Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021972--20635-3045685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 734 Nr. 44 Dr. WochMchrift dem Direktionssaale in den Hof getragen, wo von den Fenstern j, die Kranken und das Wärterpersonal teilnahmsvoll zusahen/ g wie ihrem Wohltäter der Dank für das von ihm und für fiel? Geleistete abgestattet wurde. Als die letzten Akkorde des Chorals verklungen waren, widmete Rabbiner Dr. Simon Hevesi dem Dahingeschiedenen einen Nachruf. y Er schilderte mit warmen Worten feine zahlreichen Verdienste, besonders jene, die sich Dr. Samuel auf dem Gebiete der Wohltätigkeit erworben. Sodann trat Graf Albert Apponyi an den Sarg heran. In Worten tiefster Innerlichkeit, selbst sehr ergriffen, gab der gefeierte Redner dem Schmerz des Poliklinischen Vereins über den Verlust beredten Ausdruck, den dieser durch das Ableben seines Vizepräsidenten erlitten hat, einen Verlust, den nur die göttliche Vorsehung zu ersetzen vermag. Der Tote nimmt keine irdischen Güter mit sich ins Jenseits hinüber, den Ruhm, das Vermögen und die Ehren, die er sich durch sein Wirken erworben, läßt er auf Erden zurück; doch er nimmt mit -sich all das Gute, das er während seines Erdenwallens getan, alle die Tränen, die er getrocknet, die Segenswünsche all jener Kranken, deren Schmerzen er gelindert, die er ihren Familien zurückgegebeu hat. Und deshalb wird er aus der Poliklinik seine letzte Fahrt antreten, aus dem Gebäude, wo er fich alle diese Werke erworben hat. Und so lange die Poliklinik lebt, so lange wird in ihr sein Geist fortwirken, als ewig leuchtendes Beispiel wahrer Nächstenliebe. Die kurze Rede des Grafen Appouyi übte mächtige Wirkung auf alle Anwesenden. Nun wurde der Sarg hinausgetragen und auf den Leichenwagen gehoben, der ihn sodann, gefolgt von einer unabsehbaren Wagenreihe, in den neuen israelitischen Friedhof brachte. Nach einem kurzen Gebet erfolgte dort die Beisetzung. Leo Popper. Aus Budapest wird uns geschrieben: Meister David Popper hat einen schweren Verlust erlitten. Sein einziger Sohn Leo Popper ist im Sanatorium Görbersdorf einem langjährigen Lungenleiden erlegen. Der Tod des erst 25 Jahre zählenden jungen Mannes kam seinen Freunden nicht unerwartet. Leo Popper kränkelte seit seinem 15. Jahre und in der letzten Zeit durften fich die ihm Nahestehenden der traurigen Einsicht nicht verschließen,- daß er verloren sei. Dennoch wird nun die Nachricht von seinem Hinscheiden in weiten Kreisen Schmerz und Bestürzung wecken. Denn Alle, die Leo Popper kannten, schätzte« und liebten an ihm nicht nur den sympathischen und klugen Menschen, sondern auch die hohe und vielseitige Begabung, die ihn schon als Jüngling ausgezeichnet hatte und die leider durch das fast ununterbrochene Siechtum eines vollen Jahrzehntes in ihrer Entwicklung stark gehemmt war. Trotzdem zeigte alles, was Leo Popper erst als Maler, dann als Kunstschriflsteller zu vollenden vermochte, das Gepräge einer ernsten, zielbewußten Künstlerschaft. Nun freilich find mit ihm auch die großen Hoffnungen, die er weckte, auf -ewig dahin. Profeffor David Popper, dem sich allgemein die aufrichtigste Teilnahme zuwendet, ist gestern bereits nach Görbersdorf abgereist, wo seine Gemalin schon seit Wochen am Krankenbette ihres Sohnes weilte. Die Leiche Leo Popper's wird Dienstag in Dresden eingeäschert. Das neue Heim der orth. isr. Bürgerschule in Pozsony. Die orth. isr. Bürgerschule ist am heutigen Tage in ihr neues Gebäude übe: siedelt. Aus diesem Anlässe schreibt ein Freund unseres Blattes: „Bei dem rapiden Aufschwung, den Neu-Preßburg in letzter Zeit in baulicher Beziehung genommen hat, sind es insbesondere die öffentlichen Gebäude, die unsere bewundernde Aufmerksamkeit Hervorrufen und lobende Anerkennung in größtem Ausmaße verdienen. Von Schulgebäuden war es zuerst die hiesige staatliche Knaben-Bürgerschule, welche sowohl durch ihre prächtige Lage als auch durch Glöße und Stattlichkeit einen imponierenden Eindruck machte — ein Schulbeispiel in doppeltem Sinne, wie eine moderne Unterrichtsstätte auszusehen habe. Andere Gebäude: das katholische Gymnasium mit seiner gewollt national-stilisierten Fassade leider in eine enge Gaffenfront geklemmt, die monumental ausgebaute Höhere Töchterschule sind gefolgt, — von den übrigen großangelegten öffentlichen Gebäuten anderen Charakters hier gar nicht zu reden. — Nun ist mit dem vollendeten Neubau der hiesigen israelitischen Bürgerschule, von dem bestbekannten Wiener Architekten Ed. Melcher errichtet, unsere Vaterstadt abermals umeine moderne Unterrichtsstätte