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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 712 TK.MdchsWWW Nr.43 wäre. In der Journalistik will ich nur auf Rudolf Moste und auf Leopold Sonnemann, den Gründer der „Frankfurter Zeitung", binweifeu. Ueber den Wert, die Bedeutung und den Einfluß dieses Blattes braucht man hiute kaum noch etwas zu sagen. Die „Frankfurter Zeitung" ist heute das deutsche Weltblatt. Sonnemann war aber nicht nur ein hervorragender Politiker und Geschäftsmann. Seine Bedeutung für das öffentliche Leben und sein weiter Blick bewährte sich in hervorragendem Maße bei der Veranstaltung der elektrischen Ausstellung. Er war ein Mitbürger, wie wir uns nur recht viele wünschen können. Literarisch sind ebenfalls viele Juden hervorragend tätig. Heine hat allerdings bei uns noch nicht die Würdigung gefunden, die ihm im Ausland zuteil wird. Der Redner kritisierte dann die antisemitischen Strömungen an den Universitäten. Das Projekt der Frankfurter Universität hat aber gerade in jüdischen Kreisen besondere Förderung gefunden. Der märkische Dichter Fontane hat gesagt, daß wir alle Errnngenschäften der feineren Kultur vorwiegend dem Judentum verdanken. Man muß endlich mit dem Schlagwort vom internationalen Judentum aufräumen und das Judentum auch bei uns mehr asiimilierev, wie das in Frankreich, England und Amerika bereits der Fall ist, und glücklicherweise bereits in Frankfurt. Der Antisemitismus ist moralisch verwerflich, unklug, eine lächerliche Schwäche, eine der subalternsten Bewegungen, die wir je im öffentlichen Leben Deutschlands gehabt haben. Aber um eines möchte ich die Juden bitten, uns den Kampf durch mehr Steifnackigkeit zu erleichtern. Damit unterstützen sie uns am besten, schloß der Redner seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen. In der Diskussion wandte sich Stadtverordneter Fromm gegen Sombarts Auffaffung. Der Talmud schreibe sogar direkt vor. daß ein Drittel des Vermögens in Grundbesitz anzulegen sei. Der Redner verwahrte sich auch dagegen, daß die Juden ein fremdes Volk im deutschen Volk seien, sie seien gleichberechtigte Deutsche jüdischer Konfession. Rektor H e u z e s bilderte die von Konsul Simon-Hannover ins Leben gerufene jüdische Erziehungsanstalt Ahlem, deren Erfolge bewiesen, daß das Judentum auch für Ackerbau und Handwerk sich trefflich eigne. Justizrat Dr. Blau will vom Standpunkt des überzeugten Juden aus eine scharfe Scheidelinie gegen jene gezogen wissen, die aus anderen als religiösen Gründen die jüdische Gemeinschaft in ihren schweren Kampf verlosten haben. (Bravo!). wenn natürlich auch vom Standpunkt des Vereines zur Bekämpfung des Antisemitismus kein Unterschied zwischen getauften und ungetauften Juden gemacht werden könne. Nach kurzer weiterer Debatte erstattete Dr. Baerwald dev Kassenbericht. Er teilte u. a. mit, daß in den nächsten Wochen der „Antisemitenspiegel" in einer Neubearbeitung erscheinen wird. Nachdem noch die ausgeschiedenen Ausschuß- Mitglieder durch Akklamation wiedergewählt worden waren, wurde die Versammlung geschlossen. GberrabbirrerDr. Josef Hirsch DLrrner s. A. In dem Oberrabbiner von Amsterdam und Rektor des Niederländisch-Israelitischen Seminariums ist wohl eine der größten rabbinischen Autoritäten Europas .dahingegangen. Es wäre Undank, wenn die Inden unseres Landes nicht erführen, wen das Judentum besessen und verloren habe und wenn nicht auch wir in tiefer Trauer dieses Großen in Israel gedächten. Ein ganz merkwürdiges Menschenleben ist hier abgeschlossen, eine Individualität von historischer Größe, welche die Spuren ihres Schaffens und Wirkens tief in den gesegneten Boden der glücklichen Niederlande und unverwischbar eingegraben hat. Er ward in Krakau im Jahre 1833 frommen, edlen Eltern geboren, welche das Kind im Geiste und Sinne der damaligen Zeit erzogen. Als fünfjähriger Knabe erregte er schon die Bewunderung der Gemeindeleute durch sein phänomenales Gedächtnis und seine Kermtnis der heiligen Schrift; er wurde als Wunderkind ins Beth-Hamidrasch gebracht. Im zwölften Lebensjahre beherrschte er die Talmude und die Ritualcodices in solcher Weise, daß er als Charif in der Gemeinde bekannt war. Die größten Rabbineu. Krakaus zollten dem halbwüchsigen zarten Knaben die höchste Anerkennung; ja er wurde uoch als Jüngling in die Reihe