Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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?fc. 'EzüMftfcu.«u*. Är. 45 Dr. WoWs teilen und Schlußfolgerungen hindurch, deren Sätze wegen der humorvoll gewählten einfachen Beispiele des komischen Reizes, nicht entbehrten, führt Sombart an der sichern Leine der Induktion zur Anerkennung der Berechtigung eines gewissen „Typs" Wie des Engländers, des Offiziers, des Juden. Auf Grund dessen ist Sömbart zur Feststellung ganz bestimmter jüdischer Eigenarten gekommen. Nun kann sich noch Zweifel erheben, welcher Art denn diese Eigenschaften sind, beruhen sie auf Uebung, Anlage oder stecken sie vererbbar im Blute? Ein sicherer Beweis läßt sich nicht durchführen. Der Redner hält aber s-ine Hypothese der Vererbung dieser spezifisch jüdischen Eigenart für recht wahr-, scheinlich. Das bis zu den letzten Folgerungen und bis zur. gründlichen Erschöpfung, aller denkbaren Möglichkeiten fortschreitende Verstandesmäßige seines Vortrags mußte die gespannteste Aufmerksamkeit erwecken und die unwillkürlich mitgezogenen Zuhörer mit unfehlbarer Sicherheit überzeugen. Sonst war die Rede zwar gesetzt und streng abgewogen,, aber schlicht und einfach, wie der Gelehrte selbst. Der höchste jüdische Friedhof. Aus Budapest wird uns geschrieben: Der höchst gelegene hauptstädtische Friedhof ist der Neustister, welcher seit dem Jahre 1881 aufgelassen ist und wo im Aufträge der Ofner israelitischen Kultusgemeinde, zu deren Sprengel dieser Gottesacker gehört, derzeit Exhumierungen vorgenommen werden. Der Friedhof, in welchem seit 30 Jahren nicht begraben wurde, wird im kommenden Jahre dem Boden gleich gemacht und die Gebeine der dort befindlichen 6000 Leichen werden, insoferne die Hinterbliebenen nicht für die Neubestattung Sorge tragen, im Farkasreter Friedhofe in einem gemeinsamen Grabe beigesetzt werden. Der Neustifter Friedhof befindet sich auf dem Plateau des Mathiasberges, welcher fast so hoch ist wie der Blocksberg. Die Zufahrt war stets eine beschwerliche. Und seinerzeit kam es oft vor, daß ein Schneesturm den Leichenwagen umkippte und die Leidtragenden veritable touristische Uebungen machen mußten, bis sie die Bergspitze zu erklimmen vermochten. Der Neustifter Friedhof wurde im Jahre 1831 angelegt, und seinerzeit hatte die Ofner Gemeinde für das 1450 Quadratklafter umfassende Territorium 150 Gulden entrichtet. Die Angehörigen der Ofner israelitischen Gemeinde wurden bis dahin im Altofner Friedhose bestattet. Als aber in jenem Jahre auf der Ofner Seite die -Cholera wütete und zwischen der Gemarkung Altofen und der übrigen Ofner Bezirke eine Quarantaine errichtet wurde, sah sich die Ofner Gemeinde genötigt, für einen eigenen Friedhof Sorge zu tragen. Sie kam bald in die Lage, sich für die Gastfreundschaft der Altofner zu revanchieren, als im Jahre 1838 anläßlich der großen Ueberschwemmung der Altofner Friedhof vollständig innundiert wurde. Als das Wasser dort drei Meter hoch stand, ließen die Altosner ihre Toten bei den Ofnern bestatten. Der Neustifter Friedhof füllte sich rasch. Es waren in seinem Sprengel die Landesirrenanstalten und mehrere andere Spitäler entstanden, und die aus der Provinz zugereisten Juden, welche dort gestorben waren, fanden durchwegs im Neustifter Friedhofe die letzte Ruhestätte. Der Friedhof war nach 50jährigem Bestände derart überfüllt, daß weitere Beisetzungen nicht mehr möglich waren. Die Ofner Gemeinde legte in der Wafserstadt ^inen neuen Friedhof an, welcher aber ebenfalls bald überfüllt wurde, weshalb die Gemeinde einen neuen Friedhof im Wolfsgraben (Farkasret) errichten mußte. Im Neustifter Friedhofe sind beiläufig 6000 Personen begraben. Angehörige vieler jüdischer Familien, deren Nachkommen gesellschaftlich gut gestellt find, so die Vorfahren der Familien Wahrmann, Kohner, Manfred und Berthold Weiß. Dort ruhen der Höfarzt Dr. Loeblin und andere. Bisher wurden im Ganzen 50 Exhumierungen vorgenommen