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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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746 Dr. Bwjchs WochMchrift Nr. 45 Vom Jahrmarkt des Lebens. Hungernde, jüdische Schulkinder. Geehrte Redaktion! Gestatten Sie, daß wir nochmals das Wort nehmen. In der letzten Nummer Ihres sehr geschätzten Blattes hat es Herr Lehrer Schulhof für nötig gesunden, in allzu temperamentvoller Weise Anwürfe gegen den Elternverein „Pestalozzi" zu erheben, hat es aber nicht der Mühe wert ge hallen, seine Informationen auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Vor allem müssen wir die Anschuldigung, die Würstel seien nicht koscher, mit größter Entschiedenheit und Entrüstung zurückveisen. Es gehört sehr viel dazu, eine derart schwere Beschuldigung gegen einen jüdischen Verein zu erheben. Herr Lehrer Schulhof hätte wissen sollen, daß die Würstel von Frau Marie Piovati gespendet werden, also koscher (?) sind. Ueberdies schickt uns die Talmud Thora-Schule, die doch gewiß auf strenge Befolgung der Religion hält, seit Jahren mehrere Kinder. Herr Lehrer Schulhof behauptet ferner, er habe keinen Brief erhalten. Die Briefe wurden aber an die Schuldiener gegen Unterschrift übergeben; nebst anderen haben wir auch die von der Schule in der Novaragasse, an der Herr Lehrer Schulhof unterrichtet, in Händen. Weiters wird erwähnt, .,ein Kind habe zwei Stunden bis 5 Uhr warten müssen". Nun das gebe ich ohneweiters zu, ja, ich gehe sogar noch weiter und behaupte, es mußte bis halb 6 Uhr warten. Die Würstelverteilung findet nämlich täglich um halb 6 Uhr statt. Kommt ein Kind früher, haben wir nichts dagegen, es in unserer Wohnung warten zu lassen, die Würstel können wir ihm aber nicht früher geben, da wir sie selbst erst nach 5 Uhr holen lassen können. Die Verteilung selbst dauert nur fünf Minuten, so hat es jedes Kind in seiner Macht, die Wartezeit abzukürzen. Nun weiter zu den Irrfahrten des Herrn Lehrers Schulhof! Die Behauptung nämlich, daß die Würstel am Sabbath gekocht werden, zeugt von einiger Unkenntnis. Die Würstel werden ja roh verteilt. Ueberdies ist im Gesuchsbogen eine Rubrik: „An welchem Tag wäre das Kind verhindert, die Würstel zu holen?" Hier vorgebrachte Bitten werden selbstverständlich berücksichtigt. Dann heißt es, die Kinder könnten den weiten Weg nicht machen. Vor allem handelt es sich niemals um 1 Paar Würstel, denn die kleinste Portion beträgt 2 Paar, kann sich aber je nach Anzahl der Geschwister bis auf 8 Paar erhöhen. Wenn es trotzdem einigen nicht dafür steht, muß die Not nicht so groß sein. Unendlich dankbar sind wir Herrn Lehrer Schulhof für seine Ratschläge. Er vergißt nur: wenn wir uns an die Herren Lehrer gewandt haben, so geschah es nicht aus Not an bedürftigen Kindern, sondern weil wir ein Zusammenarbeiten von Schule und Verein anstrebten. Denn Kinder haben sich auch so schon weit über die Anzahl der Freiplätze gemeldet. Aus alldem wird Herr Lehrer Schulhof ersehen, wie zuverlässig seine Informationen, sind. Immerhin hat uns seine Versicherung, die Herren Religionslehrer ständen nicht abseits, sehr gefreut. Hoffentlich werden sie es bald beweisen. Uns wäre es ein Vergnügen, wenn die Herren Lehrer so liebenswürdig wären, einer Würstelverteilung (an Wochentagen zwischen 1/i und 1/a6 Uhr abends) beizuwöhnen. Dann würden sie sich ein richtiges Urteil bilden können! Für die Aufnahme dieser Zeilen bestens dankend, mit vorzüglicher Hochachtung Rudolfine Koch Leiterin der Sektion Verköstigung des Elternvere-ines „Pestalozzi" II., Große Schiffgaffe 21. Zur Wohnungsfürsorge. Geehrte Redaktion. In Nr. 44 Ihres