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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 728 Dr. Blochs WochMchrift Nr 44 aus konfessionellen Gründen unberücksichtigt lasten. Ich bin nahezu 40 Jahre Religionslehrer und kenne fast alle Schulleiter des 2. und 20. Bezirkes, könnte aber kaum einen einzigen einer solchen Taktlosigkeit für fähig halten. Ich kann die Leiterin des Vereines Pestalozzi, Frau Rudolsine Koch, auf das Bestimmteste versichern, daß die „Herr e n Lehrer niemals abseits stehen" — wie sie zu behaupten beliebt — wenn es sich um irgend einen humanen Akt handelt. Die Wiener Religionslehrer haben alle, ausnahmslos, unzähligemale den Beweis erbracht, daß ihnen das Wohl und Wehe der jüdischen Schuljugend am Herzen liegt, und sie scheuen keine Mühe, keine Opfer, wenn es gilt, humanttaren Zwecken zu dienen. Natürlich verlangen sie aber, wenn sie sich aktiv beteiligen sollen, daß die Gabe nicht verletzend verabreicht, daß die religiösen Gefühle der Eltern geschont und daß die Gesundheit der Kinder nicht gefährdet wird. Ich möchte sonach der Vcreinsleitung Pestalozzi die Bitte unterbreiten, den armen Kindern die Entgegennahme der „Würstel" etwas leichter zu machen, sämtlichen Religionslehrern die eventuellen Wünsche des Vereines bekanntzugeben und auch die religiösen Gefühle der Eltern zu berücksichtigen; dann dürften sicherlich die „Würstchen" zu wenig werden und Frau Rudolfine Koch kaum mehr Gelegenheit haben, den ganzen Stand der Religionslehrer durch so schwere grundlose Beschuldigungen zu beleidigen. Für die Aufnahme dieser Zeilen bestens dankend, zeichnet mit vorzüglichster Hochachtung Leopold Schulhof, Religionslehrer, II., Novaragasie 30. Der Papst in Jerusalem? Vor einigen Tagen kam aus Rom die sonderbare Nachricht, ein Kardinal hätte sich geäußert: „Geht die Türkei jetzt in Stücke, dann wird der Papst das Heilige Land mit dem Titel König von Jerusalem für sich beanspruchen. Erreicht er dieses Ziel, so würde er als Kompensation allen Ansprüchen auf die weltliche Herrschaft über Rom entsagen." Die „Voss. Ztg." hat über die kuriose Meldung einige Meinungen eingeholt: Der katholische Feldprobst Prälat Kleineidam meinte: Es gibt bekanntlich Leute, die das Gras wachsen hören. Häufig hören sie dabei falsch. So zweifellos auch hier. Der Papst als König von Jerusalem ist an sich ein Unsinn. Warum einen Titel, der einzig ist, eintauschen gegen einen, der zahlreich vertreten ist? Selbst als die weltliche Macht der Päpste in Rom auf der Höhe stand, haben sie sich nie einen weltlichen Titel zugelegt. Dagegen sehe ich nicht ein, warum der Papst seine Residenz nicht nach Jerusalem verlegen sollte, wenn Umstände es erforderten. Zwar halte ich eine solche Umsiedlung nicht für sehr wahrscheinlich, doch würde sie gegebenenfalls weder gegen Religion noch Tradition verstoßen. Schon haben Päpste in Avignon residiert, und Petrus, der erste Papst, lebte zum Teil in Jerusalem. Und da alles möglich ist, könnte eine solche. Ucbersiedlung auch einmal notwendig werden. Setzen wir z. B. den Fall, die italienische Regierung verlangte plötzlich vom Papst, daß er, da er in Rom wohne, italienischer Untertan würde. Einer solchen Gefahr darf der Papst natürlich nie ausgesetzt werden. Ob der Papst, im F^lle er Jerusalem zu seiner Residenz macht, auch territoriale Ansprüche machen würde, muß ihm und seinen politischen Ratgebern überlassen bleiben. Aber selbst seine Rückkehr zur weltlichen Macht in Palästina angenommerr, würde er sich nie König nennen." Rabbiner Professor Dr. M a y b a u m präzisierte seinen Standpunkt wie folgt: „Als deutschem Staatsbürger kann es mir ganz gleichgültig sein, ob der Papst in Rom residiert oder in Jerusalem. Der Jude kann an Jerusalem nur noch ein geschichtliches, aber gar kein politisches Interesse haben; er hat seine Mission in Palästina erfüllt und muß, um seine Mission noch weiter zu erfüllen, treuer Staatsbürger der Länder bleiben, denen er angehört. Als Jude aber, das muß ich offen gestehen, wäre mir ein Papst in Jerusalem sehr unangenehm, wie es meinen Glaubensgenosten überhaupt unangenehm sein müßte. Der Grund beruht auf historischer Erfahrung. Wir haben gesehen, welch ein tolerantes Volk die Türken sind, alle Völker sind ihnen durchaus gleichberechtigt, sie denken nicht an Proselytenmacherei. Und die Päpste? Auch ihre Geschichte kennen wir. Und wenn heute der Sitz des Papstes nach Jerusalem verlegt würde, so ginge morgen die Proselytenmacherei an. Und käme zu diesem Wohnungswechsel gar noch territoriale Macht, dann müßte das Land des Papstes natürlich sofort christlich werden. Alle die schönen, von