Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 44 Seite 733 Dr. Blvchs WochönWrift Korrespondenzen. Graf Adalbert Steruberg im Vereine zur Abwehr des Antisemitismus. (Anregung einer christlich liberalen Partei.) In dem größten Vortragssaale Wiens, in den Sophiensälen, hielt dieser Tage der wegen seines temperamentvollen politischen Verhaltens bekannte Polüiker Graf Adalbert Sternberg über Einladung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" einen Vortrag über Wien. Der Sophiensaal war sehr gut besucht. In den vorderen Reihen sah man zahlreiche Mitglieder unserer Aristokratie, darunter Fürst Hohenlohe Oehringen, Fürst Alfred Liechtenstein, Altgraf Salms. Herrenhausmitglied Exzellenz Graf Sternberg, Graf O r l o w s k i, Graf Beroldingen, Graf S z a p a r y und viele Andere. Graf S t e r n b e rg kritisierte mit seinen üblichen scharfen Ausdrücken die gegenwärtigen Zustände und das Verhalten der liberalen Partei und äußerte sich dann wie folgt: Das österreichische System begnügt sich nicht mit der vollen Herrschaft über die Tagespcesse, über die einzelnen Parteien im Reichsrate, es hat noch einen neuen Schlag vorbereitet, der dazu führen soll, die ganze Geschäftswelt für ewige Zeiten von der Bureaukratie abhängig zu machen. In keinem Lande der Welt, nicht einmal in Rußland, ist eine solche Maßregel bisher angeregt, geschweige denn in eine. Regierungsvorlage umgcwandelt worden. Und gerade Wien ist in bitfer Frage interessiert, denn hier konzentriert sich Handel und Wandel. Ich glaube in so einem Augenblick wie dem jetzigen ist es doch notwendig, den gemeinsamen Gegner ins Auge zu fassen und keinen Bruderkrieg zu führen, es ist der Augenblick, wo man Rassen- und nationalen Haß beiseite legt, wo man Schulter an Schulter zur Wiederherstellung geordneter Verhältnisse kämpfen muß. Und ich glaube, das ist nur dann möglich, wenn sich die bürgerlichen Parteien ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis zur Wahrung gemeinsamer Interessen zu einer anständigen Partei zusammenfinden, wo weder christliche Verfolgung, noch Judenverfolgung, sondern jene Toleranz herrscht, welche in allen anderen Parteien der Welt zu finden ist. Der Antisemitismus ist wohl eine atavistische Regung, kann aber niemals zum politischen Programm emporgehoben werden, weil das den Staatsgedanken völlig fremd ist und ihm widerspricht. Es ist auch nicht richtig, daß der Antisemitismus mit der katholischen Religion in irgendeinen Zusammenhang gebracht werden könne. Das sehen Sie am besten daraus, daß das deutsche Zentrum, die amerikanischen und englischen Katholiken nicht nur keinen Antisemitismus betreiben, sondern sich in vielen Fällen mit den Juden verbinden. Ein gläubiger Jude steht uns viel näher als ein Gotteslästerer, denn schließlich sind auch wir verpflichtet, an das Alte Testament zu glauben und an den alten Judengott, genau so wie die Juden. Heute steht es fest, selbst Kirchenfürsten vertreten die Meinung, daß wir es nicht mehr mit Christen und Nichtchristen, sondern mit einer positiven Morallehre zu tun haben. So find wir heute Bundesgenossen unserer früheren erbitterten Feinde. Bin ich auch vielleicht einer der ersten, der diesen politischen Grundsatz ausspricht, so wird doch die Zukunft lehren, daß der Kampf gegen das moderne Heidentum zu einem Bündnis aller jener Elemente führt, welche noch Gut und Böse zu schützen verpflichtet find. Denn hört dieser Schutz auf, so ist das Ende der Kultur der weißen Rasse gekommen. Und das erwarte ich vom Wiener Wähler: Der Wiener Wähler soll den Anfang in Oesterreich machen, von allen Vorurteilen sich lvsreißen, um den Reichsgedanken zu seinem eigenen Gedanken umzugestalten. Alles Wohl und Wehe Wiens hängt von der Entwicklung der Doppelmonarchie ab. Wien ist ihr Herz, mit d'm steigenden Wohlstand und steigender Kultur wird auch Wien in demselben Verhältnis aufblühen. Aber nicht ein Mann allein kann die bestehenden Vorurteile und Gefühlsrichtungen umwandeln; ebenso sicher ist es, daß das Nützliche und Wahre sich endgültig