Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Rr. 45 Seite 748 Dr. Bkochs WochMchrist Bund -er israelitische» Religionslehrer Oesterreichs. Am 2. d. M. fand im großen Saale der Restauration „Guth" die konstituierende Generalversammlung des österreichischen israelitischen LehrerbundeS statt, die sehr zahlreich besucht war. Fast sämtliche Religionslehrer aller Kategorien in Wien waren anwesend. Der Borfitzende, Religionslehrer Wilhelm Breuer, begrüßte die Anwesenden: Wir bemerkten Kultusvorsteher Dr. Heinrich Schreiber, die Rabbiner Dr. D. F e u ch t w a n g, Dr. I. T a g l i ch t, Dr. A. K a m i n k a, Oberlehrer R obitschek,(Lundenburg)Werdesheim(Stockerau), Steiner (Klosterneuburg), Moses (Neunkirchen), Jnfeld, (Baden), Jellinek, (Oberhollabrunn), Fried (Purgstall), Le mb er g e r, (Schlöglmühl). Entschuldigungen sandten: I. Vize-Präfident Dr. Gustav K o h u, der demVereinewärmsteSympathien entgegenbringt und versichert, die statutarischen Zwecke des Bundes fördern zu wollen; Rabbiner Dr. M. G r u n w a l d, Dr. A. A b e l e s, Dr. M. Roseumann, Dr. L. Reich, Dr. Frankl- Grün, Jnsp. Julius Braun. Rabbiner Dr. L. Hirsch telegraphierte namens des Verbandes der israelitischen Religionslehrer der Mittelschulen Böhmens : „Kollegialen Gruß und Glückwunsch zur Konstituierung". Zustimmungskundgebungen liefen ein von Rabbiner Dr. Unger (Jglau), Dr. A b e l e s, (ALkov), Dr. G l a u b e r (Hostovec), I. K a tz (Selean), Dr. A. Rosenzweig (Aussig), Dr. Spitzer (Franzensbad), Oberlehrer Springer, Obmann des israelischen Landeslehrervereines Böhmens. Der Vorsitzende berichtet sodann über die Tätigkeit des vorbereitenden Komitees, verweist auf die bereits versendeten von der k. k. Statthalterei genehmigten Statuten und teilt mit, daß der Bund schon jetzt mehr als 300 Mitglieder zähle. Die Statuten werden widerspruchslos angenommen. Hierauf bespricht Redner die verschiedenen Programmpunkte des Bundes: Herstellung geordneter Rechtsverhältnisse des Religionslehrerstandes, die Hebung seines Ansehens nach Außen, die Bestrebungen der Interessen des Standes. Er schildert sodann die desolaten Zustände der Rechtsverhältnisse und die traurige Lage der Landlehrer. Der Bund, meint Redner in seinen weiteren Ausführungen, muß erziehliche Tätigkeit nach innen und nach außen entwickeln, muß Selbstbewußtsein und Mannhaftigkeit kräftigen. Die Lehrer müssen aufrecht stehen, sich nicht bücken und doch alles vermeiden, was zu Angriffen Anlaß gibt. Der Bund muß einen Wald- und Wiesengürtel um seine Mitglieder ziehen zum Schutze von moralischen und sozialen Devastierungen. Auf solchem Wege kann der Bund neue Kriterien für den Stand bewirken und neue Imperative mit Aussicht auf Erfolg schaffen: Die Hebung der sozialen Stellung und nicht zuletzt die materielle Befferstellung. Der oberste Grundsatz des Bundes ist die Friedfertigkeit, jeder strittige Punkt soll gütlich gelöst werden. Werde» jedoch gerechte Forderungen nicht bewilligt, so muß der Bund zur Offensive greifen, muß energisch eiutreten für die Rechte der Lehrerschaft und wenn wir auch mit allen Kräften kämpfen wollen für Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit, so darf dieser Kampf nie gegen Personen, nur gegen verfehlte Systeme geführt werden. Der Redner schloß: Halten wir an diesen Prinzipien fest, pflegen wir unter allen Umständen Eintracht und Einigkeit, dann ist der Sieg uns sicher. (Langanhaltender, nicht endenwollender Beifall lohnte die geistreichen Ausführungen des Redners. Lehrer Schulhof, referierte hierauf über die Gründung eines Vereinsorganes. Er weist vor allem nach, daß eine Vereiuszeitung eine unbedingte Notwendigkeit sei; erörtert sodann in erschöpfender Weise den Zweck des Blattes und entwirft einen genauen Plan, wie das Blatt gemacht sein müsse. Es soll eine Mouatschrist sein, mindestens einen Bogen stark in Quartformat und als Beilage ein Familienblatt und eine Kinderzeitschrift erhalten. Schließlich macht er Vorschläge, auf welche