geschätzten Blattes bringen Sie eine sehr interessante Aufstellung jüdischer Anstalten und Stiftungen für Wohnungsfürsorge. Leider findet sich in derselben weder Wien, noch eine sonstige österreichische Kultusgemeinde vertreten. Das Bedauern ist umso größer, als nicht das Fehlen derartiger Einrichtungen, sondern nur die Unkenntnis von deren Bestand diese Lücke verursacht hat. Ich erlaube mir zur Ergänzung derselben die mir bekannten Daten mitzuteilen, welche auf Vollständigkeit naturgemäß keinen Anspruch machen können, weil eine offizielle Publikation nach Art des vom israelitischen Gemeindebunde für Deutschland herausgegebenen Jahrbuches für Oesterreich gar nicht existiert. In Wien besteht ein Fanny I eitel es 's che s Pfründnerhaus III. Steingasse, in welchem sich neun Pfründnerwohnungen befinden. Sieben Wohnungen sind von Familien (Witwen mit Kindern), ein Zimmer von einer Witwe und ein Zimmer gemeinschaftlich von 2 Frauen bewohnt. Ferner stehen in Verwaltung der Wiener Kultusgemeinde die Josef und Cäcilie Adler'scheStiftung f ü r Z i n s b eiträge' im Kapitalsbetrage von K 12.000 (bei Verleihung werden Witwen, alleinstehende Frauen und Mädchen, sowie Lehrpersonen bevorzugt) und die E l i s a b e t h U n g a r' s ch e St i ftung für Wohnungsmiete im Kapitalsbetrage von K 10.000. Ein eigener Verein, welcher sich mit diesem Zweige der Wohlfahrtspflege befaßt, existiert meines Wissens in Wien nicht. In Prag besteht seit 40 Jahren ein eigener Z i n sbeitragverein, über dessen Vermögen und Wirksamkeit mir jedoch nichts bekannt ist. Vielleicht bieten diese Zeilen Anlaß zur Ergänzung dieser gewiß mangelhaften Aufstellung von kompetenter Seite. Hochachtungsvoll B &1> e rt, 5. November 1911. Alfred Berg e r. Professor Sombart über die Juden. Im Jugendverein Gabriel Rießer hielt Professor Sombart einen Vortrag über „Die Juden und das Wirtschaftsleben". Die Juden — so führte der Redner nach der „Köln. Ztg." aus — haben einen wesentlichen Anteil an der Begründung des Kapitalismus durch ihren Einfluß auf die Kommerzialisierung aller Betriebe und die Belebung des wirtschaftlichen Geistes (freie Konkurrenz). Das bestreitet niemand. Verwickelter ist die Antwort auf die Frage: Was hat sie zu dieser Leistung befähigt? Waren objektive Umstände dabei ausschlaggebend oder innere Anlagen der Rasse? Nehmen wir keine jüdische Eigenart der Befähigung an, dann können es nur äußere Vorteile gewesen sein, wie das Zerstreutsein über die Welt, die Fremdheit, das Halbbürgertum sowie der Umstand, daß es im Verhältnis zur andern Bevölkerung überall viele, besonders reiche Juden gegeben hat und gibt. (In Berlin bringen die Juden, die nur 5 Prozent der Einwohner ausmachen, 31 Prozent der Steuern auf.) Aber diese objektiven Umstände, die die hervorragende Teilnahme der Juden am Wirtschaftsleben bewirkt haben könnten, reichen allein nicht aus zur restlosen Erklärung der Tatsache; denn diese. Lebenslagen setzten bestimmt qualifizierte Menschen voraus; z. B. ein Fremder wird unter andern Menschen nicht deshalb reich, weil er fremd ist, sondern nur dann, wenn er besonders befähigt ist; oder für zersteut lebende Leute muß etwas anderes als die örtliche Trennung das Bindemittel sein für festes Zusammenhalten, in unserem Fall die Religion. Oder Vermögen allein reicht nicht aus zum Vorwärtskommen,, es gesellt sich dazu das Geschick, es richtig und nutzbringend zu verwerten. . Wir sehen also, daß diese objektiven Umstände selbst durch irgend etwas außer ihnen Liegendes bewirkt worden sind, durch die subjektive Veranlagung. Durch eine lange, aber klare Reihe von Ur-

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