der Beth-Hemidrasch-Rabbinen ausgenommen und saß im gelehrten Rate der Alten. — Sein rastloser Geist strebte jedoch weiter. Er wollte auch profanes Wissen erwerben und betrieb mit Eifer Philosophie. Das wurde ruchbar. Und ein Attentat war die Antwort einiger fanatischer Jünglinge. Eine Narbe im Rücken legte Zeugnis ab von diesem traurigen Jugenderlebnis. — Schwerbeladen mit umfassender Kenntnis der gesamten Talmudwiffenschast, wurde er von seinem schon lange nach Deutschland ausgewanderten Bruder Wolf Dünner, der als einer der größten Talmudisten des Reiches bekannt war, aus Galizien geholt und ging über Würzburg nach Münstereiffel, woselbst er als Zweiündzwanzigjähriger die Gymnasialstudien begann und nach kaum 2 Jahren mit Glanz maturierte, um dann die Universität Bonn zu beziehen. Sein Ruf als großer Talmudgelehrter hatte sich unterdes in Deutschland in eingeweihten Kreisen verbreitet. Mit Feuereifer warf er sich auf das Studium der Philosophie, Geschichte und der Orientalin. Einer seiner Meister war Christian August Brandes, der ihm eine große Zukunft verhieß. In Heidelberg wurde er zum Doktor promoviert. Nun kam der Wendepunkt. Rabbi Meir Lehren, Bruder des berühmten Rabbi Akibah Lehren in Amsterdam lernte Dünner kennen und erzählte begeistert von dem Eindrücke, den der junge Gelehrte auf ihn gemacht. Rabbi Akibah Lehren lud ihn nach Amsterdam ein und erkannte in ihm mit richtigem Blicke eine Leuchte der jüdischen Wissenschaft, erkannte in Dünner die unantastbare Größe des Charakters, die Tiefe der Erkenntnis und die Hoheit seines Wesens. — Er ruhte nicht, als bis Dünner zum Rektor des Theologischen Seminariums in Amsterdam erwählt wurde. Die wissenschaftliche Kapazität Dünners ward bald in ganz Holland bekannt. Eine Professur der Universität Leyden lehnte er ab. Mit ganzer Macht nahm er die Reorganisierung des Seminars vor. Es war eine Umgestaltung an Haupt und Gliedern. Achtklassiges Gymnasium, Hochschule für Rabbiner, Bildungsstätte für Religionslehrer aller Grade. Durch alle Glieder floß mit einemmale das warme Blut rastlosen Schaffens. Jetzt kam die Größe des Mannes zum Ausdruck, Unbeugsamer Charakter, eiserne Pflichterfüllung, unwankbare Konsequenz, alles Maß überschreitender Fleiß, Strenge gepaart mit Herzensgüte. Nichts von materiellem Vorteile für sich, Alles für. Andere.^ Unabhängigkeit im .Denken .und. Handeln. Tiefste Frömmigkeit," fast Heiligkeit utt Lebenswandel. Was dieses Seminar für Holland bedeutete? Alle Oberrabbiner und Rabbiner, fast alle Religionslehrer des ganzen Landes sind Dünners Schüler. Alle tüchtig, wacker, geblldet, unbedingt religiös, streng konservativ. Dort ist es undenkbar, daß Lehrer der Religion auch nur um Haaresbreite vom Gesetze und der Lehre weichen. Man kann sich denken, wie diese geniale Organisation die gesamte Judenheit der Niederlande ergriff und allmählich so umfaßte, daß die religiöse Erziehung des Landes in Dünners Händen lag. Als es sich nach vieljähriger Vakanz — es waren Jahrzehnte vergangen — um die Besetzung des in der ganzen Welt hochgeachteten Rabbinatssitzes handelte, wandten sich aller Augen auf den unterdeß zum Holländer gewordenen Rektor aus Krakau, vor dem sich alle in Bewunderung und Verehrung beugten und er wurde zum geistlichen Oberhaupte der Gemeinde erwählt. Auch das war von historischer Bedeutung. Denn in gleichem Sinne, wie als Rektor und Gelehrter, nahm er die Aufgaben des Oberrabbinats und wurde Beispiel und Ideal aller Rabbiner des Landes. Sein Leben und Gehaben als Oberrabbiner finden ihresgleichen nur in den fast legendarischen Gestalten der Vergangenheit. Und wie einer seiner glänzendsten Schüler an der Bahre des Meisters sagte, so war es: „er besaß den Geist und die Beredsamkeit eines Josajah, die Heiligkeit und Größe eines Elijah, den Eifer eines Pinehas." Die Summe seines Wissens ging weit über menschliches Maß hinaus, seine Kenntnis der talmudisch-wissenschaftlichen Literatur erreichte die Größe der Amoräergeschlechter, der .Adel seines Herzens wurde nur noch von dessen Güte übertroffen, Ein Aristokrat des Geistes und der Seele. .. ... Alles, womit.. er in Berührung kam, wurde ein Ausdruck seines Wesens. Und das war das ganze, jüdische .Leben in Holland. Ihm. dankt es seine. Kraft.undGröße. Keiu

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