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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 746 t..^ns«!'«E'. wsftr^ub.^ Nr. 46 Dr. Mochs WvchMWft Programm der preußischen Konservativen geschaffen hat, daß Marx in seinem „Kapital" etwas Aehnliches für den Sozialismus getan hat. Selbst der Antisemitismus gibt sich in Deutschland als Sache der Weltanschauung. Eine weitere Wahlverwandtschaft zwischen dem deutschen und dem jüdischen Geiste besteht in der Fähigkeit der Einfühlung in fremde Volksgeister. (Romantik, Weltliteratur, Uebersetzungsliteratur.) Ohne diese innere Wahlverwandtschaft wäre es unbegreiflich, daß gerade die innigsten deutschen Volkslieder ihre kongenialsten Vertoner in Felix Mendelssohn, in Arnhold Mendelssohn und Gustav Mahler gefunden haben, daß gerade Heinesche Gedichte in so reichem Maße von Schubert und Schumann in den deutschen Liederschatz übergeführt worden sind. Daß Politiker wie Rießner, Simson, Lasker eine führende Rolle gespielt haben, daß antisemitische Blätter jüdische Schriftsteller als echte Germanen feiern, wenn diese Schriftsteller zufällig deutschklingende Namen haben. Redner geht dann aus sein eigentliches Thema über und formuliert isie erste Grundfrage: Was haben die Juden an Substanz bildenden Kräften dem deutschen Geistesleben zugeführt? Um das zu entscheiden, muß man auf die verschiedenen Bildungsepochen des deutschen Geisteslebens entgehen. Die erste Bildungsepoche, die mit Luther einsetzt, ist die theologische. Für diese theologische Epoche bildet die Bibel in der Uebersetzung Luthers die Grundlage. Sie ist das gemeinsame Bildungs mittel aller Stände, ist Autorität und Norm, ist die belebende Atmosphäre und der dichterische Stoff, ist soziales und politisches Ferment, ist bis zu Goethe und weiter hinaus Wegweiser der Erziehung. Herder hat dann am Ende des 18. Jahrhunderts die Bibel aus den Händen der Theologen für die Literatur gerettet, sie ist den deutschen Geisteshelden unserer klassischen Zeit ein Teil ihres Wesens geworden. Mit der Aufklärung, die das theologische Zeitalter ablöst, treten nun direkt die Juden gebend und nehmend in die deutsche geistige Bewegung ein. In Mendelssohn „dem edelsten Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie" (Zeller) kommt das beste dieser Zeit zum Ausdruck. Er ist der erste, der philosophische Gedanken in deutscher Sprache rein und mustergültig entwickelt hat. Als dann Kant die Aufklärung innerlich überwunden hatte, da waren es wiederum Juden, die seine ersten Verkünder, Freunde und Anhänger waren. (Markus Hertz, Friedländer, Ben David). Salomon Maimon wird von Kant selbst als der verständnisvollste und bedeutendste seiner Kritiker bezeichnet. Er hat die Entwicklung zu Fichte vorbereitet. Damals war, wie Schleiermacher einmal bemerkt, jeder fünfte jüdische Familienvater Kantianer. Und die Wiederherstellung Kantischer Gedanken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdanken wir in erster Linie einem Hermann Cohen. Diese lebendige Teilnahme der Juden an dem Kantianismus ist nichts Zufälliges. Sie beruht auf der innersten Verwandtschaft des Kantischen Geistes, - der Kantischen Welthaltung mit dem Geiste des Judentums, mit dem ethischen Siritualismus des Alten Testamentes. Auch die nächste Epoche der deutschen Bildung, die Romantik und der spekulative Idealismus eines Fichte, Schelling und Hegel steht unter dem stärksten Einfluß eines jüdischen Geistes, Spinoza. — Wie die Bibel, so gehört auch Spinoza zu den Substanzen des deutschen Geistes. Wir erleben heute Spinoza ä travers Goethe. Wenn auch der Hegelianismus zusammenbrach, so blieb doch der philosophische Geist als das spezifisch Deutsche der Geisteswissenschaften wirksam und lebendig. Die Sprachwissenschaften, Rechts- und Staatswissenschaften gestalteten sich nach systematischen und spekulativen Gesichtspunkten. In hohem Maße haben die Juden, und zwar Persönlichkeiten von beherrschender Geistigkeit die philosophische Tradition des deutschen Geistes in die Wissenschaft mit übergeführt und zum Teil neue Wissenschaften begründet. Ich erinnere an die Begründung der Philologie, des mittelalterlichen Lateins durch Ludwig