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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Stete £4 Dr. VWHs WochMchrfft es der Mühe wert fanden, auf unsere Bitte einzugehen, während die anderen überhaupt keine Notiz davon nahmen. Gleichwohl erscheint es ausgeschlossen, daß sich in den andern Schulen kein einziges armes Kind gefunden haben sollte, obwohl gerade diese Bezirke zu den Mittelpunkten jüdischen Elends zählen. Es wäre mindestens sehr bedauerlich, daß die Mehrzahl der Herren Religionslehrer so wenig Interesse für ihre jüdischen Kinder haben sollte, zumal da wir uns nur an sie wenden können. Schreiben wir au den Schulleiter um Kinder, so schickt er Christen, fügen wir ausdrücklich hinzu „Juden", dann schickt er überhaupt keine. Es ist zwar keine Not, hungernde Kinder zu finden, doch ziehen wir es immer vor, von der Schule Empfohlene zu (nehmen) beteilen, um so die Schule in ihrem Wirken zu unterstützen. Selbstverständlich wäre es notwendig, daß die Herren Lehrer dann nicht abseits stehen. Für die Aufnahme bestens dankend, mit vorzüglicher Hochachtung Rudolfine Koch, Leiterin der Sektion Verköstigung des Elternvereines „Pestalozzi", Wien, II-, Große Schiffgasse 21. Franz Liszt und der Antisemitismus. Auch Franz Liszt ist dem Geschicke nicht entgangen von den biederen Antisemiten als Gesinnungsgenosse reklamiert zu werden. Da hat einer das Buch Liszt's über die Musik der Zigeuner durchgeblättert, einige auf Juden und Judentum bezügliche Stellen ohne Verständnis überflogen und aus dem Zusammenhang gerissen, veröffentlicht und sofort war aus dem edlen Menschenfreund Liszt ein in der Wolle gefärbter Judenhetzer geworden. Ihm selber war die ihm angeschwärzte Untat des Antisemitismus sehr ärgerlich. Wie er in Wahrheit über diese schmachvolle Bewegung unserer Ze.it dachte, das ergibt sich unzweideutig aus zwei Briefen, die in einer soeben veröffentlichten Sammlung (Leipzig bei Breitkopf und Härtl) abgedruckt sinv. Der eine ist an den Redakteur der „Gazette de Hongrie" gerichtet und lautet in wortgetreuer Uebersetzung: „Nur mit Bedauern richte ich diese Zeilen an Sie, allein, da sich hier in Pest das Gerücht von meiner angeblichen Feindseligkeit gegen die Israeliten verbreitet hat, muß ich den Irrtum dieses falschen Gerüchtes aufhellen. Menschen von allgemein anerkannter Bedeutung in der musikalischen Welt, Meyerbeer an der Spitze, haben mich mit ihrer Achtung und Freundschaft beehrt, ebenso, wie Heine und andere Berühmtheiten aus der literarischen Welt. Es scheint mir überflüssig, die vielen Beweise meiner tatkräftigen wohlwollenden Gesinnung aufzuzählen, welche ich während fünfzig Jahre gegen talentvolle und begabte Israeliten an den Tag gelegt, ebenso enthalte ich . mich, von meinen freiwilligen Beiträgen zu den Wohltätigkeitseinrichtungen des Judentums in den verschiedenen Ländern zu reden. Die Losung meines Schutzpatrons, des heiligen Franziskus von Paula, heißt: Caritas! Ihr werde ich mein Leben lang treu bleiben! Wenn man auf Grund einiger aus meinem Buche über die Zigeuner herausgerissenen Stellen mit mir Händel gesucht und daraus etwas gemacht hat, was man auf französisch eine „querelle d’Allemand“ nennt, so kann ich mit gutem Gewissen versichern, daß ich mich keines anderen Vergehens schuldig gemacht habe, als schüchtern die These vou dem Königreich Jerusalem zu wiederholen, welche vorher schon von Disraeli, von der George Elliot und von Cremieux, drei Israeliten vou hohem Ansehen, erörtert worden war." Noch schärfer weist er die ihm zugesügte Kränkung in einem Briefe an Herrn Otto L e ß m a n n zurück: „Herzlichen Dank, verehrter Freund, für Ihre zutreffende, wahrheitsgemäße Berichtigung meiner keineswegs anzuzweifelnden, noch furchtsamen Stellung