Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Bkochs WochÄlWckft Seite 74S Wir unterbreiten somit die Statutenentwürfe Ihrer Beratung und Beschlußfassung, wobei wir bemerken, daß uns von der „Deutschen Zentralstelle" auch das gesamte Drucksortenmaterial an Instruktionen, Abfertigung^- und Meldekartei Aufrufen rc. zugesendet wurde. Wir glauben jedoch, daß die heutige Sitzung des Erekutivkomitees sich mit diesen Details noch nicht befassen, sondern diese Jnstallationsarbeiten einem zu entsendenden Subkomitee übertragen soll, welches nach Genehmigung der Statuten und Konstituierung der Zentralstelle die Arbeiten durchzuführen hätte. Dagegen wäre heute schon darüber Beschluß zu fassen, wie die Gründung der Kreisarmenkassen gleichzeitig mit der Schaffung der Zentralstelle ins Werk zu setzen wäre. Wir sind der Meinung, daß einige prominente Herren jener Kultusgemeinden, welche als Sitz der künftigen Kreisarmenkassen ausersehen sind, als Proponenten die Statuten bei der betreffenden Landesstelle einzureichen und sodann die Anmeldung der dem Rayon der einzelnen Kreisarmenkassen zugehörigen Kultusgemeinden zu bewerkstelligen hätten. Sind die Statuten der Zentralstelle und der Kreisarmenkassen genehmigt, dann werden wir sofort praktisch zu arbeiten beginnen und wir zweifeln nicht daran, daß im Laufe einer kurzen Zeit auch jene Gemeinden und Korporationen, welche heute unserem Unternehmen noch ferne stehen, sich anschließen werden." An die mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Referenten knüpfte sich eine eingehende und lebhafte Debatte über die Grundprinzipien der Organisation, an welcher fast alle Anwesenden teilnahmen. Die vom Referenten vorgeschlagenen Grundsätze wurden schließlich nahezu einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Sodann folgte die Durchberatung und Annahme der Statuten für die Zentralstelle und des Musterstatuts für die Zweigvereine (Kreis'Armenkassen). Hienach find alle Kultusgemeinden, welche.2 Kronen per Kopf ihrer Steuerträger oder mindestens 2% ihrer Gesamteinnahmen für Zwecke der Wanderarmenfürsorge an die zuständige Kreisarmen-Kasse abführen, ordentliche Mitglieder dieser Kasse, alle in einer Kultusgemeinde wohnenden Einzelpersonen, die einen entsprechenden Beitrag leisten, außerordentliche Mitglieder. Die Mitgliedschaft der Zentralstelle setzt sich aus je zwei Delegierten der Kreis'Armenkassen und je zwei Delegierten sonstiger Vereine, die an die Zentralstelle Jahresbeiträge entrichten, zusammen. Ein Subkomitee, welchem die Wiener Mitglieder des Exekutiv-Komitees und Dr. Hermann aus Brünn als Vertreter der Provinzmitglieder angehören; wird nun die Genehmigung der Statuten und die weiteren Gründungsarbeiten besorgen.. Uierte Hauptversammlung des vrrimndrs der deutschen Inden. Viele Hunderte deutscher Juden hatten sich gestern vormittags zur vierten Hauptversammlung des Verbandes deutscher Juden im Theaterfaal des Neuen königlichen Operntheaters eingefunden. Man bemerkte unter anderen die Herren Geh. Kommerzienrat A r o n s o h n-Bromberg, Prof. Doktor B l a s ch k e, Justizrat B l a »-Frankfurt a. M., Geh. Sanitätsrat Dr. Boas, Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Geiger, Geh. Kommerzienrat Herz- Posen, Geh. Baurat Prof. Dr. La.ndsberg, Professor Dr. May bäum, Rudolf M o s s e, Geh. Justizrat Prof. Dr. Albert Masse, Landtagsabgeordneten Landgerichtsrat P e l t a s o h n. Geh. Justizrat T i m e n d o r f e r, Stadtverordneten Louis Sachs, Dr. Iion. e. James Simon, Landtagsabgeordneten Dr. C o h n-Dessau und viele andere bekannte Persönlichkeiten. Als Vertreter der Stadt Berlin waren Bürgermeister Dr. R e i ck e, die Stadtverordnetenvorsteher M i ch e l e t und Cassel sowie Stadtrat Gehricke erschienen. Auch Wilmersdorf war offiziell vertreten. Der Vorsitzende des Verbandes, Justizrat H o r w i tz, eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßung der Anwesenden; er betonte, daß der Verband der deutschen Juden in erster Linie dazu gegründet sei, um die staatsrechtliche