Traube, an die Grundlegung der.Völkerphysiologie durch .Steinthal und Lazarus, an Philologen von dem Range eines Jacob und eines Michael Bernays, an die Begründung der Affyriologie durch Gustav Oppert, an die Begründung der vergleichenden Mythenforschung durch Theodor Benfey usw. Damit ist aber die Bedeutung der Juden für das deutsche Geistesleben noch nicht erschöpft. Die Juden bilden auch Zirkulationsorgane des deutschen Geisteslebens. Der Redner zeigte dann die Unhaltbarkeit der Vorwürfe, die mau den Juden hinsichtlich ihres Mangels an Verecundia und hinsichtlich der sogenannten destruktiven Tendenzen macht. Juden sind es stets gewesen, die zuerst Verständnis hatten für die deutschen Geistesgrößen und die dieses Verständnis zu verbreiten suchten. Asher und Frauenstadt haben zu Schopenhauer gehalten, als sich noch niemand um ihn kümmerte. Lange bevor Serologen der deutschen Literaturgeschichte wie Bartols, einen Hebbel in den Vordergrund gerückt haben, hat der Jude Kuh eine begeisterte Monographie über ihn geschrieben, hat Auerbach Otto Ludwig verherrlicht und als einer der ersten die dichterische Kraft Gottfried Kellers erkannt, hat Mauthner für die Anerkennung Anzengrubers gestritten, ist ein Daniel Sanders für die Reinheit der deutschen Sprache eingetreten. Juden waren es, die Richard Wagner gestützt und zur Anerkennung geholfen haben. Bernays war es, der zuerst den Gedanken einer Goethe-Gesellschaft als nationale Pflicht erkannte, und Bielschowsky hat uns die wertvollste und auch am meisten gelesene Biographie Goethes geschenkt. Juden halten noch heute an der deutschen Bewertung geistiger Kraft fest, und es ist oft ausgesprochen worden, wie viel die deutsche Künstler- und Gelehrtenwelt den Juden als Publikum und Mäcenen verdanken. Aus alledem ergibt sich, daß Deutschtum und Judentum sich nicht wie etwas Fremdes gegenüberstehen, daß die deutschen Juden und ihre nicht-jüdischen Mitbürger in allen großen Bildungsepochen in innigster geistiger Wechselwirkung miteinander gestanden haben. Nicht durch Zufall, sondern dem Geist, dem Wesen, dem Schicksal nach sind die deutschen Juden Deutsche. Am Schluß der Versammlung wurde folgende Resolution angenommen: „Der Verband der deutschen Juden erhebt erneut dagegen Einspruch, daß die den deutschen Juden verfassungsgemäß gewährleistete Gleichberechtigung in wesentlichen Punkten durch die Verwaltung in ihr Gegenteil verkehrt wird. So werden jüdische Beamte in den staatlichen Verwaltungen und an den Universitäten zurückgesetzt, Juden von der Stelle eines Offiziers und Reserveoffiziers ausgeschlossen. Auch erfolgt durch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels. Ausländische Juden werden, nur weil sie Juden sind, bei Gewährung des Aufenthaltsrechtes und der Naturalisation schlechter gestellt als andere Ausländer. Der Verband erwartet von allen rechtlich denkenden Mitbürgern Unterstützung im Kampfe um das Recht, der zugleich ein Kampf ist für das Gedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allem fordert der Verband die deutschen Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Beseitigung des Unrechts auf, zu voller Einmütigkeit und Disziplin in den Abwehrbestrebungen und zu energischer Betätigung im politischen Kampfe für die Gleichberechtigung." Am Abend des Sonntags fand die große Tagung einen freundlichen Abschluß durch ein glänzendes Festmahl, das die Gemeinde Berlin den Delegierten gab. In den neuerbauten Sälen des Brüdervereins in der Kurfürsteustraße fand um halb 7 Uhr an prachtvoll dekorierten Tafeln ein Festessen statt, an dem über 400 Personen teilnahmen. Von den zahlreichen Trinksprüchen, die ausgebracht wurden, sei die Ansprache des Herrn Sanitätsrat Stern erwähnt, der ein Kaiserhoch mit der Begrüßung des Verbands vereinigte, die Rede des Justizrates Fuchs, der in heiterer und herzlicher Weise den Dank des Verbandes an die Gemeinde aussprach, und jene des Geh. Justizrates T i m e n d o r f e r, der als Vorsitzender der Großloge die Festteilnehmer begrüßte. Erst in später Nacht fand in heiterer Geselligkeit dies Nachspiel der ernsten Tagung sein Ende.

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