Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 7S8 Nr. 44 Dr. Bkochs feiten findet. Und so wird uns das Bild dieses guten Menschen, welcher sich das Dichterwort: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" zum Leitstern seines auch oft stiirmereichen Lebens erkoren hatte, unvergessen bleiben, uns und mit uns Tausenden unserer Mitbürger! Ich habe an der Bahre des Verblichenen im Namen des Stadtverordneten-Kollegiums einen Kranz niederlegen lassen und der Witwe das Beileid ausgesprochen. Sie haben sich meine Herren zum Zeichen der Trauer von ihren Sitzen erhoben und ich erbitte mir, die Ermächtigung, diese Kundgebung dem Protokolle einverleiben zu lassen." Das Stadlverordneten-Kollegium hörte die Worte des Herrn Bürgermeisters stehend an; die Trauerkundgebung wurde im Sitzungsprotokolle verewigt. Russische Flüchtlinge in Ungarn. In Folge des jüngsten Pogroms in Kiew haben zahlreiche jüdische Familien Rußland verlassen. Etwa 150 Flüchtlinge schlugen den Weg nach Ungarn ein und langten nach etwa achtwöchentlicher Wanderung in NagyvLrad an, wo sie über Initiative des Gemeindepräses Adolf Wechsler von ihren Glaubensgenossen eine namhafte materielle Unterstützung erhielten. Die Flüchtlinge gedenken fich nach Fiume zu begeben und sich dort nach Argentinien einzuschiffen. Feuilleton. Das erste Ghetto. Eine historische Skizze. Die Zerstreuung der Juden begann schon mit dem babylonischen Exil. Dieses Exil führte sie ins Herz der ersten Großmacht der Welt, die gerade damals den Gipfel ihrer Höhe erklommen hatte, aber auch ihrem Sturze nahe war und die Zügel der Weltherrschaft bald den Händen der Perser überlassen mußte. Am Hose der letzten babylonischen Herrscher wie an dem der ersten Perserkönige haben Juden hohe und einflußreiche Stellungen eingenommen, während der eingeschleppten jüdischen Volksmasse, von der nur ein verhältnismäßig kleiner Teil von der Erlaubnis der Rückkehr in die Heimat Gebrauch machte, gewiß keine andere Rolle zufiel als die, das vermittelnde Element zwischen Chaldäern und Affyrern einerseits und Persern und Medern andererseits zu bilden. Als das Perserreich vor der gewaltigen Hand Alexanders des Großen in Trümmer sank und dieser seine genialen Träume verwirklichen wollte, bediente auch er sich der Juden. Die einzige Schöpfung Alexanders, die Jahrtausende überdauerte und seinen Namen noch in unserer Zeit lebendig erhält, ist die Gründung Alexandrias; einen Teil des Grundstockes zur Bevölkerung der neuen Stadt bildeten mehrere Tausend Juden, die er hinführen und fich daselbst ansiedeln ließ *). Es ist wohl anzunehmen, daß Alexander eine ganz besondere Absicht dabei bekundet hat, daß er gerade Juden an diesen Zentralpunkt der Zivilisation und des Handels gebracht, zumal er dieselben als Lichtträger der Kultur erkannt hatte. Und wahrlich, kein Teil der Bevölkerung hat diese neue Schöpfung so emporzubringen verstanden, als wie die Juden. Zu den gezwungenen Ansiedlern gesellten fich im Laufe der Zeit viele Tausend Freiwillige. Sie erhielten einen großen Teil der Stadt für fich angewiesen, damit sie, wie Josephus bemerkt, „ein reines Leben führen konnten und sich nicht mit den Fremden vermischten" 2). Von den fünf Quartieren Alexandrias wurden ihnen zwei als Ghetto eingeräumt, aber auch in den übrigen wohnten ihrer nicht wenige und ihre Bethäuser waren überallhin verteilt. Doch betrachteten die alexandrinischen Juden dieses e r st e Ghetto keineswegs als eine Zurücksetzung vor den egyptischen Urbewohnern, keineswegs als eine Verletzung ihrer föoTcuAima, ihrer Gleichstellung, vielmehr empfanden sie dieses ihnen an der Meeresküste eingeräumte Quartier Delta als eine besondere Begünstigung. Josephus sagt klar und deutlich, daß die Juden *) Josephus contra Apionem II, 4. -) Bell. Jud. 18, 7. WochErift im ersten Ghetto diese Absonderung als Konnivenz der Regierung als eine Wohltat zum