in der Semiten- Rr. 43 frage. Losung und Lösung derselben ist Sache der Beharrlichkeit der Israeliten und der allwaltenden göttlichen Vorsehung." Das klingt freilich ein wenig anders, als d n antisemitischen Schreiern zu hören lieb sein kann. Allein es ist ein einfaches Gebot der Gerechtigkeit, das Andenken eines so teuren Menschen wie Franz Liszt nicht verunglimpfen zu lassen. Spinoza als Prophet. Aus Anlaß der Revolution in China, die darauf abzielt, die Mandschu, den herrschenden, 1644 eingewanderten, landfremden Stamm, der Herrschaft zu berauben, wird in dcr „Vossischen Zeitung" auf eine Aeußerung Spinozas im dritten Kapitel seines „Theologisch.politischen Traktates" hingewiesen, die die jetzige chinesische Bewegung vorhersagt. Der berühmte Philosoph schreibt nämlich: „Wir haben hiervon (d. h. von der Erhaltung einer Nation durch ihre Absonderlichkeiten) ein auffallendes Beispiel an den Chinesen, die ebenfalls ein Zeichen am Kopfe aufs gewissenhafteste beibehalten, wodurch sie sich von allen andern absondern; und so abgesondert haben sie sich so viele Jahrtausende erhalten, daß sie alle anderen Nationen an Alter weit übertreffen: sie haben auch ihr Reich nicht immer behauptet, aber sie erlangten es doch wieder, »wenn sie es verloren hatten, und werden es ohne Zweifel wieder erlangen, wenn die Lartaren (d. s. die Mandschu, die 26 Jahre, bevor Spinoza dies schrieb, sich China unterwarfen) durch die sieppigkeit des Reichtums und durch Fahrlässigkeit zu erschlaffen beginnen werden." Dieser Zeitpunkt scheint jetzt gekommen zu sein, und in nicht allzuferner Zeit wird es sich entscheiden, ob Spinoza mit seiner Prophezeiung recht behalten soll. Leo Tolstoi über die pädagogische Bedeutung der Bibel. Eine Berner Dissertation von Golda Plowsner beschäftigt sich u. a. mit Tolstois Ansichten über den Wert des Unterrichtes in den biblischen Geschichten. Die Verfasserin führt folgendes aus: „Keine Erzählung aus der russischen Geschichte,. keine Begebenheit aus dem Neuen Testament macht nach den Erfahrungen Tolstois einen, so nachhaltigen und innerlichen Eindruck, wie das Alte Testament. Auf Grund dieser Erfahrung stellt Tolstoi den Satz auf, daß die Bibel das einzige Buch ist, durch welches in der an Kenntnissen und Erfahrungen noch so armen Seele des Kindes diejenige Liebe zu den Kenntnissen erweckt werden kann, in der er die Vorbedingung alles Lernens und Erlernens erblickt, und daß sie, wie kein anderes Buch geeignet ist, die jungen Individuen in die ihnen noch unbekannten Welt- und Lebensverhältnisse einzuführen. Dabei erhebt sich für ihn zunächst die Frage nach dem Grund dieser einzigartigen erzieherischen Wirksamkeit, den er sowohl in der Form, wie dem Inhalt der Bibel zu finden glaubt. „Ich kenne kein Werk", sagt er, „das wie dieses alle Seiten der Menschenidee in gleich knapper und poetischer Form darstellt." Das Kind ist nicht fähig, die Vielgestaltigkeit der modernen Kulturverhältnisse mit seinem Geiste zu umspannen. In der Bibel aber sind eben dieselben Verhältnisse in ihren einfachsten Grundformen erkennbar, und das Kind lernt hier alle Beziehungen der Menschen untereinander zum ersten Male begreifen. Was Homerfür die Griechen war, das, meint er, ist die Bibel für unsere moderne Gesellschaft; „sie ist ein für die Entwicklung des menschlichen Geistes unentbehrliches Hilfsmittel." Aber auch der emotionale Faktor wird für die pädagogische Wirksamkeit der Bibel namhaft gemacht. „Zum ersten Male tritt hier die Weisheit in kindlich schlichter Form vor den Geist des jugendlichen Individuums und ergreift es ganz und gar." „Wer hat noch nicht geweint über die Geschichte Josefs und seiner Begegnung mit den Brüdern? Wer hat nicht

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