Weise die. Kosten des Blattes gedeckt werden könnten. Die Anträge des Referenten werden einstimmig zum Beschluffe erhoben und der neugewählte Vereinsvorstand beauftragt, die nötigen Vorarbeiten zur Gründung des Blattes mit aller Beschleunigung durchzuführen. In der Diskussion, die sich an das Referat knüpfte, ergriff als erster Redner Rabbiner Doktor D. F e u ch t w a n g das Wort. Redner verlangt, daß das fachwissenschaftliche Moment in den Vordergrund treten müsse. Die Fortbildung und Vervollkommnung kann und muß das Ansehen der Lehrer heben. Ebenso wichtig ist das religiöse Leben des Lehrers. In welchem Teile unseres weiten Reiches, in welchem Lager sie auch stehen, sie müssen sich jederzeit und allerwärts um die Fahne der Thora scharen. Entspricht das Leben des Lehrers nicht den Vorschriften der Thora, dann hilft auch der Unterricht nicht. So wirkt das religiöse Leben des Lehrers vorbildlich — es ist ein wichtiger Kulturfaktor. Anderseits ruft man aber auch dem Lehrer zu : „Gib mir Deine Seele!", aber um die materielle Besserstellung kümmert man sich nicht. Die Verbesserung der rechtlichen Stellung kann die Lehrerschaft durch Selbstzucht, durch erhöhtes, sittliches Bildungsniveau erlangen. Der Stand braucht „Männer", die „Brüder" find. (Großer, anhaltender Beifall folgte den trefflichen Ausführungen des Redners.) Hierauf ergriff Vorstandsmitglied Dr. H. Schreiber das Wort. Redner beglückwünscht die Lehrer zu ihrer Organisation. Auch den Lehrern gebührt ein Platz an der Sonne. Auch bei dem Lehrerstande gilt das Wort: „Hilf dir selbst, dann wird dir auch die Kultusgemeinde helfen." Dabei ist es aber ratsam, daß die Lehrer ideale Bestrebungen zeigen, daß ihre Interessen parallel gehen mit den idealen Interessen ihres Standes. Die Gemeinde steht vor der Lösung großer Aufgaben und da ist es notwendig, daß sich Gemeinde und Lehrer gegenseitig verständigen. Die Gemeinde rechnet auf die Lehrer und der Vorstand bringt der Lehrerschaft nicht nur Wertschätzung entgegen, er bringt auch deren Bestrebungen wärmstes Interesse entgegen. Nicht endenwolleyper Beifall folgte der meisterhaften Rede, .die. voll Schwung uni) Fmer die Zuhörer mitriß. Als dritter Redner trat Professor Dr. A. Weiß auf die Tribüne. Er spricht sein Bedauern aus über die so oft wechselnden Lehrpläne, die ohne, ja gegen die Ansichten der Lehrer erfolgen, und spricht sich in beredten Worten für intensive wirtschaftliche Bestrebungen aus. Schließlich werden die Wahlen vorgenommen. Es erscheinen mit Stimmeneinhelligkeit gewählt: Dr. D. Fe u ch tw a n g, Obmann; Wilhelm Breuer und Dr. Heinrich Pollak, Obmann-Stellvertreter; Dr. Moritz Rosen selb, Kassier; Isidor F a l t i t s ch e k und Hermann Ascher, Schriftführer; M. A n t s ch e r l und D. S t e i n b a ch, Revisoren, Wien; Dr. L. Hirsch, Prag, I. Kappelmacher, Jakob Kohn, S. Kulka, D. Löwit, Leop. Schulhof, M. Stengel, N. Vogel, Dr. A. Weiß, L. Wiesner, Wien; Dr. A. Abeles, Zizkov, Dr. A. Biach, Brüx, I. Gutmann, Teschen, I. Jnfeld, Baden, Dr. B. O p P e n h e i m, Teschen, Vorstandsmitglieder. Nachdem noch der Jahresbeitrag mit 4 K jährlich festgesetzt wurde, schließt der Vorsitzende mit herzlichen Dankesworten um y2ll Uhr nachts die Versammlung. Sch. Tragödie jüdischer Mädchen in Kiew. Aus Petersburg wird geschrieben: Die Blätter enthalten einen Bericht aus Kiew, der die ganze Trostlosigkeit der Lage der Juden, aber auch die schrecklichen Zustände bei der Polizei in Rußland erschütternd illustriert. Auf die Juden in Kiew werden bekanntlich zur Nachtzeit polizeiliche Jagden veranstaltet, um Juden, die kein Wohnrecht in Kiew besitzen, zu verhaften und per Schub auszuweisen. Vor wenigen Tagen wurden bei einer solchen Menschenjagd um drei Uhr nachts im Hause Nr. 27 in der Wallgasse in Kiew zwei jüdische Mädchen, Chaje Singermann und Sarah Tschernjawski, die kein Wohnrecht in Kiew hatten, verhaftet und auf die Geheimpolizei gebracht. Dort wurde jedes Mädchen in einer Einzelzelle unter-