reicher, die zwar an den oberwähnten gemessen, kleineren Umfanges ist, sonst aber allen Anforderungen der Hygiene und der Pädagogik in reichstem Ausmaße entspricht. In der Turner-, die jetzt richtiger Schulgaffe heißen könnte, erhebt sich nächst der Oberrealschule das neue, zweistöckige Gebäude mit seiner nach Süden gerichteten, vornehm-einfachen Straßenfront. So wünschenswert es im Allgemeinen ist, daß Schulen nach allen Seiten frei liegen — (die Kultusgemeinde hatte sich seinerzeit — allerdings erfolglos — um den Erwerb eines Palffy-Gartengrundes bemüht) — so litt das neue Gebäude in der Turnergaffe nicht allzu sehr unter dem Prokrusteszwang der Baulinie, indem der Hauptfront kein größeres Gebäude gegenübersteht, so daß die Säle nicht nur lichthrll und luftig sind, sondern der Blick sogar an dem prächtigen Panorama der Preßburger Gebirgslandschaft sich zu ergötzen vermag. Einwandfrei, zum Teil mustergiltig ist die innere Einrichtung: 8 geräumige Lehrsäle, Festsaal, Professoren-, Direktorats-, Laboratoriums-Räumlichkeiten und nicht zuletzt im Souterrain: das Schulbad mit Zimmer des Arztes. Diese Einrichtung ist für Pretzburg ein Novum, da keine Schule sich hierorts bisher dieser, insbesondere für die armen Schüler so notwendigen, hygienisch unschätzbar wertvollen Einrichtung rühmen kann. Bänke nach pädagogisch erprobten System, elektrische Beleuchtung sowie Dampfheizung vervollständigen das Bild einer wirklich modernen Unterrichts- und Erziehungsanstalt und ist diese Kulturtat der hiesigen orth. israel. Kultusgemeinde — an ihrer Spitze ihr hochverdienter, in fast ^Osähriger, gemeinnütziger Tätigkeit ergrauter Präsident, Herr Lazar Gestettner, umso höher zu veranschlagen, als sie ohne jede materielle oder moralische Unterstützung von seiten des Staates oder der Stadtgemeinde aus eigener Kraft und aus eigenen Mitteln das große Opfer gebracht hat: ihrer seit 25 Jahren erfolgreich bestehenden Schule eine in jeder Beziehung würdige, ja vornehme Heimstätte zu errichten. Möge sie eine neue Aera geistigen Schaffens einleiten zum Wohle des Vaterlandes, der ungarischen Kultur und nicht zuletzt zur Ehre unserer altehrwürdigen orthodoxjüdischen Gemeinde. Prof. M. St. Die Kriegsleiden der Inden in Tripolis. Ueber die Beschießung von Tripolis meldet Herr Otto E. Artbauer in der „Oesterreichischen Volkszeitung": Im Judenviertel fällt ein Geschoß in die Synagoge, die mit Menschen überfüllt ist. Nebenan flüchtet sich eine vierköpfige Familie mit einem Findling in ein Kellerloch. Eine Bombe schlägt ins Haus und das herabstürzende Mauerstück vereint alle zum ewigen Schlummer . . . Der vierjährige Junge war Vater- und mutterlos; von der Familie aus Barmherzigkeit ausgenommen. In der altersschwachen Stadtumwallung, außerhalb in den Feldern, in den Oasen, überall explodiert es. Nach 6 Uhr, mit Einbruch der Dunkelheit, endet das Zerstörungswerk ... Schrecklich ist die Zerstörung im Judenviertel, gräßlich das Elend unter den Verwundeten. Heulende Männer führten mich von Haus zu Haus. Meine Verbandstasche leerte fich unheimlich rasch. In manchen Häusern fand ich die Toten, tücherbedeckt, umgeben von brennenden Kerzen. Ein hübsches 18jähriges Mädel hatte eine tiefe, aber ungefährliche Fleischwunde im Rücken. Als ich den Verband anlegte, war sie zwar durch Blutverlust erschöpft, doch sonst wohlauf. Nach zwei Stunden kam ich wieder, um nachzusehen. Sie lag im Verscheiden. Nicht die Wunde, beispiellose Angst war es, die das arme Kind getötet hatte. Entsetzlich klangen bis zum letzten Augenblicke ihre Rufe nach Waffer. Unheilvolles Schicksal, das seit Jahren gerade mich immer dorthin führt, wo Europäer Werkzeuge ihrer höheren Intelligenz erproben im Kampf mit schwächeren Menschenkindern! Eine alternde Mutter hatte das einzige Kind am Arm, einen zweijährigen Spätling. Wortlos zeigte sie mir das Tuch, mit dem sie das hervorquellende Gehirn abgewischt hatte. Der graubärtige Vater fragte ganz verzweifelt, ob der Kleine am Leben bleiben werde. Und wenn er bleibt, was hast Du von dem unzurechnungsfähigen Buben? Gottlob, wenige Stunden später war er tot. Eine schwangere Frau hatte ein tiefes Loch im Bein; entsetzlich war es, das Gewimmer der ganzen Familie anzuhören. Wohin ich kam, überall mußte ich erst die dumpfe Stube leeren, die Kranken von der jammernden Sippe befreien. Mein armvoll Verbandzeug war rasch zu Ende und die beiden Satteltaschen waren leer; schneller als ichs versah. Gab es doch im Judenviertel allein neun Tote und mehr als zwanzig Verwundete. Und das nennt man Kultur tragen nach Afrika!