Juden geschaffenen, zu großen Hoffnungen berechtigenden Anfänge industrieller und wissenschaftlicher Natur würden bald wieder ruiniert sein. Und deshalb wiederhole ich: Als deutschem Staatsbürger ist mir die Angelegenheit gleichgültig; als Jude aber ziehe ich in Jerusalem den Türken dem Papst unbedingt vor. - Und jeder denkende Jude wird mir beipflichten." Der klerikale Reichstags - Abgeordnete Erzberger antwortete: „Des Papstes Wille ist unser.Wille. Hält er es für gut, nach Jerusalem überzusiedeln, so werden wir gewiß nichts dagegen haben. Daß der Papst unbedingt Souverän bleiben muß, daß er nie Untertan einer anderen Macht werden darf, das ist wohl selbstverständlich. Wie sollten wir Katholiken Direktiven vom Untertan einer anderen Macht entgegennehmen? Von diesem Gesichtspunkt könnten wir unter gewissen Umständen eine Uebersiedlung des Papstes nach Jerusalem nur gutheißen und unterstützen. Selbstverständlich müßten Garantien gegeben werden; etwa ein Protektorat aller. Mächte über Palästina. Für so sehr unwahrscheinlich muß die ganze Idee nicht gehalten werden; ist doch schon Elsaß-Lothringen als Sitz des Papstes erwogen worden. Wie gesagt, alles hängt vom Papst selbst ab. Souverän muß er unter allen Umständen bleiben. Zum Begriff der Souveränität gehört aber auch territoriale Macht, und die wäre in Palästina gegeben. Palästina, ein christlicher Staat, ein Staat der Christen, unter der Herrschaft des Papstes! Ich müßte lügen, wenn ich leugnen sollte, daß ich mich darüber freuen würde. Und ich glaube, jeder Katholik mit mir." Eine französische Stimme über die Zukunst der Juden in Rußland. In Paris ist dieser Tage ein Buch über Rußland erschienen, das auch für die Juden von besonderem Interesse ist. »Ln Russie: hier, aujourd’hui, demain« nennt der französche Historiker Jaques Daugay sein Buch, das bei Ottendorf erschienen ist und zu dem Emilie Faguet das Vorwort schrieb. Ein besonderes Kapitel handelt von den Juden. Geschichtlich Neues über die Juden enthält das Buch nicht. Von Bedeutung find bloß seine Schlußfolgerungen. „Hier gibt es also fünf Millionen Menschen", so schließt Daugay das Kapitel über die Juden, „eingezwängt in einem engen Raum, mit dem Verbot, aus diesem Kreise herauszutreten, sie werden auf diese Weise gewissermaßen in einer ständigen Quarantäne gehalten. Indem sie von der Verwaltung selbst desjenigen Landteiles, den sie bewohnen, ausgeschlossen bleiben und auch der seltenen Privilegien beraubt wurden, deren sich ihre Voreltern innerhalb der Grenzen des Ghettos erfreuen durften, werden diese Parias unter dem Druck der Verhältnisse direkt zu Elementen der Unruhe und der Anarchie herabgedrückt. Aus diesem Grunde wird Rußland gezwungen sein, früher oder später die Judenfrage zu lösen. Das Beste wäre wohl, die Juden durch einen mehr oder minder raschen Uebergang aus ihrer gegenwärtigen Lage zur vollständigen Emanzipation hinüberzuleiten. Dieser Uebergang wäre wohl unerläßlich, um ihren Partikularismus zu überwinden, und sie über das Reich zu zerstreuen. Es ist jedoch sehr zu bezweifeln, daß die Lösung des Problems diesen Weg nehmen werde. Es wird in Rußland wahrscheinlich dasselbe eintreten, was in Frankreich, dann in Deutschland oder Italien geschah. Die Lage der Juden wird sich nicht ändern, bis eines Tages Nikolaus II. oder einer seiner Nachfolger, um eine gerade sieghafte politische Partei zu befriedigen, die Gewissensfreiheit und die Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz proklamieren wird. Und die Juden werden, wie überall, von einem Akte profitieren, der eigentlich nicht für sie speziell gemacht wurde. _ Die jüdischen Ahnen europäischer Herrscher. In den letzten Tagen war von einer Abstammungsreihe die Rede, die das heutige englische Königshaus auf dem Umweg über die Stuarts und ältere schottische Könige direkt von König David ableiten wollte. Die Berichte über vorchristliche Ahnen der schottischen Könige entbehren aber der notwendigen wissenschaftlichen Grundlage, ebenso wie die Geschichte vom jüdischen Ursprung der irischen Herrscher. Dagegen wird es wohl weitesten Kreisen unbekannt sein, daß sämtliche heute regierenden Fürsten in weit näherer Zeit als in den Tagen Davids erweisbar jüdische Ahnen besitzen, auf die eine historisch sichergestellte Stammfolge zurückführt. Es würde hier zu weit führen, auf alle Einzelheiten einzugehen. Nur zweier fürstlicher Damen jüdischen Ursprungs möge gedacht werden, die auf dem Wege der weiblichen Linie als Vorfahren unserer. gesamten Herrscherhäuser figurieren. Von Irene, Kaiserin von Byzanz, der Tochter des

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