Bahn brechen wird und muß. So haben wir es auch hier mit der Notwendigkeit zu tun, daß sich eine bürgerliche Partei bildet, die nicht rein semitisch, aber auch nicht antisemitisch ist. Und ich möchte diesen Geist, der sich da ausbilden soll, christlich liberal nennen, christlich, weil wir es mit 90 Perzent Christen zu tun haben, und liberal, weil wir mit offenen Armen auch die Nichtchristen aufnehmen werden. Und nun schließe ich mit der Präzision der Aufgabe der Reichshaupt- und Residenzstadt: die Völker Oesterreichs auf ihrem Boden zu verknüpfen und diese zu einem gemeinsamen Ziel zu vereinigen, nämlich die Machtstellung des Reiches zu vermehren und den Frieden im Innern zu sichern. Ich glaube, diese Aufgabe hat Wien zu erfüllen, und jeder, der sich ihr widmet, muß das Gefühl im Herzen haben, etwas Gutes und Großes zu vollbringen. Kant sagte, die Religion sei die Erkenntnis aller Pflichten; nun ich glaube, daß auch die Politik die, Erkenntnis aller Pflichten voraussetzt, soll sie gut und patriotisch sein, und diese Pflichten, die wir alle haben, sind es ohne Rücksicht aus die Parteistellung und Konfession, dem Gesamtwohl, dem Staate zu dienen. Möge das goldene Wiener Herz diese Pflichten erfassen und sie erfüllen!" Wien. (E i n g e s e n d e t.) In Nr. 42 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 20. Oktober bringen Sie die Anzeige vom Beginne der Jugendgottesdienste für das Jahr 1911/12, worin es heißt: Schmalzhosgasse 11 Uhr 20 Minuten und Neudeggergasse ebenso 11 Uhr 20 Minuten. Nun hat meine Tochter, welche die Bürgerschule besucht, jeden Samstag bis 12 Uhr Unterricht und kann infolgedessen dem Jugendgottesdienst nicht beiwohnen. Ich ließ den Herrn Religionslehrer über die Sache befragen und dieser meinte: „Da kann ich nichts machen", was ich unumwunden zugebe. Ich wende mich nun durch Ihre Vermiitlung an die höhere Instanz mit der Frage, ob bei Festlegung des Lehrplanes es nicht möglich wäre, solche Stunden für den Jugendgottesdienst zu bestimmen, die es möglich machen, daß dieser von allen Kindern besucht werden kann, W. Eine Rede des Grafen Albert Apponyi am Sarge eines Juden. Vor einigen Tagen starb in Budapest der Vizepräsident der dortigen Poliklinik, der ehemalige Reichstagsabgeordnete Hofrat Dr. Lazar Samuel. Unter allgemeiner Teilnahme, die sich in geradezu erhebender Weise kundgab, wurde er vom Gebäude der Poliklinik aus, die ihm so unendlich viel zu verdanken hat, zur letzten Ruhestätte geleitet. Die mit zahlreichen Kränzen bedeckte Bahre, aus der der einfache Sarg ruhte, war in dem hellerleuchteten Direktionssaale des Poliklinischen Vereines aufgerichtet. Hier versammelten sich die Mitglieder der trauernden Familie und hier nahmen sie die Kundgebungen des Beileids von den sonder Zahl erschienenen Freunden und Verehrern des Dahingeschiedenen entgegen. In den Zufahrtsstraßen stockte minutenlang der Verkehr, so groß war die Zahl der Leidtragenden, die sich beeilten, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Es hatten sich hier die Direktion des Poliklinischen Vereines unter Führung des Präsidenten Grafen Albert Apponyi, das Aerztekorps der Poliklinik mit dem Direktor Dr. Julius Eröß an der Spitze, eine Deputation des Israelitischen Ackerbau- und Handwerkervereines mit dem Präsidenten Dr. Adolf Kohner, die politischen Freunde des Dahingeschiedenen, die Leiter der großen Institute, das Damenkomitee des Poliklinischen Vereines und viele Andere versammelt. Die Geheimen Räte Gabriel Daniel, Josef Szterenyi, Ludwig v. Tolnay und Ladislaus v. Börös, die Reichstagsabgeordneten Paul Sandor, Philipp Darvai und Al xard.r Nagy, der Vizepräsident der Advokatenkammer Hofrat Dr. Brüll, viele Mitglieder der Stadtvertretung, eine Deputation des Heiligen Vereines mit dem Präsidenten Hofrat Julius v. Winterberg, eine Deputation des Vorstandes der Pester israelitischen Religionsgemeinde mit dem Präsidenten Hofrat Dr. Philipp Weinmann fanden sich ebenfalls ein. Unter den Klängen eines vom Männerchor exekutierten Trauerchorales wurde der Sarg aus