Gleichberechtigung der deutschen Juden zu erreichen. Es wurde auf den Vorschlag des Vorsitzenden beschlossen, folgendes .Telegramm an den Kaiser zu senden: „Euer Majestät bringen an 600 Abgesandte jüdischer Gemeinden und Vereinigungen aus allen Teilen des Reiches, geeint im Verbände der deutschen Juden, von dessen vierter Hauptversammlung ihre allerüntertänigste Huldigung dar und erneuern das Gelöbnis unwandelbarer Treue." Justizrat Horwitz begrüßte dann insbesondere die Vertreter der Behörden. Er hob hervor, daß er absichtlich Behörden gesagt habe, um nicht sagen zu wollen, Staatsbehörden. Diese Behörden hätten einer Einladung zu den Verhandlungen nicht Folge geleistet. Justizrat Horwitz erteilte darauf dem Bürgermeister Dr. Reicke das Wort, der folgendes ausführte: ^Namens des Magistrats von Berlin, insbesondere - namens des Oberbürgermeisters, der anderweit dienstlich verhindert ist, heiße ich den Verband deutscher Juden in Berlin herzlich willkommen. Nach Ablauf von sechs Jahren ist die vierte Hauptversammlung wieder nach Berlin, nach einem Boden, der einstmals ein heißer war, verlegt worden. Inzwischen ist vieles besser geworden. Von jener Bewegung, die mit den Allüren der Straße ihre Ziele verfolgte, ist nicht viel übrig geblieben. Hervorheben muß ich die Hilfsbereitschaft der jüdischen Mitbürger in Berlin. Daß Kunst und Wissenschaft dem Judentum viel verdanken, ist eine neidlos anerkannte Tatsache. Seit Moses Mendelssohns Zeiten haben wir immer wieder in unseren jüdischen Freunden die feinsten Blüten gewinnender und vornehmer Menschlichkeit erblickt. Stets hat sich gegenseitige Annäherung und gegenseitiges Verständnis gezeigt. Aus solcher Gesinnung heraus wünsche ich dem Verband deutscher Juden ein Gelingen seiner Bestrebungen." Darauf nahm Stadtverordnetenvorsteher M i ch e l e t das Wort: „Im Namen der Stadtverordnetenversammlung entbiete ich dem Verband deutscher Juden einen herzlichen Willkommengruß. Ich spreche an dieser Stelle unseren lebhaften Dank für die treue Mitarbeit aus, die so viele jüdische Frauen und Männer an der Fortentwicklung unseres Gemeinwesens haben. Unser Dank gilt auch den hochherzigen Stiftungen, die aus ihrer Mitte fließen, um Not und Armut zu lindern. Der von ihnen stets bewährte humanitäre Sinn hat dazu beigetragen, daß der Unterschied der Konfessionen in der Berliner Bürgerschaft vollkommen verschwunden ist. In unserer Kommune sind alle Staatsbürger, die nach der Verfassung gleichberechtigt sein sollen, gleichberechtigt. Als Beweis mag Ihnen die große Anzahl jüdischer Stadtverordneter dienen, gewählt von der Berliner Bürgerschaft, und die jüdischen Magistratsmitglieder, gewählt von der Stadtverordnetenversammlung. Und so mancher jüdische Stadtrat gereicht der Stadt Berlin zur höchsten Ehre. Ich hofft', daß Sie von Berlin manche freundliche Erinnerung mit nach Hause nehmen, von Berlin und den Berlinern." Für den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin überbrachte Justizrat Breslauer herzliche Grüße. Justizrat Dr. Horwitz erstattete hierauf den Geschäftsbericht. Der Verband hat sich hauptsächlich mit der Militärfrage, den Schächtverboten, den Plackereien der nach Rußland reisenden deutschen Juden beschäftigt. Erfolgreich war seine Bekämpfung der Zurücksetzung der Inden bei der Auslosung von Schöffen und Geschwornen. Eine Denkschrift über die Zurücksetzung in den akademischen Lehrämtern, bearbeitet von Jnstrzrat Breslauer, wird demnächst erscheinen. Ebenso ein Werk über die Apologetik des Juden. Bericht, betreffend de» Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. Baeck Düsseldorf über „Das Judentum unter den Relig onen" Die Stellung des Judentums unter den Religionen wird seit Altem dadurch bestimmt, daß seine Bekenner eine Minorität sind. Wir zählen heute etwa 10 Millionen unter den 1600 Millionen Menschen auf Erden. Wir haben darum nie das befriedigte Wahrheitsbewußtfein gehabt, welches die Macht gibt, sondern haben immer den Kampf der geistigen Selbstbehanptlmg geführt, den Kampf um das Recht jedes