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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite t44 Nr. 45 Dt. MMs WochMOtift Menschen, seinen Glauben haben zu dürfen. Unsere Geschichte hat uns so schon die Toleranz gelehrt, die Toleranz in dem höchsten Sinne, daß wir in das Wesen der anderen Religionen einzudringen suchen, ihre Eigenheit zu erkennen und anzucrkennen bereit sind. Zu dieser Toleranz gehört es aber auch, daß wir uns nicht verstecken, sondern offen und ohne Scheu jedem, der es hören will, sagen, wie wir sind. Wir sind zunächst unorthodox. Es ist dem Judentum eigentümlich, daß es keine fertigen und endgültigen Antworten auf die Fragen von Welt und Leben geben will. Es stellt keine dogmatischen Sätze auf und macht kein System aus der Religion. Es gebietet vielmehr, das stete Forschen und Streben, es fordert den Respekt vor den unendlichen Aufgaben, die den Menschen gestellt sind. Damit ist der Wissenschaft wie dem Fortschritt ihr volles Recht gegeben, die Religion auf den Gewissensernst gegründet. Wir sind ferner nichtkirchlich. Das Judentum macht jedem Einzelnen, mit dem vollen Recht und der vollen Pflicht zum Träger der Religion; Jedem ist die Freiheit wie die Aufgabe der religiösen Selbständigkeit gegeben. Wir haben nie eine Kirche gebildet, welche Trägerin des Glaubens ist und die Unterordnung des Einzelnen unter ihren Glauben fordert. Die Gesamtheit besteht bei uns nur in den Einzelnen, und die Bildung einer Glaubensobrigkeit ist damit unmöglich gemacht. Wir sind schließlich unkonfessionell. Das Judentum stellt nicht die Glaubensform als das Wesentliche hin; es erklärt vielmehr, daß es nicht nur einen Weg gibt, um Gott zu suchen, daß es also Frömmigkeit überall gibt. Das Judentum betont dafür umsomehr das Tun und Handeln des Menschen und damit das Soziale und das Humane, das, was alle Menschen verbindet. Das Gefühl der Gemeinsamkeit, des Strebens zu gleichen Zielen, in dem alle sich zusammenfiudeu sollen, wird vorangestellt. Damit ist gesagt, daß wir keine Sondertümelei treiben. Wohl vertreten wir unsere Sache, aber wird sind überzeugt, daß wir in unserer Sache ein allgemein Menschliches vertreten, daß nur die Menschheitszukunft unsere Zukunft sein kann. Der Redner erntete reichen Beifall. Hierauf begann Laudtagsabgeordneter Dr. Cohn-Dessau seinen Vortrag: „Der Staat und die Juden". Die Frage der Judenpolitik läßt sich nur im Rahmen der deutschen Gesamtpolitik betrachten. Judenpolitik — gesetzlich verboten — treibt eine Regierung, wenn sie — wie dies zum Beispiel im größten deutschen Staate, in Preußen, der Fall ist — dem jüdischen Kultus (mangelnde Unterstützung aus Staatsmitteln) dem Judentum und den einzelnen Juden — (Paßschwierigkeiten der deutschen Juden in Rußland, Ausweisung ausländischer Juden und Verweigerung ihrer Naturalisation des Glaubens halber, Zurücksetzung jüdischer Beamter in der staatlichen Verwaltung und an den Universitäten, Ausschluß der Juden von der Stelle des Offiziers und Reserveoffiziers —) die Gleichberechtigung schmälert. Sie bekämpft damit die Religion; denn getaufte Juden stellt sie den Christen gleich. Wir lehnen die Taufe ab: wir sind stolz auf die Ethik des Judentums, und bekämpfen — soweit es sich um den religiösen Fall der Taufe aus äußeren Gründen handelt — die Täuflinge sowohl als die Juden — weil ohne sie die Judenpolitik des Staates lange nicht mehr durchführbar wäre, wie auch besonders als Deutsche, weil in Deutschland die Unaufrichtigkeit nicht noch öffentlich belohnt werden soll. Wir sind Deutsche: wir sind nicht „international", nicht „Gäste beim Wirtsvolk". Gegenüber übertriebenen Rassebegriffen betonen wir, daß wir seit einem Jahrtausend in Deutschland bodenständig sind, daß wir den deutschen Nationalstaat mitgeschaffen haben, daß wir in deutscher Kultur völlig aufgegaugen sind. Staat, Kultur und Gesittung sind in Deutschland nicht christlich sondern deutsch. Die Leistungen der deutschen Inden auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiete