitterwerk und den zween goldenen Cherubim! Sind nicht die ehernen Säulen zerbrochen worden und die Gestühle und das eherne Meer, das am Hause des Herrn war? Ist nicht das Gitterwerk und die heiligen Pfannen und Becken, was gülden und silbern war, umgeschmolzeu und ausgemünzt worden in Babel und Rom? Und weiden nicht heute die Schweine um die Trümmer des Tempels und hausen nicht die Türken, noch schmutziger als jene Tiere, in seinem spärlichen Schatten? Sieh doch aus dir heraus! Was schert dich unsere Vergangenheit außer am Sabbath und unseren Festtagen? Hier in Toledo, der Stadt, ist Neu-Jerusalem. Hier sind schon Brüder von uns hergeflüchtet, als noch Nebukadnezar und der große Artaxerxes Herren über die Heiden waren, deren Kopf auf keiner Münze mehr gilt. Du magst dich ruhig weitersehnen nach Jerusalem und der Zeit der Könige und Propheten und deine Zioniden, deine dreihundert Gesänge von Zion und seiner Herrlichkeit singen. Wir werden dir alle lauschen, so freudig, wie unsere Väter dem Triumphlied der Deborah, das die Seherin anstimmte nach dem Siege über die Kanaaniter." Und wie entzündet von dieser großen Erinnerung seines Volkes, fängt Jechiel an, die schönste Zionide des Freundes laut herzusagen: O Stadt der Welt, du, schön in hohem Prangen, Aus fernem Westen sieh mich nach dir bangen. Mit Adlerschwingen möcht ich zu dir eilen Und deinen Staub mit meinen feuchten Wangen Benetzen, ach! ich muß im Westen weilen. Zion! Der schönsten Schönheit höchster Schimmer, Der Liebe Seligkeit bewahrst du immer Im Herzen deiner Treu'n. In Ewigkeit Bleibt ihre Huldigung dir stets geweiht. Die Deinem Sturze weinen heiße Tränen In ferner Hift — dir gilt noch stets ihr Sehnen! Wenn sich ihr Knie vor Gott in Demut beugt. Nach deinen Toren ist ihr Haupt geneigt. Zerstoben und zerstreut, auf Bergen, Talen. Sie denken dein in Wonnen und in Qualen Bis zu dem Tag, da du dich neu belebst Und aus dem Schutt dein strahlend Haupt erhebst. Ein Zittern um das andere überrieselt die kleine Gestalt Jehudas mit dem großen edlen Kopf beim Anhören dieser seiner eigenen Verse. Zornglühend fährt er den von der Dichtung ergriffenen Freund an: „Und du vermeinst, ich sei einer von den Schwächlingen, die nachts bei dem Wachslicht ihre Seele nach Zion senden und tagsüber sich in Arabiens Joch nichts anmerken lassen, wie Zugvieh, das hier geboren ist, die anders dichten wie sie leben wollen. Glaubst du, ich hätte mein Genüge damit, schön in Versen zu seufzen und mein Herz vor euch allen ins Maul zu nehmen, wenn es mich nicht Tag für Tag gelüstet hätte, meine Sehnsucht zu erfüllen und die Stadt zu sehen, die ich besungen habe. Was schieren mich meine alten Gedichte vor dem Leben das vor mir liegt! Wer weiß, ob sie gut geraten sind mit ihrem Versmaß und ihren Reimen. Plundergeschirr, das wir den Mauren entliehen haben, und das ehemals kein Prophet noch Psalmist unserer herrlichsten Sprache angelegt hat!" Jechiel schnitt bei dieser Geringeinschätzung des Freundes ein Gesicht, als hätte jemand den Wert des Goldes anzuzweifeln gewagt. Aber unbekümmert darum fuhr Jehuda fort, in der Dämmerung zu sprechen: „Laß die D'chterlinge weiter hier im Westen die Sprache des Jesaja zu niedlichen Berschen benutzen. Gabirol und Jbn-Esra. die großen Sänger vor mir, sind tot. Des Sanges Quell ist Schlamm und Sumpf geworden. Daran mag meine Seele sich nicht laben. Wie soll der Leu noch Lust an Pfaden haben. Darauf sich tummeln niederer Tiere Horden. Nein! Was für ein kleiner Mensch wäre ich, wenn ich nur ein Dichter wäre, wenn ich mich nur sehnen und singen könnte, wie ein Vogel! Ich habe mir kein Nest gebaut und keine Brut aufgezogen, die mich tröste über das Alter. Weil ich in der Fremde, im Exil nicht heimisch werden wollte und nicht Wurzel schlagen mochte außerhalb des heiligen Landes.