Schutze gegen die Assimilationsgefahr angesehen und vielleicht selbst darauf gedrungen Habens). Hier haben wir also den wahren Ursprung und Zweck des Ghettos Es existierten also Ghettos auch schon bei nichtchristlichen Völkern, es waren dies in der Regel Plätze, die mit Mauern umgeben und durch Tore abschließbar waren zum Schutze in kriegerischen Zeiten oder bei Unruhen der bürgerlichen Parteien untereinander. Nur bildeten sie sich im Altertum in ganz natürlicher Weise, wie etwa heutzutage die Fremden quartiere der Europäer in überseeischen Handelsplätzen, erst später im Mittelalter zwang man die Juden, eingepfercht in ihrem Ghetto wohnen zu bleiben, eine Einrichtung, die ins große Schuldbuch der Intoleranz der damaligen finsteren Zeiten geschrieben werden muß. Diesem ihrem ersten Ghetto haben es die Juden zu verdanken, daß sie unter den entnervten, durch die unnatürlichen Laster ihres Tierkultus stumpfgewordenen Egyptern zur Zeit der Ptolomäer das einzige gesunde Element der Bevölkerung bildeten; in der allgemeinen Lethargie dieser uralten, nun dem Untergange geweihten Kultur schwangen sie sich durch ihr festes Zusammenhalten rasch empor, mehrten sich auf eine Million, gelangten durch ihre Nüchternheit und Sparsamkeit zu Vermögen und Wohlstand und machten sich den Herrschern je länger desto unentbehrlicher. Durch diesen mächtigen Aufschwung erregten fie den Haß der Alexandriner, die, jeder schweren Arbeit abhold, vom behaglichen Wohlleben nicht Massen wollten^) und so kam es, daß im Sommer des Jahres 38 n. Chr. anläßlich des Besuches des jüdischen Königs Agrippa in diesem ersten Ghetto ein regelrechter Pogrom ausbrach, wobei der egyptische Mob Häuser und Läden plünderte und eine Menge des im Ghetto zusammengepferchten durch Hitze und Hunger ganz entkräfteten jüdischen Volkes erschlug. Zwei Jahre währte dieser unsichere Zustand, bis endlich durch den Regierungsantritt des judenfreundlichen Kaisers Claudius (Jänner 41 n. Chr.) den Juden Alexandrias das Morgenrot einer besseren Zeit anbrach. B i s e n z. Rabbiner Dr. Josef H o f f. Wrratrrr. Hebräische Lesebücher. So sehr mich auch Herr M. Stengel herausfordert, so lasse ich mich denaoch in keine weitere Debatte mit ihm ein. Dass seine Kritik nicht objektiv war, geht auch ans der Beplik hervor, in der Stengel Hebräisch und die anderen fremden Sprachen, bei denen das Lesen keine Schwierigkeiten bereitet, in eine Reihe stellt und die Leseübungen der Fibel aus den Namen der Feste, Gebräuche und aus den Eigennamen zusammengestellt haben will und nicht daran denkt, dass dies doch erst dann möglich ist, bis die Kinder das ganze Alphabet kennen. Woran sollen nun die einzelnen Buchstaben eingeübt werden? Und ist es wahr, dass die Namen Pessach, Seder etc. auf die heutige Jugend wie ein Zauber wirken? Aber was da Herr Stengel mit so viel Pathos predigt, ist nicht neu und findet sich bereits in den Fibeln von Liebmann und Dr. J. Goldschmidt sehr hübsch durchgeführt. Dass naa „woraus“ und (mit Zere) „verachten“ gut hebräische Wörter sind, das hätte Stengel aus jedem hebräischen Wörterbuche erfahren. Wie die Wörter Java, Juno, Ninive auch jungen Schülern plausibel gemacht werden können, werde ich Herrn Stengel gerne privatim mitteilen, sobald er versuchen wird, nach meinem Buche zu unterrichten. Raudnitz a. d. E. Rabbiner Dr. Richard Feder. Aug. Bebel, Aus meinem Leben. Stuttgart 1911. J. H. W. Dietz Nachfolger. Auch dieser Band, der die Lebensgeschichte des Altmeisters der Sozialdemokratie bis. 1878 fortführt, enthält eine Fülle neuer, interessanter Aufschlüsse zur Zeitgeschichte, besonders zur Bismarck’schen Politik. Lassalle, Strousberg und andere Erscheinungen jüdischer Herkunft werden hier behandelt. Der angekündigte dritte Band wird hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen. x. 3) Vgl. Strabo bei Jos. Ant. XIV, 7, 2. 4) Josephus contra Apionem II. 3, 32.