und die Allermeisten, deren Nachkommen verschollen find, werden in einem mommm ™ Massengrab unter einem gemeinsamen Stein eine neue Ruhestätte finden. Der Termin für die Exhumierungen läuft im Frühjahre des kommenden Jahres ab. Der aufgelassene Friedhof wird als Steinbruch ausgenützt werden. Die Ofner israelitische Gemeinde, bekanntlich die älteste im Lande, deren Geschichte mit der der ungarischen Nation enge verknüpft ist, mußte ebensosehr wie die Ungarn unter der Invasion der Türkenherrfchaft leiden. Im fünfzehnten Jahrhundert zur Zeit König Sigismund zählte diese Gemeinde fast 20.000 Seelen. Sie besaß ihren Gottesacker im gegenwärtigen Horvathgarten, wo auch seinerzeit der Schöpfer des Tripartitum Werboeczy eine Provisorische Ruhestätte gefunden hatte. Als Werboeczy starb, befürchteten seine Angehörigen, daß an seinen Gebeinen teils die Katholiken, mit welchen bekanntlich dieser protestantische Geschichtsforscher in Fehde stand, und auch die Türken Rache nehmen werden, und deshalb wurden die Gebeine im Geheimen im israelitischen Friedhofe, wo, wie man richtig annahm, sie ihn sicherlich nicht suchen werden, provisorisch begraben. Als ein Jahrhundert später friedlichere Zeiten eintraten, wurden die irdischen Reste Werboeczy's in christlicher Erde bestattet. Zur Zeit der Gegenreformation, als - die katholischen Herrscher nicht allein an den ketzerischen Protestanten sondern auch wie immer bei den Religionsfehden an den Juden blutige Rache nahmen, verfiel auch der damalige Ofner jüdische Friedhof dem Vandalismus der Herrschenden. Die historischen Steine wurden dem Erdreiche entriffen und bei Profanbauten als gewöhnliches Baumaterial verwendet. Deshalb kommt es, daß man in den letzten Jahrzehnten bei Neubauten in den Ofner Bezirken, so zuletzt bei der Demolierung eines Hauses auf dem Albrechtsweg, seinerzeit bei dem Baue des Ofner Tunnels altjüdische Grabsteine fand, welche bei den Fundamenten als Stützfieine dienten. Auch bei den Renovierungsarbeiten der Mathiaskirche in Ofen, welche bekanntlich zur Zeit der Türkenherrschaft ganz verwüstet und später vollkommen umgebaut wurde, stieß man vor einigen Jahren auf jüdische Grabsteine, welche aus dem alten Ofner jüdischen Friedhof stammten. Diese Grabsteine sprechen dafür, wie mächtig und blühend seinerzeit die älteste jüdische Gemeinde Ungarns gewesen ist. Es sind nicht allein Denkmäler kleiner jüdischer Existenzen, sondern hervorragender Juden, welche trotz der Unterdrückung, unter welcher Angehörige des Judentums Jahrhunderte lang schmachteten, als Hofjuden und Geschästsjuden christlicher Würdenträger im hohen Ansehen standen. Die Ofner Gemeinde ging vor hundert Jahren dem Verfalle entgegen, als der damalige Palatin Josef für Ofen keine jüdische Niederlaffung gestattete und deshalb die Juden genötigt waren, nach Altofen zu überfiedeln, wo ein halbes Jahrhundert hindurch ihre Toten begraben wurden. Santo Semo Bey über eine jüdische Kolonisation in Mesopotamien. Der türkische Regierungsingenieur Santo Semo Bey, ein Jude, der sich gegenwärtig auf einer Vortragstouruee durch Europa befindet, hat in Budapest, wo er gleichfalls mehrere Vorträge hielt, sich auch über die jüdische Kolonisation in der Türkei ausgesprochen. Die türkische Regierung fördere seiner Ueberzeugung nach jede rationelle Kolonisation von Juden im türkischen Reiche, wo die Juden vollständige Gleichberechtigung genießen. Die europäische Judenschaft sollte es in die Hand nehmen, das Tempo der. systematischen Kolonisation von Juden in allen Teilen der Türkei zu beschleunigen; mit besonderer Wärme trat Santo Semo Bey, der vor einigen Jahren an der staatlichen Studienexpedition nach Mesopotamien als Ingenieur teilgenommen hatte, für eine jüdische Kolonisation in Mesopotamien ein, welchem Lande er eine große Zukunft prognostizierte. Die türkische Regierung würde seiner Kenntnis nach eine größere Einwanderung nach Mesopotamien mit allen Mitteln unterstützen.