Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021973--20651-3045702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Sette 749 "I! j iiTseti-i-z-. Lea^aaj^m&raxixm: ^rv..r--^r- Dr. Büchs WochGWeift Nr. 45 geb icht. Wenige Augenblicke nach der Internierung erschien in jeder der Zellen der verhafteten Judenmädchen ein Polizeikommissär und verübte an den Mädchen eine schändliche Gewalttat. Der Gewalttat ging ein bitterer Kampf voran, bei dem die Mädchen übel zugerichtet wurden. Man hatte in der Nacht aus dem Gebäude der Geheimpolizei markerschütternde Hilferufe vernommen, aber niemand hatte bei dem anrüchigen Ruf, den die Polizei in Kiew genießt, den Mut, nach den Ursachen der Hilferufe zu forschen. Die bestialischen Polizisten entließen am nächsten Tage die unglücklichen Mädchen, die sofort beim Staatsanwalt erschienen und die Anzeige erstatteten. Der Generalgouverneur Trepow hat selbst die Führung der Untersuchung in dieser Angelegenheit übernommen und sofort festgestellt, daß die Verhaftung der Judenmädchen allein ein Akt der Willkür war. Die Tragödie der zwei jüdischen Mädchen in Kiew erregt in der gesamten russischen Presse großes Aufsehen. Die Blätter ziehen aus der Gewalttat Schlüffe für die Unhaltbarkeit der Zustände im Lande und fordern energische Abhilfe. Auszeichnungen in Frankreich. Wie wir im französischen Amtsblatts, dem „Journal Officiel", lesen, wurden vorige Woche zahlreiche jüdische Kaufleute und Industrielle mit der Verleihung verschiedener Grade der Ehrenlegion ausgezeichnet. Unter den Ausgezeichneten befindet sich auch der Großindustrielle und Importeur Georges Julien Schwöb, der zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt wurde. Zu Offizieren der Ehrenlegion wurden der Fabrikant Gustave Caen in Croix und der volkswirtschaftliche Publizist Emile Schmoll in Paris ernannt. Ueberdies wurden 14 Kaufleute zu Chevaliers der Ehrenlegion ernannt. Eine patriotische Kundgebung der Jaffaer ottomanischen Judenschaft. Aus Jaffa wird der „N. I. K." berichtet: Auf Veranlassung des Herrn S. D. Levontin, Direktors der Anglo- Palefline Company,- fand in der hiesigen sephardischen Synagoge „Kehillath Jakob" am 15. Oktober d. I. ein Bittgottesdienst für das Wohlergehen des Sultans und den günstigen Ausgang des türkisch-italienischen Krieges statt. Der Kommandant der Jaffaer Garnison, Jzzet Bey, der Kaimakam, die Mitglieder des Komitees „Einheit und Fortschritt" und die Spitzen der Jaffaer Gesellschaft wohnten der Veranstaltung bei. Chacham Simon hielt eine hebräische, Dr. Moyal eine arabische und Herr Abravaya eine türkische Ansprache. Oberrabbiner Kuk richtete an die Versammelten den Appell, die vaterländischen Interessen auch durch Beisteuer zu den Kosten der Landesverteidigung zu fördern. Hierauf wurden in feierlicher Weise verschiedene Psalmen, sowie spezielle Gebete für die Wohlfahrt des Heeres und aller Bürger des ottomanischen Reiches vorgetragen. Die Oeffnung der heiligen Lade vollzog der Kommandant der Garnison. Dieser sprach zum Schluß der jüdischen Gemeinde den Dank der Heeresverwaltung aus und hob die musterhafte vaterländische Gesinnung ervor, die die ottomanische Judenheit zu allen Zeiten bekundet at. Er ermahnte die Angehörigen der verschiedenen Bekenntnisse zum gegenseitigen Einvernehmen und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe in diesen bewegten Zeitläuften. Die Börse in Alexandrien «nd die Juden. Aus Alexandrien wird geschrieben: Mit Rücksicht darauf, daß die Juden in Egypten, besonders in Alexandrien im egyptischen Handel und Finanzwesen eine bedeutende Rolle spielen, hat die Regierung beschloffen, fortan am Jomkippurtage nicht nur die Banken und die Börse, sondern sämtliche Regierungsanstalten geschloffen zu halten. Diese Verfügung war schon am verflossenen Jomkippurtage in Kraft. Der Abschluß einer arabisch-patriotischen Manifestation. Aus Safed wird dem jüdischen Blatte „Unser Bruder" in Jerusalem berichtet: Vorige Woche kamen große Arabergruppen aus den umliegenden Dörfern in Festgewändern mit Fahnen nach Safed, um dem Kaimakam 2000 