bilden einen wertvollen Bestandteil der deutschen Kultur. Daß weitblickende Staatsmänner dennoch die. Gleichberechtigung der deutschen Juden werden schmälern w ollen, wird man nicht annehmen können. Wenn das trotzdem geschieht, so ist das nur verständlich aus der eigenen Abhängigkeit der regierenden von anderen Faktoren, welche, um veraltete Standesvorrechte zu retten und auf Kosten der Allgemeinheit-unberechtigte Vorteile zu gewinnen, den Antisemitismus wieder geweckt haben und beharrlich pflegen. Die Juden sind von Haus aus nach ihrer Beteiligung an Bildung und Besitz konservativ gerichtet. In Amerika und England, den Staaten, in denen die politische Gleichberechtigung in die Tat umgesetzt ist, zählen sie vielfach zu den Stützen der Konservativen. Tausendjähriger Druck hat aber in ihnen ein unbezwingbares Gerechtigkeitsgefühl erweckt, welches sich gegen Vorrechte auf Kosten der Gesamtheit wendet. Dazu kommt, daß die Juden fleißig und intelligent sind. Weil sie daher die Gegnerschaft unbequem findet, sind die konservative Partei als solche und der Bund der Landwirte die Förderer des politischen Antisemitismus. Der moderne Antisemitismus — der ästhetische, der ökonomische, der Radauantisemitismus — wird in sozialer und politischer Form künstlich in das Volk hineingetragen: unter rückständige Mittelständler und jugendliche Handlungsgehilfen, unter unaufgeklärte Massen. Das Volk ist nicht antisemitisch. Man muß ihm klar machen, daß nie ein Volksteil so schnell nach seiner Aufnahme in die allgemein soziale Lage des gesamten Volkes hineingewachsen ist, wie die deutschen Juden. Wenn so die Aufklärung die Hauptstütze des Antisemitismus beseitigt, so muß doch der Frontangriff auf das gegen die Juden herrschende System gerichtet werden. Der Angriff muß in Einmütigkeit, in selbstverständliche Unterordnung unter das von den deutschen Juden geschaffene Organ, ihren Verband, geschehen. Man muß den Regierenden Vorhalten, daß sie durch Ungesetzlichkeit ihre Pflicht verletzen, durch Beiseiteschieben der Juden das Volksganze, schädigen/ Man muß im politischen Kampfe das gegen die Juden herrschende System offen bekämpfen, so jetzt bei den Reichstagswahlen. Wir kämpfen mit jedem guten Deutschen für das Vaterland, wenn wir den Antisemitismus bekämpfen. Wer gleich den Antisemiten Recht und Gerechtigkeit untergräbt, führt den Staat zur Anarchie. Daher darf die Regierung auf die Dauer antisemitischen Volksströmungen nicht nachgeben; sie muß ihnen entgegentreten und ebenso alle Parteien, die das Interesse haben, daß nicht unfaßbare Volksströmungen sondern die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, wie sie in der Verfassung niedergelegt sind, für die Staatspolitik maßgebend sind. Die deutschen Juden, unterstützt von allen rechtlich denkenden Christen, werden im Kampfe um ihr Recht niemals ermatten, und weil ihr Ziel identisch ist mit den Staatsinteressen, gehört ihnen endlich der Sieg. Bei Wiederaufnahme der Verhandlungen erteilte der Vorsitzende das Wort Herrn Professor Dr. Goldstern. Der Redner geht davon aus, daß eine verbreitete Zeitmeinung Deutschtum und Judentum als Gegensätze bezeichnet. Und doch ist mehrfach im XIX. Jahrhundert auf die innere Wahlverwandtschaft zwischen beiden hingewiesen worden. So schreibt Ernst Moritz Arndt in seinem „Versuch in vergleichender Völkergeschichte". Hier in diesem alten Testament und seinen Geschichten lebt der Protestantismus vor den Protestanten, das Luthertum vor dem Dr. Martin. Da ich die Protestanten nenne, so könnte man mit einer Vergleichung, welche gewiß an manchen Punkten zutrifft, das Judentum den Protestantismus der alten Welt, das Hellenentum seinen Katholizismus nennen." Später, weist Dubois Reymond auf die gleiche philosophische Anlage bei Germanen und Juden hin. Sie äußert sich bis in das politische Gebiet. Es ist nicht zufällig, daß der Jude Stahl in seiner Rechtsphilosophie das politische

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