Frank zu überreichen, welche sie unter sich als Kriegsfonds gesammelt hatten. Die feierliche Ueberreichung erfolgte unter großen patriotischen Kundgebungen. Nach Schluß des offiziellen Teiles veranstalteten die Araber einen Umzug durch die Stadt, wobei unter judenfeindlichen Rufen fast sämtlichen Juden — die Fensterscheiben zertrümmert wurden. Als Pendant hierzu sei erwähnt, daß am selben Abend die Vertreter aller jüdischen Kolelin in der großen Synagoge eine Beratung abhielten und beschloffen, für den Kriegsfonds eine Spende von 20.000 Frank aufzubringen. Raub jüdischer Mädchen in der Türkei. Die zwangsweise Bekehrung von Juden zum Jslamismus nimmt in der Türkei bereits Formen an, die die jüdischen Kreise in begreifliche Unruhe versetzen. Mit Außerachtlaffung aller gesetzlichen Vorschriften werden die Uebertritte ohne vorherige Verständigung des betreffenden Rabbinates vollzogen. Jüdische Mädchen und Frauen werden ihren Familien oder Dienstgebern entführt und oft unter Polizeiaffistenz zum Jslamismus „bekehrt". Der Herd dieser Gewaltbekehrungen scheint Adrianopel zu sein, wo die meisten Uebertritte vollzogen werden. Unterstützt wird diese Bewegung durch ein Gesetz, das als Ueberbleibsel des alten Regimes in die neue Aera herübergeschmuggelt wurde. Es ist dies das Gesetz, welches jedem Nichtmohammedaner, der zum Jslamismus Übertritt, vollständige Militärfreiheit sichert. Da nun die durch die Konstitution eingeführte allgemeine Militärpflicht, ohne ein Uebergangsstadium geschaffen zu haben, zahlreiche Ehemänner plötzlich zu Militärpflichtigen stempelte, flüchteten sich ganze jüdische Familien unter den Schutz deS erwähnten Gesetzes, wodurch verhütet wird, daß die Familie auf lange Zeit ihres Ernährers beraubt werde. So ist in letzter Zeit in Adrianopel eine große Anzahl jüdischer Ehepaare aus diesem Grunde zum Jslamismus übergetreten. Antisemitismus in Griechenland. Aus Lariffa wird berichtet: Ein jüdisches Mädchen, das seine Studien am Lehrerinnenseminar in Athen mit ausgezeichnetem Erfolge absolvierte, wurde zur Lehrerin an der staatlichen Mädchenschule in Volo ernannt. Als der Metropolit jüngst die Schule inspizierte, machte er der Schulleiterin heftige Vorwürfe darüber, daß sie es dulde, daß die Erziehung christlicher Kinder einer jüdischen Lehrerin anvertraut werde. Trotzdem die Oberlehrerin erklärte, daß die jüdische Lehrerin zu ihren besten und taktvollsten Lehrkräften gehöre, mußte diese schließlich ihren Abschied geben, ohne daß die Regierung sie an einer anderen Schule untergebracht hätte. Auch der Protest der Eltern der christlichen Schülerinnen in Volo, die ihre Lehrerin geradezu vergötterten, hat nichts geholfen, der Metropolit blieb Sieger. Eine Rede Niffelowitsch' in der Reichsduma. Vorigen Samstag wurde die russische Reichsduma wieder eröffnet. Sie begann mit der Behandlung einer Anfrage seitens der Oktobristeupartei betreffend die Ermordung Stolypins „durch den Juden Bagrow". Durch diese Art der Fragestellung sollte der ganzen Angelegenheit eine antisemitische Wendung gegeben werden. Der jüdische Abgeordnete Niffelowitsch ergriff auch das Wort, um zunächst seiner Verwunderung und seinem Bedauern Ausdruck darüber zu geben, daß gerade die Oktobristen mit Gutschkow an der Spitze diese Anfrage unterschrieben haben, dieselben Oktobristen, deren politischer Geburtstag die Verkündigung des Oktobermanifestes ist. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen erklärt Niffelowitsch, daß Bagrow nicht der Vertreter des jüdischen Volkes ist. Die jüdische Bevölkerung hat mit den Geschehnissen in Kiew nichts gemein. Anstatt solche antisemitische Anfragen zu stellen, wäre es viel vernünftiger und gerechter, jener Politik zu entsagen, die in nichts anderem als in Judenverfolgungen besteht. Dann wird man den Juden keine Moralpredigen zu halten brauchen, denn die Juden wissen ganz gut, daß sie mit jener russischen Bevölkerung Hand in Hand gehen muffen, welche das wirkliche, aber nicht das vermeintliche Heil Rußlands wünscht. Was die Geheimpolizei und das Spitzeltum I t r : 1! . h }’•!'!